Ärzte Zeitung, 11.03.2015

Präzisionsmedizin

Zukunft der Krebsmedizin

Angetrieben von den Erfolgen in der Genforschung verändert sich die Medizin. Ärzte müssen sich darauf einstellen, ihre Therapie immer mehr an den Ergebnissen genetischer Tests zu orientieren - und dadurch individueller zu gestalten als bisher.

Von Peter Leiner

Zukunft der Krebsmedizin

DNA: Reichen bald 15 Minuten für die Genom-Sequenzierung?

© vege / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Die Zukunft der Krebsvorsorge und -behandlung liegt zunehmend in individualisierten Therapien: Hier gehen Forschung, Diagnose und Behandlung nahtlos ineinander über." Das hat Dr. Johanna Wanka, Bundesforschungsministerin und Professorin für Mathematik, vor Kurzem aus Anlass des Weltkrebstages betont.

Der Bund stellt für die Krebsforschung allein in diesem Jahr mehr als 200 Millionen Euro zur Verfügung. Auch in den USA signalisierte die Regierung Anfang des Jahres, verstärkt in die Krebsforschung zu investieren, und hat dabei ihr Augenmerk auf die "Präzisionsmedizin" gerichtet - laut Präsident Barack Obama "die richtige Therapie zum richtigen Zeitpunkt für den richtigen Patienten".

In den USA wurden deshalb für das Haushaltsjahr 2016 insgesamt 215 Millionen US-Dollar (knapp 190 Millionen Euro) für eine Initiative zur Präzisionsmedizin eingeplant. Damit soll unter anderem die Entwicklung DNA-basierter diagnostischer Tests vorangetrieben werden.

Personalisierte oder individualisierte Medizin, Präzisionsmedizin - egal welche Bezeichnung, die Entwicklung in der Medizin und dabei als Vorreiter die der Onkologie ist klar vorgezeichnet: weg von der Schrotschussmethode, hin zur ganz gezielten Behandlung auf der Basis vor allem genetischer Charakteristika.

Große Fortschritte bei Sequenzierautomaten

Angetrieben wird diese Entwicklung unter anderem durch die Erfolge der modernen Molekulargenetik und die verbesserten Möglichkeiten, die DNA Baustein für Baustein zu sequenzieren und zu analysieren. Das Stichwort für diese unglaubliche Entwicklung ist: next generation sequencing (NGS). Anfangs benötigten Genforscher für die Sequenzierung von fünf Bausteinen noch etwa eine Woche.

Das war Mitte der 1970er-Jahre. Für die Entschlüsselung des Humangenoms mit seinen 3,2 Milliarden Bausteinen, beendet 2003, brauchten sie zehn Jahre.

Doch in dieser Zeit wurden die Verfahren so stark verbessert, dass die Sequenzierung des Genoms inzwischen in Bruchteilen der Zeit möglich geworden ist. Und dieser Trend ist noch lange nicht beendet. Experten wie Dr. Leroy Hood, Leiter des Instituts für Systembiologie in Seattle, der unter anderem durch DNA-Sequenzierautomaten die Entschlüsselung des Humangenoms vorangetrieben hat, sind besonders optimistisch.

In etwa fünf Jahren sei es möglich, das gesamte menschliche Genom in nur 15 Minuten für knapp 500 US-Dollar zu sequenzieren, wird Hood im "Journal of The National Cancer Institute" (2014; 106/12: dju416) zitiert.

Dass es dabei nicht nur um Grundlagenforschung geht, sondern NGS-Verfahren auch in der Medizin immer stärker genutzt werden, wird etwa in der Leukämieforschung deutlich.

Beim myelodysplastischen Syndrom oder bei der akuten myeloischen Leukämie lassen sich im Vergleich zu früher Mutationen viel schneller erfassen als mit älteren Verfahren, wie Privatdozentin Susanne Saußele vom Kompetenznetz Leukämien zur "Ärzte Zeitung" sagte.

Auch wenn NGS-Verfahren noch nicht Routine sind, bereiten sich etwa Diagnostiklabore darauf vor, sie auch wegen der höheren Sensitivität immer mehr zu nutzen, nicht nur bei Krebs, sondern zum Beispiel auch bei psychiatrischen Erkrankungen.

Monoklonale Antikörper für die Immuntherapie

Präzisionsmedizin oder individualisierte Medizin ist auch in der Entwicklung der Immuntherapie gegen Krebs längst sichtbar, sei es in der Anwendung krebsspezifischer gentechnisch hergestellter monoklonaler Antikörper wie Trastuzumab, sei es in der genetischen Veränderung patienteneigener Immunzellen, die nach Reinfusion gezielt maligne Zellen etwa bei Leukämien unschädlich machen.

Das Potenzial, das in den Fortschritten der Molekularbiologie und -genetik steckt, hat die Medizin längst erkannt. Klar ist inzwischen auch, wie wichtig es ist, Ärzte über die Grenzen des Spezialistentums hinweg über die modernen Therapie- und Diagnostikmöglichkeiten zu informieren.

Und so ist es nur folgerichtig, dass in diesem Jahr die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin unter dem Leitthema "Molekulare Prinzipien der Inneren Medizin: Aufbruch in eine neue Ära" die individualisierte Krebstherapie und die Immuntherapie zu Schwerpunktthemen ihrer Tagung im April gemacht hat.

Wie groß das Interesse an der individualisierten Medizin inzwischen nicht nur im Bereich Onkologie ist, macht schließlich auch die Gründung des Zentrums für personalisierte Medizin (ZPM) innerhalb der Exzellenzinitiative der Universität Tübingen Anfang des Jahres deutlich.

Es ist eine von vier Plattformen, die Vernetzungen zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung ermöglichen sollen. Ein Fokus des Zentrums mit seinen 23 Abteilungen, Forschungszentren, Instituten und Kliniken: die Bewältigung der durch neue Verfahren anfallenden ungeheuren Datenmengen und deren Analysen.

Solche neuen Konzepte wie die in Tübingen sind es Wert, gefördert zu werden, weil sie dazu beitragen, die Diagnostik und Therapie effizienter und nebenwirkungsärmer zu gestalten. Hoffentlich ist dabei die aktuelle Förderung durch den Bund nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

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