Ärzte Zeitung App, 18.12.2013

Dänische Studie

Erhöhte Krebsgefahr bei hohen Vitamin-B12-Werten

Taugen Vitamine als Tumormarker? Eine dänische Studie zeigt: Bei unerwartet hohen Vitamin-B12-Werten ist das Risiko für Leukämie im nächsten Jahr 100-fach erhöht, das für Leberkrebs 40-fach.

Von Thomas Müller

Erhöhte Krebsgefahr bei hohen Vitamin-B12-Werten

Blutproben im Labor: Dänische Forscher haben jetzt überraschende Verknüpfungen der Messwerte aufgedeckt.

© Killig / dpa

AARHUS. Mindestens zwei bis fünf Mikrogramm Vitamin B12 braucht ein Mensch täglich, um gesund zu bleiben, ein Mangel kann bekanntlich zu schweren Gesundheitsschäden führen.

Inzwischen gibt es aber auch Hinweise, dass zu hohe Vitamin-B12-Serumwerte mit negativen Auswirkungen für die Gesundheit verbunden sind.

So wurde in einigen Studien bei Menschen mit erhöhten Serumwerten auch eine erhöhte Krebsinzidenz beobachtet, und zwar für eine ganze Reihe von Tumoren.

Das muss allerdings nicht bedeuten, dass das Vitamin hier als Auslöser fungiert, erhöhte Serumwerte können auch Ausdruck verschiedener Störungen im Stoffwechsel sein.

So ist der Spiegel des Vitamins auch bei einigen Infekten, Autoimmunerkrankungen, Leberkrankheiten und Alkoholismus erhöht, berichten Epidemiologen um Johan Frederik Berg Arendt vom Uniklinikum in Aarhus in Dänemark (J Natl Cancer Inst 2013, online 18. November).

Register in Dänemark genutzt

Um zu schauen, ob tatsächlich etwas dran ist am erhöhten Krebsrisiko bei hohen B12-Werten, haben die Forscher das vorbildliche Registersystem Dänemarks genutzt. Dort lassen sich unter anderem sämtliche Ergebnisse von Laboruntersuchungen ausfindig machen, also auch die Vitamin-B12-Messwerte.

Das Team um Arendt hat sich nun alle Messergebnisse zu B12 aus den Jahren 1998 bis 2009 angeschaut, die in Norddänemark erhoben wurden.

Insgesamt konnten sie knapp 334.000 Personen identifizieren, bei denen in dieser Zeit aus welchen Gründen auch immer die B12-Spiegel bestimmt wurden.

Sie schlossen dabei Personen aus, die schon Krebs hatten oder mit B12-haltigen Präparaten behandelt wurden, ebenso Personen mit B12-Mangel. 6 Prozent (etwa 20.000 Dänen) zeigten dabei Werte, die über dem oberen Referenzlimit von 600 pmol/l lagen.

Nun glichen die Forscher um Arendt die Werte der einzelnen Personen mit Registern zu Krebserkrankungen aus den Jahren 1998 bis 2010 ab.

Sechsfach erhöhte Tumoren-Rate

Die Ergebnisse: Von allen berücksichtigten Personen mit einer B12-Messung entwickelten 7 Prozent in den folgenden Jahren eine Krebserkrankung.

Wie das Team um Arendt feststellte, korrelierte die Inzidenz tatsächlich mit der Höhe der B12-Spiegel, vor allem im ersten Jahr nach der Messung: Das standardisierte Inzidenzverhältnis lag hier in der Gesamtgruppe bei 2,17.

Es traten mehr als doppelt so viele Krebserkrankungen auf, als in Norddänemark in der entsprechenden Altersgruppe zu erwarten waren. Dies ist insofern nicht erstaunlich, als die B12-Messung in der Regel bei Personen veranlasst wird, die bereits ein gesundheitliches Problem haben.

In dieser Gruppe dürfte also das Risiko für Erkrankungen aller Art erhöht sein.

Überraschend war jedoch, dass das standardisierte Inzidenzverhältnis bei B12-Spiegeln von 600 bis 800 pmol/l einen Wert von knapp 3,5 und bei B12-Spiegeln über 800 pmol/l einen Wert von 6,3 erreichte.

Die Krebsinzidenz war hier also bis zu sechsmal höher als erwartet und dreimal höher als bei Menschen mit normalen Serumspiegeln.

Ein Jahr nach der Messung hatte sich die Krebsinzidenz jedoch wieder weitgehend normalisiert: Insgesamt lag das standardisierte Inzidenzverhältnis dann noch bei 1,02, und selbst in der Gruppe mit den höchsten B12-Werten erreichte es nur 1,24.

Möglicherweise sind erhöhte B12-Werte also ein Marker für eine unmittelbar anstehende oder eine noch unentdeckte Krebserkrankung.

Myeloische Leukämie

Besonders ausgeprägt waren die Unterschiede bei jüngeren Menschen (unter 50 Jahren). Hier lag die Krebsinzidenz bei B12-Werten jenseits der 800 pmol/l neunfach höher als erwartet. Vor allem hämatologische Tumoren traten in dieser Gruppe gehäuft auf, und zwar 24-mal häufiger als in der übrigen Bevölkerung.

Zu Tabak- und Alkohol-assoziierten Tumoren kam es in der Gruppe mit den höchsten B12-Werten achtmal häufiger als erwartet, nur leicht erhöht war die Inzidenz für Hormon-assoziierte Krebsformen.

Bezogen auf einzelne Tumorarten war die Inzidenz bei hohen B12-Werten um den Faktor 105 für myeloische Tumoren erhöht, und die Leberkrebs-Inzidenz war 40-fach höher als erwartet.

Mit Erklärungen für die hohen B12-Spiegel tun sich die Autoren um Arendt jedoch schwer.

Ein Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln scheidet aus, selbst hoch dosierte Vitamin-B12-Präparate würden die Serumwerte kaum beeinflussen, allenfalls Injektionen verordnungspflichtiger Präparate könnten die Werte nennenswert erhöhen, aber Patienten mit B12-Therapie waren ja ausgeschlossen worden.

Was die hohen B12-Spiegel verursacht, bleibt demnach ebenso ein Rätsel wie der Zusammenhang mit bestimmten Tumorerkrankungen.

Aber immerhin scheinen hohe B12-Werte für bestimmte Tumoren ein sehr guter Frühmarker zu sein.

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