Ärzte Zeitung, 23.06.2014

Leitartikel zum Kampf gegen Krebs

Immuntherapien rücken in den Fokus

Langsam erhält die Immuntherapie die Aufmerksamkeit, die ihr zusteht. Die Behandlung mit Immunzellen bietet neue Chancen im Kampf gegen Krebs.

Von Peter Leiner

Immuntherapien rücken in den Fokus

Krebszelle: Neue Therapien mit gentechnisch veränderten T-Zellen sind in Sicht.

© Eraxion / iStock / Thinkstock

Das US-Wissenschaftsjournal "Science" hat die Immuntherapie gegen Krebs mit dem Titel "Breakthrough of the Year 2013" ausgezeichnet. Damit ist diese Forschungsrichtung zu Recht gewürdigt worden. Zu der Entscheidung habe die Erkenntnis beigetragen, dass diese Strategie das Potenzial habe, Leben zu retten, so die Autoren in "Science".

Die Krebsimmuntherapie hat viele Facetten und reicht von der Antikörpertherapie bis zur zellulären Therapie mit Lymphozyten. Angefangen hatte die Forschung zur zellulären, adoptiven Immuntherapie mit der Entdeckung des Pioniers Professor Steven Rosenberg, dass es tumorinfiltrierende Lymphozyten gibt, die nach einer Reinfusion gezielt dafür sorgen, dass Tumoren schrumpfen.

Das war in den 1980er-Jahren. Seither hat sich die Immuntherapie so stark weiterentwickelt, dass sie extrem komplex geworden ist - aber auch erfolgreicher.

Um dem Immunsystem im Kampf gegen Krebs auf die Sprünge zu helfen, hatte sich Rosenberg, der an den US-National Institutes of Health (NIH) in Bethesda forscht, Mitte der 1980er-Jahre des Interleukins 2 bedient, mit dem er zeigen konnte, dass das Immunsystem tatsächlich eine wichtige Komponente im Kampf gegen Tumoren sein kann.

Inzwischen greifen die Wissenschaftler auf das Potenzial der synthetischen Biologie zurück, die sich Erkenntnisse der modernen Gentechnik und der Molekularbiologie zunutze macht, um die immunologische Abwehr maligner Zellen effizienter zu gestalten.

Dabei ist es den Forschern inzwischen sogar gelungen, Rezeptoren von körpereigenen T-Lymphozyten mithilfe der Gentechnik so zu verändern, dass die manipulierten körpereigenen Zellen gezielt Malignome zerstören.

Erfolg bei akuter lymphatischer Leukämie

Das bisher eindrucksvollste Beispiel dafür, dass diese Strategie sehr erfolgreich sein kann, ist die Behandlung der US-Amerikanerin Emily Whitehead: Im Alter von sechs Jahren hatte das Mädchen die Immuntherapie an der Klinik in Philadelphia wegen einer akuten lymphatischen Leukämie erhalten. Es hatte zuvor auf keine Chemotherapie angesprochen und musste schließlich sogar intensivmedizinisch versorgt werden.

Wegen der Rezidivierung war sie bereits für eine Knochenmarktransplantation vorgesehen. Mithilfe der speziellen Immuntherapie mit ihren eigenen gentechnisch veränderten T-Zellen gelangte sie jedoch innerhalb kurzer Zeit in Remission. Vor Kurzem, am 10. Mai 2014, hatte Emily allen Grund zu feiern: Nach Angaben der Familie war sie zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren ohne weitere Behandlung krebsfrei.

Nicht zuletzt durch solche beeindruckenden Erfolge ist Bewegung in die Forschung mit zellulärer Immuntherapie gekommen, an der zunächst nicht besonders großes Interesse bestand. Das ist unter anderem daran erkennbar, dass solche Strategien bisher im Wesentlichen an universitären Forschungseinrichtungen entwickelt worden sind und sich pharmazeutische Unternehmen eher zurückhaltend gezeigt hatten.

Erst langsam scheint sich das zu ändern. Zum verstärkten Interesse tragen sicher auch Initiativen wie die des Cancer Research Institute in New York bei, das im vergangenen Jahr den Juni zum Monat der Krebsimmuntherapie ausgerufen hat, um das Bewusstsein für diese hoffnungsvolle Option in der Bevölkerung zu stärken - natürlich auch, um an Spenden für diese kostspielige Forschung zu kommen.

Dazu steuert viel aber auch die international beachtete und vom Bundesforschungsministerium geförderte Association for Cancer Immunotherapy (CIMT) in Mainz bei, die vor zwölf Jahren von Ärzten und Forschern gegründet wurde und diese Forschungsrichtung auf hohem wissenschaftlichen Niveau vorantreibt.

Ära der adoptiven Immuntherapie?

Auch nach Ansicht von Professor Carl H. June aus Philadelphia, der Emily behandelt hat und dessen Erfolge diese Forschung bei soliden Tumoren beflügelt haben, stehen wir nach fünf Jahren erfolgreicher klinischer Forschung "an der Schwelle zu einem goldenen Zeitalter der adoptiven Immuntherapie mit T-Zellen". Er glaubt, dass sich diese Strategie als effektive Krebstherapie schon innerhalb der nächsten zehn Jahre etablieren wird.

Aber es ist schwierig, schon jetzt eine solche Vorhersage zu machen. Denn noch gilt es, einige Hürden zu überwinden. Dazu gehört auch der Kampf mit den Behörden um die Zulassung dringend benötigter klinischer Studien. Wie viel Toxizität ist tolerierbar?

Manche Forscher glauben, dass die Hürden für die Genehmigung solcher Studien in Europa höher sind als in den USA. Sie erinnern aber daran, dass es bei Stammzelltransplantationen auch zu schweren Nebenwirkungen kommen kann, was dennoch akzeptiert werde. Die Transplantation ist längst Standard.

Trotz mancher Rückschläge kann man die Immuntherapie gegen Krebs getrost als Durchbruch in der Medizin bezeichnen. Ärzte müssen sich darauf einstellen, dass auch die Therapie mit genetisch manipulierten Immunzellen in nicht allzu ferner Zukunft als ein Kombipartner zum Praxisalltag gehören wird.

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