Ärzte Zeitung, 26.12.2014

Angebote kaum bekannt

Nur jeder dritte Krebskranke nutzt die Reha

Die Zahl der Neuerkrankungen bei Krebs steigt. Experten rechnen für 2050 mit rund 640.000 Krebspatienten. Eine Rehabilitation nehmen aber nur wenige Erkrankte in Anspruch.

Von Susanne Werner

Nur jeder dritte Krebskranke nutzt die Reha

Körperliche Bewegung hilft, um Krebs nachhaltig zu bekämpfen. Eine Reha bietet Patienten die Chance, die Übungen zu lernen und zu trainieren.

© Robert Kneschke / fotolia.com

BERLIN. Die Akutmedizin hat die Krebsbehandlung verändert: Vorsorgeuntersuchungen, ausgefeilte Diagnostik und individualisierte Therapien sorgen dafür, dass die Überlebensraten steigen. Dennoch müssen die Patienten das Geschehene psychisch bewältigen und oft mit Beeinträchtigungen weiterleben.

Eine Rehabilitation könnte langfristig Behandlungserfolg sichern und die Patienten in ihren Alltag zurückführen. Bislang jedoch sind die Reha-Experten vor allem irritiert.

"Nur ein Drittel aller onkologischen Patienten treten eine Reha-Behandlung an", sagt beispielsweise Professor Hans Helge Bartsch, Ärztlicher Direktor der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg.

Je nach Indikation, so Bartsch, variiere die Zahl der Rehabilitanden: "Etwa jede zweite Frau mit Brustkrebs nimmt eine Reha wahr, aber nicht mal jeder zehnte Patient mit Lungenkrebs."

Dabei lassen aktuelle Statistiken und Prognosen eher eine vermehrte Nachfrage nach Rehabilitation vermuten. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Neuerkrankungen bei Krebs in den nächsten Jahrzehnten um rund 26 Prozent steigen wird. Waren 2010 laut Robert Koch Institut rund 494.000 Patienten betroffen, werden es 2050 rund 642.000 sein.

Ursache Nummer eins für die bislang niedrige Rate der Inanspruchnahme ist der Patient selbst: "Viele Betroffene wissen zu wenig über die unterschiedlichen Angebote der Reha. Oftmals verwechseln sie diese auch mit einer Kur", erklärt Bartsch.

Ärzte kennen Reha-Angebote kaum

Zudem falle es vielen Ärzten in der Akutversorgung schwer, den Reha-Bedarf ihrer Patienten einzuschätzen.

Die niedrigen Zahlen seien auch Folgen der Personalpolitik in den Akutkliniken: "Viele Stellen im sozialen Dienst wurden in den vergangenen Jahren gestrichen. Damit fehlen auf struktureller Ebene jene Vermittler, die die Patienten und ihre Angehörigen adäquat informieren und den Übergang von der Akutklinik in eine Reha auch organisieren."

Professor Dr. Monika Reuss-Borst, ärztliche Koordinatorin der Reha-Zentren Baden-Württemberg, bewertet es ähnlich: "Akutmediziner und niedergelassene Kollegen sind nicht auf dem Laufenden, welche Angebote in der Reha ihren Patienten weiterhelfen könnten."

Als Beispiel verweist sie auf die medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR), die sich vor allem an Menschen mit besonderen beruflichen Problemlagen oder ungünstigen Rahmenbedingungen für eine Erwerbstätigkeit richtet.

Für diese Zielgruppe integriert das MBOR-Konzept spezielle erwerbsbezogene Angebote in die Strukturen und Prozesse der medizinischen Rehabilitation. So werden beispielsweise berufsbezogenen Herausforderungen oder Ängste der Patienten in allen Behandlungsschritten bearbeitet.

"Die Themen Arbeit und Berufswelt ziehen sich durch die gesamte Prozess-Kette von Anfang bis Ende der Rehabilitation", sagt Reuss-Borst.

Hilfe bei der Krankheitsbewältigung

Dass gerade auch onkologische Patienten von einer MBOR besonders profitieren, wurde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer Studie belegt: Die Reha-Forscherinnen Dr. Corinna Bergelt und Hilke M. Rath haben dazu rund 480 Frauen und Männer mit unterschiedlichen onkologischen Befunden aus drei Reha-Kliniken befragt.

Sie wollten herausfinden, welche Erfahrungen die Patienten in ihrem Beruf vor der Erkrankung gemacht haben und welche Erwartungen sie an eine Rückkehr zur Arbeit haben.

"Unsere Studie belegt, wie wichtig die Berufstätigkeit für Krebspatienten ist. Es ist für sie ein ,Zurückfinden in die Normalität‘, die sie vor der Erkrankung erlebten", sagt Studienleiterin Bergelt.

"Eine Reha bietet Patienten die Chance, ihre existenziell bedrohliche Krankheitserfahrung zu bewältigen und sich für den Alltag wieder zu stabilisieren", bestätigt auch Bartsch.

Denn trotz der Fortschritte in Behandlung fühlen sich viele Onkologie-Patienten nach den Akutbehandlungen dauerhaft belastet. Sie leiden unter chronischer Müdigkeit, klagen über Schmerzen, geraten in Depression oder Angstzustände. Oftmals würden die Patienten von sich aus gar nicht diese Symptome ansprechen und die Ärzte zu selten danach fragen.

Gesundheitliche Folgen sowie körperliche und psychische Einschränkungen stehen in der Akutmedizin nicht im Fokus: "Die Diagnostik konzentriert sich dort vor allem auf die somatische Verlaufskontrolle und die Gefahr eines Rezidivs", sagt Bartsch.

Nötig seien daher handhabbare Instrumente, damit Akutmediziner die Reha-Bedürftigkeit ihrer Patienten einschätzen sowie Schädigungen, Krankheitsfolgen und Chancen einer Reha-Behandlung abwägen können.

Verzahnung mit Akutmedizin

Welche Reha-Anwendungen in der Onkologie wirken, wurde bereits vielfach untersucht. Systematische Übersichtsarbeiten belegen, so Bartsch, eine Evidenz beispielsweise für körperliches Training und spezielle Bewegungsübungen wie etwa Schulter-Arm-Training bei Brustkrebspatientinnen.

Kleine, aber signifikante Effekte gebe es auch für die Psychoedukation. Was schließlich in einer stationären Rehabilitation geleistet werden kann, hängt davon ab, wie gut der Informationsfluss zwischen Akut- und Rehaklinik funktioniert.

Dr. Heike Schmidt vom Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Uniklinik Halle hat dazu leitende Ärzte von 47 Reha-Kliniken befragt. Viele von ihnen bemängelten, dass sie entscheidende Informationen nicht rechtzeitig erhalten haben - etwa diagnostische Ergebnisse, durchgeführte Therapien, bekannte Nebendiagnosen, Angaben zu funktionellen Einschränkungen und psychischen Belastungen. "Dies führt auch dazu, dass eine Reha verzögert beginnt und nicht voll ausgeschöpft werden kann", sagt sie.

Patienten sollten körperlich so stabil sind, um an den Einzel- und Gruppenangeboten in der Reha teilnehmen zu können. Patienten müssten zudem einschätzen können, was sie in der Reha erwartet und was sie dort für sich erreichen können.

Eins ist sicher: Die Reha wird sich weiter wandeln und neue Konzepte anbieten müssen. So gibt es bereits Ideen, die stationäre Reha zeitlich anders zu takten und in ausgesuchten Fällen von Beginn an erneute stationäre Aufnahmen zu planen.

Ein Langzeit-Modell hat die Klinik für Tumorbiologie in Freiburg entwickelt: Leukämie- und Lymphompatienten nach hämatologischer Stammzelltransplantation kommen jedes Jahr für vier Wochen in die Reha-Klinik, um die mit den somatischen und psychischen Problemen nach einer Stammzelltransplantation klar zu kommen.

"Die Deutsche Rentenversicherung und einzelne Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn der Rehabedarf nachvollziehbar dargelegt werden kann", berichtet Bartsch.

Neue Zeitmodelle in der Nachsorge

Neben einer umfassenden Diagnostik erhalten sie unter anderem physio- und sporttherapeutische Trainings, Gespräche zu psychischen und sozialen Fragen sowie spezielle Beratungen. "Manche Patienten schrecken nach umfangreichen Akutbehandlungen auch davor zurück, direkt eine Anschlussrehabilitation anzutreten", erklärt Bartsch.

Viele Reha-Kliniken würden daher neue zeitliche Modelle testen. Die zentrale Idee dabei sei, einige Monaten nach einer Reha einen weiteren stationären Aufenthalt oder ambulante Angebote als "Refresher" einzuplanen und so den Reha-Erfolg langfristig zu stabilisieren.

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