Ärzte Zeitung, 05.08.2015

Krebs

Neue Ansatzpunkte für zielgerichtete Tumortherapie

Wissenschaftler aus Köln haben durch die molekulare Charakterisierung von Tumorzellen einen neuen therapeutischen Ansatz für die Behandlung von Tumorpatienten entwickelt.

KÖLN. Wissenschaftler um Professor Christian Reinhardt von der Uniklinik Köln und des Exzellenzclusters CECAD haben durch die molekulare Charakterisierung von Tumorzellen einen neuen therapeutischen Ansatz für die Behandlung von Tumorpatienten entwickelt. Das teilt die Universität zu Köln mit.

"Diese neuen Erkenntnisse bieten einen neuartigen molekularen Ansatzpunkt, um genetisch definierte Tumore in der Zukunft effektiver zu behandeln" wird Studienleiter Reinhardt in der Mitteilung zitiert. An der Studie haben Forscher aus Deutschland, Dänemark und England mitgearbeitet.

Reinhardt leitet an der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln eine Arbeitsgruppe, deren Forschung maßgeblich durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Deutsche Krebshilfe und die Volkswagenstiftung gefördert wird.

Beschleunigte Zellvermehrung

Das Wissenschaftlerteam hat mit Hilfe eines neuen Screening-Verfahrens die Effektivität verschiedener Substanzen, insbesondere neuer Substanzkombinationen getestet (Cell 2015; 162(1): 146-159). Die Ergebnisanalyse ergab, dass vor allem Tumorzellen und Tumore mit einer Mutation im sogenannten KRAS-Gen eine Abhängigkeit von zwei bestimmten Enzymen (Chk1 und MK2) zeigen.

Das KRAS-Gen ist eines der am häufigsten mutierten Gene in menschlichen Tumorerkrankungen. So ist KRAS in fast allen Tumoren der Bauchspeicheldrüse, sowie in zirka einem Drittel aller Bronchial- und Dickdarmtumoren mutiert.

Eine detaillierte Analyse ergab, dass KRAS-Mutationen zu einem massiv gesteigerten Zellwachstum führen. Diese beschleunigte Zellvermehrung der Tumorzellen führt zu Problemen: So ist die Verdopplung der DNA, die Tumorzellen vor einer jeden Zellteilung durchführen müssen, unter den beschleunigten Wachstumsbedingungen nur erschwert möglich.

Die neuen Daten der Kölner Forscher zeigen, dass KRAS-mutierte Tumorzellen zur fehlerfreien Verdopplung ihrer DNA auf die Funktion der Enzyme MK2 und Chk1 angewiesen sind, heißt es in der Mitteilung. Diese Abhängigkeit unterscheidet KRAS-mutierte Tumorzellen von gesundem Gewebe, das weitestgehend ohne die Funktion der Enzyme MK2 und Chk1 auskommt.

Genau an diesem Unterschied zwischen Tumorzellen und normalen Zellen setzt die neue Therapiestrategie an. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Tumorzellen und Tumore mit KRAS-Mutationen sehr gut auf eine Kombinationstherapie mit Chk1- und MK2-Hemmstoffen ansprachen. Die Kombinationstherapie wurde vom Normalgewebe nebenwirkungsarm toleriert.

Konzept bei KRAS-Mutation

Genauer betrachtet sind die Chk1- und MK2-Enzyme Proteinkinasen. Diese spezifische Enzymgruppe sei in den letzten zehn Jahren vermehrt in den Fokus von großen Pharmafirmen gerückt, so die Uni Köln. Enzyme sind pharmakologisch potenziell hemmbar und bieten daher Optionen für die Entwicklung neuer Therapeutika.

Eine kombinierte pharmakologische Hemmung von Chk1 und MK2 ist eine therapeutische Strategie, mit der speziell KRAS-mutierte Tumoren behandeln werden könnten.

"Diese Chk1/MK2 Hemmung kann speziell gegen KRAS-mutierte Krebszellen wirken, während normales Gewebe geschont bleibt, da in den gesunden Zellen das KRAS-Gen nicht mutiert ist", beschreibt Dr. Felix Dietlein, Erstautor der Publikation, das therapeutische Konzept.

Professor Michael Hallek, Leiter der Klinik I für Innere Medizin an der Uniklinik Köln, hält das neue therapeutische Konzept für sehr vielversprechend: "MK2 ist eine Proteinkinase, die schon seit längerer Zeit genau untersucht wird, denn die Funktion dieses Proteins scheint ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung rheumatischer Erkrankungen zu spielen.

Auch die Proteinkinase Chk1 wurde in den letzten Jahren intensiv betrachtet, und es finden aktuell bereits erste klinische Untersuchungen mit verschiedenen Chk1-Inhibitoren statt.

Diese faszinierenden neuen Daten geben den behandelnden Ärzten in naher Zukunft möglicherweise ein Werkzeug an die Hand, mit dessen Hilfe KRAS-mutierte Tumoren effektiv behandelt werden können", so Hallek. Aktuell liegt noch keine Zulassung der MK2-Hemmer vor, aber es wird schon seit einiger Zeit an der Entwicklung solcher Medikamente geforscht.

Die Arbeiten an diesem Projekt wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Deutsche Krebshilfe und die Volkswagenstiftung maßgeblich gefördert. (eb)

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