Ärzte Zeitung, 28.10.2014

Risiko Übergewicht

Mit der Leibesfülle steigt die Krebsgefahr

Übergewicht erhöht offenbar nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, sondern auch für Krebs. Allerdings trifft das nicht auf alle Arten von Tumoren zu, wie britische Forscher herausgefunden haben.

Von Christine Starostzik

Mit der Leibesfülle steigt das Krebsrisiko

Übergewicht hat offenbar auch einen Einfluss auf das Krebsrisiko.

© viperagp/fotolia.com

LONDON. Immer wieder werden Verbindungen zwischen Krebs und Leibesfülle diskutiert. Inwieweit ein erhöhter Body-Mass-Index (BMI) mit den 22 häufigsten Tumorentitäten in Zusammenhang steht, haben Krishnan Bhaskaran und Kollegen aus London jetzt in einer populationsbasierten Kohortenstudie untersucht (The Lancet 2014; 384(9945): 755-765).

In ihre Modellrechnungen schlossen Bhaskaran und Kollegen die Daten von 5,24 Millionen Patienten der Primärversorgung ein. 166.955 Personen entwickelten in der mittleren Beobachtungszeit von 7,5 Jahren eine der untersuchten Krebsarten. Bei 17 der 22 Tumorentitäten konnten Zusammenhänge mit dem BMI festgestellt werden.

Größter Effekt beim Uteruskarzinom

Keine Effekte zeigten sich bei Tumoren des Rektums, der Blase, des Gehirns, des ZNS sowie beim Non-Hodgkin-Lymphom und beim multiplen Myelom. Der mit Abstand größte Effekt wurde beim Uteruskarzinom sichtbar. Mit jeder Zunahme des BMI um 5 kg / m2 stieg das adjustierte Risiko annähernd linear um 62 Prozent.

Weitere lineare Risikosteigerungen für eine Krebserkrankung fanden sich für die Gallenblase (31 Prozent), Niere (25 Prozent), Zervix (10 Prozent), Schilddrüse (9 Prozent) sowie bei der Leukämie (9 Prozent).

Bei einigen Krebsarten variierten die Zusammenhänge mit den individuellen Eigenschaften der Probanden. Hierzu zählten Tumoren der Leber, bei denen sich pro 5-kg / m2-Schritt das Gesamtrisiko um 19 Prozent erhöhte, des Kolons (10 Prozent) und des Ovars (9 Prozent) sowie der postmenopausale Brustkrebs (5 Prozent).

BMI-Effekt ist bei Männern ausgeprägter

Beim Kolon- und Leberkarzinom war der BMI-Effekt bei Männern deutlicher ausgeprägt als bei Frauen. Die Risikosteigerung für ein Ovarialkarzinom war bei prämenopausalen Frauen mit zunehmendem BMI klarer erkennbar als bei postmenopausalen. Beim prämenopausalen Brustkrebsrisiko und beim Prostatakarzinom zeigten sich sowohl innerhalb der Gesamtgruppe als auch bei den Nichtrauchern mit steigendem BMI > 22 kg / m2 bzw. > 27 kg / m2 inverse Beziehungen.

Ein Rückgang von Lungen- bzw. Mundhöhlenkrebs mit ansteigendem BMI wurde in der Gesamtgruppe gefunden, nicht aber bei Menschen, die nie geraucht hatten.

Die Heterogenität des BMI-Effekts lässt die Autoren vermuten, dass bei verschiedenen Tumoren und in verschiedenen Patientenpopulationen unterschiedliche Mechanismen ablaufen. So scheinen Veränderungen im Hormonhaushalt Einfluss auf die Zusammenhänge zu nehmen.

Bis zu 41 Prozent der Tumoren wären vermeidbar

Vorausgesetzt, es besteht tatsächlich eine Kausalität zwischen BMI und Krebsgeschehen, könnten nach Berechnungen 41 Prozent der Uteruskarzinome und mindestens 10 Prozent der bösartigen Tumoren in Gallenblase, Niere, Leber und Kolon dem Übergewicht zugeschrieben werden.

Dies bedeutet nach weiteren Analysen der Autoren, dass bei einem populationsweiten Anstieg des BMI um 1 kg / m2 weitere 3790 Briten jährlich an einer der zehn Krebsarten, deren Risiko durchgängig mit einem erhöhten BMI in Verbindung gebracht wurde, erkranken würden.

[28.10.2014, 08:14:51]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Größenwachstum, BMI, KOF und Krebsrisiko
Mehrere prospektive- und "follow-up"-Studien legen einen Zusammenhang zwischen Krebsrisiko, Körperoberfläche (KOF) und Größenwachstum nahe. Im Zusammenhang mit der „Womens Health Initiative“ (WHI) gingen G. C. Kabat et al. im letzten Jahr der Frage nach, inwieweit die Körpergröße bei postmenopausalen Frauen unterschiedliche Tumorrisiken und -lokalisationen beeinflusst [„Adult Stature and Risk of Cancer at Different Anatomic Sites in a Cohort of Postmenopausal Women“] http://cebp.aacrjournals.org/content/early/2013/07/25/1055-9965.EPI-13-0305.abstract

Bei 144.701 Frauen, die im Rahmen der Women's Health Initiative im Mittel 12 Jahre lang beobachtet wurden, fanden sich an 19 verschiedenen Lokalisationen insgesamt 20.928 Krebserkrankungsfälle [„144,701 women participating in the Women's Health Initiative and risk of all cancers combined and cancer at 19 specific sites. Over a median follow-up of 12.0 years, 20,928 incident cancers were identified.”] Die Hazard Ratio reichte signifikant von einem 13 Prozent höheren Risiko für Brustkrebs bis zu einem 29 Prozent höheren Risiko bei multiplem Myelom und Schilddrüsenkrebs in Abhängigkeit von der Körpergröße [“range of HRs: 1.13 for breast cancer to 1.29 for multiple myeloma and thyroid cancer”]. Der „Body Mass Index“ (BMI) konnte bei dieser Analyse n i c h t berücksichtigt werden.

Doch in den letzten 60 Jahren sind in hochindustrialisierten Ländern allein durch die Verbesserung der Ernährung und früher eintretende hormonelle Reifungsprozesse bei Frauen (und auch Männern) ansteigende Körpergrößen zu beobachten. Auch der Body-Mass-Index (BMI) und damit die Körperoberfläche (KOF) nehmen ebenso individuell wie kollektiv zu. So wie in großen Populationen von Menschen mehr Krankheitsprävalenzen und höherer medizinischer Versorgungsbedarf bestehen als in kleineren Populationen, bestehen große Patientinnen und Patienten individuell aus mehr Körperzellen, die potenziell entarten und einen Tumor induzieren können, als Kleinere. Nimmt man dazu den weltweit in hoch industrialisierten Ländern ansteigenden durchschnittlichen BMI, steigt die Zell- und Substanzmenge der betroffenen Patienten weiter an.

BMI- und KOF- Berechnungen können individuell z. B. nach der Mosteller-Formel über die Uniklinik Jena berechnet werden:
http://www.idir.uniklinikum-jena.de/bmi_kof.html
Besonders bei Krebserkrankungen der Hautoberfläche (Basaliom, Spinaliom, Karzinom, Melanom etc.) ist die Zunahme der KOF in Abhängigkeit vom BMI von Bedeutung.
45 kg bei 150 cm Größe bedeuten BMI 20 kg/cm² und KOF 1,37 m² -
55 kg bei 155 cm Größe bedeuten BMI 22,89 kg/cm² und KOF 1,54 m² -
75 kg bei 160 cm Größe bedeuten BMI 29,3 kg/cm² und KOF 1,83 m² -
100 kg bei 170 cm Größe bedeuten BMI 34,6 kg/cm² und KOF 2,17 m² -
140 kg bei 185 cm Größe bedeuten BMI 40,91 kg/cm² und KOF 2,68 m².

Extreme Adipositas und Größenwachstum lassen gegenüber kleineren, noch normgewichtigen Menschen die Körperoberfläche fast v e r d o p p e l n. Damit steigt das Risiko zumindest bei Tumorerkrankungen der Haut überproportional an.

Die hier von Frau Dr. Christine Starostzik hervorragend referierte Bhaskaran K et al.-Studie: "Body-mass index and risk of 22 specific cancers: a population-based cohort study of 5,24 million UK adults."
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)60892-8/fulltext#
stellt nun den Zusammenhang von Krebserkrankungen mit dem BMI als populationsbasierte Fall-Kontroll-Kohortenstudie in den Fokus.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Vgl. auch http://www.springermedizin.de/groessenwachstum-bmi-kof-und-krebsrisiko/4623298.html
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