Ärzte Zeitung, 04.07.2012

Krebs: Als Kind geheilt - später wieder Krebs

Bei Kindern mit Krebs steigt je nach Dosis der Bestrahlung sowie je nach Art einer Chemotherapie das Risiko für sekundäre Neoplasien im Darm. Für Ärzte kann dieses Wissen wichtig zur Früherkennung sein.

Von Peter Leiner

Als Kind vom Tumor geheilt - später an Darmkrebs erkrankt

Ausschnitt einer Darmbiopsie mit Krebszellen.

© Eye of Science / Agentur Focus

MEMPHIS. Wenn Patienten, die als Kinder erfolgreich gegen Krebs behandelt wurden, später im Leben Darmkrebs bekommen, so korreliert das Risiko für diesen Zweittumor mit der Dosis der Bestrahlung und einer Chemotherapie, die Alkylanzien, etwa Cyclophosphamid, enthält.

Zwar können inzwischen etwa 80 Prozent der an Krebs erkrankten Kinder geheilt werden. Trotzdem ist bei ihnen noch viele Jahre nach Auftreten des Primärtumors sekundär mit einem kolorektalen Karzinom zu rechnen.

Werden krebskranke Kinder durch Chemotherapie und Bestrahlung geheilt, besteht Jahrzehnte später ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs.

In mehreren Studien wurde eine kumulative Inzidenz dieses Sekundärtumors zwischen 0,1 und 2,4 Prozent im Alter von 30 Jahren dokumentiert. Primärtumoren im Kindesalter waren etwa hämatologische Malignome, Hirntumoren und Sarkome.

Pädiater der St. Jude-Kinderklinik in Memphis haben jetzt in einer Fall-Kontroll-Studie untersucht, wie häufig Darmkrebs viele Jahre nach der Heilung des Primärtumors auftritt und in welchem Zusammenhang dies mit der Bestrahlung und der Chemotherapie des Primärtumors steht (JCO 2012; online 4. Juni).

Elffach erhöhtes Krebsrisiko

Dazu werteten die Hämatologin Dr. Kerri Nottage und ihre Kollegen die Daten von mehr als 13.000 Patienten aus, die als Kinder an der Klinik eine Krebstherapie erhalten hatten.

Insgesamt 19 Patienten entwickelten ein Adenokarzinom des Kolons oder des Rektums. Das häufigste Primärmalignom war bei ihnen das Hodgkin-Lymphom, an dem neun Patienten als Kinder erkrankt waren.

Im Median waren die Kinder zum Zeitpunkt der Diagnose des Primärtumors zehn Jahre, zum Zeitpunkt der Diagnose des Sekundärtumors 33 Jahre alt - der jüngste Patient 11, der älteste 47.

Außer bei einem Patienten, der nur die Chemotherapie erhalten hatte, wurden zur Krebsbehandlung Radiatio und Chemotherapie kombiniert.

In der US-Studie lag die kumulative Inzidenz für ein kolorektales Karzinom über einen Zeitraum von 40 Jahren seit der Diagnose des Primärtumors bei 1,4 Prozent.

Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung hatten Patienten, die Krebs in der Kindheit überlebten, ein um das Elffache erhöhtes Darmkrebsrisiko.

Bei Patienten, die jünger als 40 Jahre waren, war das Risiko etwas höher (11,3-fach), bei Patienten die älter waren, etwas niedriger (10,3-fach).

Höheres Risiko, je mehr bestrahlt wurde

Die statistische Auswertung ergab zudem, dass die Verwendung von alkylierenden Agenzien in der Chemotherapie das Risiko, später an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, um das 8,8-Fache erhöhte.

Mit jeder Steigerung der Bestrahlungsdosis um 10 Gy stieg das Risiko für den Sekundärtumor im Darm um 70 Prozent.

Erstmals konnten die US-Ärzte belegen, dass das Risiko für den Sekundärtumor umso höher war, je mehr Darmabschnitte in der Kindheit der Bestrahlung ausgesetzt waren.

Eine wichtige Erkenntnis dieser Studie ist nach Ansicht der Wissenschaftler, dass bei Patienten, die als Kinder Krebs hatten, Darmkrebs früher im Leben auftreten kann als in der übrigen Bevölkerung.

Bei Abdominalbeschwerden und unerklärlichem Eisenmangel sollte frühzeitig geklärt werden, ob vielleicht Darmkrebs die Ursache ist.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Neuroprothese lässt Gelähmten wieder zugreifen

Eine Neuroprothese ermöglicht einem Tetraplegiker, mit einer Gabel zu essen. Sein Hirn wird dabei per Kabel mit Muskeln in Arm, Hand und Schulter verbunden. mehr »

Mord und Totschlag in deutschen Kliniken?

Eine umstrittene Studie zu lebensbeendenden Maßnahmen in Kliniken und Pflegeheimen erhitzt die Gemüter. mehr »

Bruch mit dem deutschen Verordnungssystem?

Eine Gesetzesänderung ermöglicht Ärzten seit kurzem, Cannabis zulasten der Kassen zu verschreiben. Der Patient bezieht Cannabis aus der Apotheke. Das neue Rechtskonstrukt sehen viele aber als "Systembruch". mehr »