Ärzte Zeitung, 07.07.2015

Moderne Impfstoffe

Die neue Waffe im Kampf gegen Krebs

Es sind aufregende Zeiten in der Immunologie: Neue Technologien ermöglichen es, Impfstoffe für jeden Krebspatienten individuell herzustellen. Sie sollen das Immunsystem anstoßen, Tumoren zu vernichten.

Von Peter Leiner

Die neue Waffe im Kampf gegen Krebs

Entsprechend verpackt und vor Abbau geschützt lassen sich die RNA-Moleküle für die Impfung etwa in die Blutbahn injizieren.

© 4designerart / fotolia.com

MAINZ. Genom, Proteom, Metabolom, Mikrobiom - die Liste der "-ome" ließe sich fast beliebig fortsetzen. Der jüngste Begriff, mit dem sich auch Ärzte künftig vertraut machen müssen, ist das Mutanom, also die Gesamtheit aller Mutationen, die das Genom eines Tumors enthält.

Es ist für Immuntherapeuten inzwischen besonders wichtig geworden, wie sich auch vor kurzem auf der 13. Jahrestagung CIMT der europäischen Krebsimmuntherapeuten in Mainz gezeigt hat.

Denn es ist die Grundlage einer völlig neuartigen Strategie gegen Krebs: Anhand des Mutationsprofils jeweils eines Krebspatienten stellen die Wissenschaftler eine Vakzine her, mit der sie dessen Tumor bekämpfen wollen. Etwa 95 Prozent der Mutationen eines Tumors finden sich bei keinem anderen Krebspatienten.

Die neuartigen Impfstoffe taugen nichts für andere Patienten mit dem gleichen Tumor, sondern nur jeweils für den Patienten, dessen Mutanom für die Vakzineherstellung zuvor analysiert wurde.

Nach Ansicht des Immunologen und Mediziners Professor Ugur Sahin von der Universität Mainz ist das "absolute Spitzentechnologie", auch wenn es sich teilweise wie Zukunftsmusik anhöre.

Es handelt sich also nicht um die viel beschworene "personalisierte" Medizin, die etwa auf alle Patienten mit einer ganz bestimmten Mutation ausgerichtet ist, weil die entsprechende Arznei nur unter dieser Voraussetzung wirksam ist, sondern um eine im wahrsten Sinne des Wortes individuelle Immuntherapie. Manche sprechen bereits - und das zu Recht - von einem Paradigmenwechsel in der Krebstherapie.

Die Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an dieser neuen Therapieform, die in Tierversuchen bereits ermutigende Ergebnisse geliefert hat und ohne Fortschritte bei der Gensequenzierung durch das "next genome sequencing" und in der Bioinformatik nicht möglich gewesen wäre.

Mäuse mit Krebs, die mit einer solchen individuellen Vakzine behandelt worden waren, waren selbst 100 Tage nach der Krebsimpfung noch am Leben, Tiere der Kontrollgruppe bereits nach 65 Tagen tot (Nature 2015; 520: 692).

Auch Lungenmetastasen ließen sich mit einer solchen Vakzine erfolgreich bekämpfen. Toxizitäten haben die Forscher nicht beobachtet. Die sind ja eigentlich auch nicht zu erwarten, weil die Mutationen nur im Tumor, nicht dagegen in gesundem Gewebe vorkommen.

Kleine Studie mit 15 Melanompatienten

Die Vorstellung, dass ein Erfolg auch bei Patienten mit Krebs zu erwarten ist, hat die Wissenschaftler und Ärzte um Sahin und das Start-up-Unternehmen BioNTech der Universität Mainz bereits dazu ermutigt, das Impfprinzip gegen Krebs etwa in einer kleinen Studie mit 15 Melanompatienten zu überprüfen, von denen inzwischen sechs Patienten mit ihrer jeweils individuellen Vakzine behandelt worden sind.

Ergebnisse gibt es allerdings noch nicht. Doch schon steht eine weitere Studie auf dem Plan, die TNBC-MERIT-Studie (Mutanome Engineered RNA Immuno-Therapy), in der die Impfstrategie bei Frauen mit triple-negativem Brustkrebs (TNBC: triple-negative breast cancer) geprüft wird. In den kommenden Wochen wird die Genehmigung der Studie erwartet.

Wie bei anderen Immuntherapien etwa mit genetisch veränderten patienteneigenen T-Zellen nutzt die individualisierte Vorgehensweise das Potenzial des Immunsystems im Kampf gegen Tumoren.

Nicht alle, aber immerhin ein Fünftel aller Mutationen eines Tumors können prinzipiell eine Immunantwort auslösen.

Spontan gelingt das nur einem Bruchteil, nämlich 0,5 Prozent. Durch Impfung mit der RNA, die den Bauplan eines mutierten Tumorpeptids enthält, werden vor allem Lymphozyten vom T-Helfertyp gegen den Tumor aktiviert.

Indem mit mehreren unterschiedlichen RNA-Molekülen gleichzeitig geimpft wird, erhoffen sich die Wissenschaftler, einen Tumor quasi von mehreren Seiten gleichzeitig angreifen zu können.

Impfung wird der Standardtherapie zugefügt

So hoffnungsvoll das neue Konzept viele auch stimmen mag, geht im Anfangsstadium derzeit nichts ohne die bisher etablierte Standardtherapie, die bei den jeweiligen Tumoren angesagt ist. Die Impfung wird sozusagen draufgesetzt.

Sie erfolgt zunächst über acht Wochen einmal wöchentlich. Soll die Impfung danach fortgeführt werden, geschieht dies alle drei Monate, bei stabilen Patienten bis zu einem Jahr. Geprüft wird, ob nicht nur die intranodale, sondern auch die intravenöse Verabreichung der Vakzine effektiv ist.

Mit der Mutanom-basierten Impfstrategie erhalten Immuntherapeuten eine weitere Waffe im Kampf gegen Krebs. Der Trend ist schon lange klar: weg vom Schrotschusskonzept der Chemotherapie, hin zur individualisierten Therapie.

Das körpereigene Immunsystem weiß am besten, wie es mit Tumoren fertig wird. Ihm muss nur ein wenig auf die Sprünge geholfen werden. Mit der RNA-Impfung scheinen die Wissenschaftler auf dem besten Weg dahin zu sein.

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