Ärzte Zeitung online, 31.01.2014

Epidemiologie

Krebsüberleben hängt vom Wohnort ab

Wo ein Krebspatient wohnt, beeinflusst offenbar seine Chance, die Erkrankung zu überleben. Die Frage ist bloß, was die Ursachen dafür sind.

HEIDELBERG. Patienten aus den wirtschaftlich schwächsten Landkreisen in Deutschland haben bei Krebs schlechtere Überlebenschancen, vor allem in den ersten drei Monaten nach Diagnose. Darauf weist das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) aus Anlass des Weltkrebstags am 4. Februar hin.

DKFZ-Forscher um Professor Hermann Brenner haben die Daten von zehn der 16 deutschen Landeskrebsregister ausgewertet, die insgesamt fast 40 Prozent der gesamten deutschen Bevölkerung abdecken, berichtet das DKFZ.

Die Analyse habe eine Million Patienten berücksichtigt, die zwischen 1997 und 2006 an einer der 25 häufigsten Krebsarten erkrankt waren (IJC 2013; online 2. Dezember).

Um die Anonymität der Patienten zu sichern, erfolgten die Analysen nicht auf der Basis der Wohnorte, sondern der Landkreise. Die Epidemiologen teilten die Kreise anhand eines Schlüssels von Parametern nach ihrer sozioökonomischen Situation ein.

Dazu wurden zum Beispiel das pro Kopf-Einkommen, die Arbeitslosenquote oder die kommunalen Ein- und Ausgaben herangezogen.Erkrankte aus dem sozioökonomisch schwächsten Fünftel der Landkreise starben nach ihrer Krebsdiagnose früher als Krebskranke in allen übrigen Regionen.

Dies galt für alle 25 Krebsarten. Patienten aus den sozioökonomisch schwächsten Landkreisen hatten in den ersten drei Monaten nach Diagnose ein 33 Prozent höheres Risiko zu sterben. Neun Monate nach Diagnose lag der Unterschied bei 20 Prozent, in den folgenden vier Jahren stabil bei 16 Prozent.

"Zunächst hatten wir vermutet, dass Menschen in ärmeren Gegenden möglicherweise die Früherkennung seltener wahrnehmen. Dann würde Krebs bei ihnen erst in späteren Stadien mit schlechteren Heilungschancen entdeckt", wird Dr. Lina Jansen, die Erstautorin der Arbeit, zitiert.

Janse: "Aber daran liegt es nicht: Die Unterschiede im Überleben bleiben bestehen, wenn wir bei der Auswertung die Stadienverteilung berücksichtigen."

Nach Ansicht der Forscher lassen die Ergebnisse nicht unbedingt Rückschlüsse zu auf die individuelle Situation der Patienten, sondern könnten ebenso gut Merkmale der jeweiligen Region widerspiegeln. So könnten in sozioökonomisch schwächeren Landkreisen spezialisierte Therapiezentren schlechter erreichbar sein oder weniger Plätze bieten.

Da sich die Analysen nur auf der Ebene des Landkreises durchführen ließen, hätten die Wissenschaftler eine gewisse Unschärfe in Kauf nehmen müssen, schreibt das DKFZ. Durchschnittlich leben in jedem der untersuchten Landkreise 160.000 Menschen, die ein breites sozioökonomisches Spektrum abbilden.

"Mit genaueren Angaben wären auch präzisere Rückschlüsse über den Zusammenhang von Wohlstand und Krebsüberleben möglich", so Jansen. "Anhand der Daten der klinischen Krebsregister werden wir in Zukunft zumindest feststellen können, ob es Unterschiede in der Behandlung gibt."

"Es ist dringend erforderlich, dass wir die Ursache für die erhöhte Sterblichkeit bei den Patienten aus sozioökonomisch schwächeren Regionen herausfinden", wird Professor Otmar D. Wiestler zitiert, der Vorstandvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums.

"Nur wenn wir die Gründe kennen, können wir gezielt etwas dafür tun, dass alle Krebspatienten in Deutschland die gleiche Chance haben." (eb)

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