Ärzte Zeitung, 18.08.2015

Krebs im Endstadium

Chemo schadet eher

Bei Krebskranken im Endstadium sollte auf eine Chemotherapie verzichtet werden, finden US-Onkologen. Ihre Studie hat ergeben: Die Chemo schadet dieser Personengruppe mehr als dass sie nützt.

Von Christine Starostzik

Chemo schadet eher

Palliative Chemo: Gerade Patienten in guter Verfassung kann die Therapie eher schaden.

© Mathias Ernert, Dr. Hieber, Mannheim

NEW YORK. Vielen Krebspatienten im Endstadium wird trotz fehlender Evidenz noch eine Chemotherapie angeboten.

Sie soll das Überleben verlängern und die Lebensqualität verbessern. Doch immer wieder werden Zweifel laut, ob das Betroffenen tatsächlich hilft.

Wie eine Chemotherapie die Lebensqualität von Krebspatienten mit unterschiedlicher körperlicher Verfassung in der letzten Lebenswoche beeinflusst, haben daher Dr. Holly Prigerson und ihre Kollegen vom New York Presbyterian Hospital untersucht (JAMA Oncol 2015; online 23. Juli).

In die Kohortenstudie wurden von September 2002 bis Februar 2008 insgesamt 661 Krebspatienten im Endstadium mit einem Durchschnittsalter von 58,6 Jahren eingeschlossen. 58 Prozent der Probanden starben noch in der Beobachtungszeit von durchschnittlich 3,8 Monaten.

51 Prozent der Patienten mit fortschreitender metastasierender Erkrankung erhielten eine Chemotherapie, und zwar besonders solche mit gutem physischen Zustand (ECOG-Score 1,6 vs. 2,0). Nach dem Tod eines Patienten wurde das Pflegepersonal zu dessen Lebensqualität in der letzten Lebenswoche befragt.

Kein Einfluss auf Sterberisiko

Bei Patienten mit ECOG-Score-Werten von 2 oder 3 Punkten zu Studienbeginn brachte die Chemotherapie eine Woche vor dem Tod keine Vorteile für die Lebensqualität.

War der physische Zustand dagegen noch gut (ECOG 1), verschlechterte sich der Zustand durch die Chemotherapien signifikant (Odds Ratio, OR 0,35). Auf das Sterberisiko hatte die Chemotherapie keinen erkennbaren Einfluss.

Das Fazit der Autoren: Die ASCO-Leitlinien empfehlen zwar, bei Patienten mit metastasierenden Karzinomen im Endstadium noch eine palliative Chemotherapie zu erwägen.

Den Studienergebnissen zufolge stelle sich dabei aber eher die die Frage, wem eine solche Therapie am meisten schade, so Prigerson und Kollegen.

Denn gerade diejenigen, die körperlich noch am fittesten seien, erlitten durch die Chemotherapie den stärksten Einbruch ihrer Lebensqualität. Insgesamt, so die Autoren, scheine eine Chemotherapie Patienten mit metastasierenden Karzinomen im Endstadium eher zu schaden als zu nützen.

Keine aktive onkologische Behandlung mehr, wenn der Tod naht

Dr. Charles Blanke und Dr. Erik Fromme von der Oregon Health and Science University in Portland betonen in einem begleitenden Kommentar, dass Therapie und Hoffnung nicht gleichgesetzt werden dürften (JAMA Oncology 2015, online 23. Juli).

Die letzten sechs Monate eines Lebens sollten nicht mit weitgehend ineffektiven Therapien und deren Nebenwirkungen verbracht werden.

Werde der Tod eines Krebspatienten innerhalb des folgenden halben Jahres erwartet, sollte keine aktive onkologische Behandlung mehr durchgeführt werden, so die Onkologen.

Bestehe dennoch ein triftiger Grund hierfür, sollte das Gespräch über Prognose, Ziele, Ängste sowie tragfähige Kompromisse, das mit dem Patienten und seiner Familie geführt wurde, dokumentiert werden.

Ziel, so Blanke und Fromme, sei letztlich eine gute Entscheidung, mit der insbesondere in den letzten Lebenswochen das Leiden nicht weiter verstärkt werde.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Nur noch der Moment zählt

[18.08.2015, 14:15:03]
Rudolf Hege 
Prinzip Hoffnung oder Ehrlichkeit
Ich denke nicht, dass es vor allem "um's Geschäft" geht, wenn Onkologen solchen Patienten noch eine Chemo anbieten. Es geht oft einfach auch darum, nicht sagen zu müssen, dass "wir jetzt nichts mehr tun können".

Leider bietet (erstattet) die Kassenmedizin keine Alternativen (z.B. Curcuma-Infusionen oder das Allgemeinbefinden stabilisierende Methoden) an bzw. die Praxen sind darauf nicht eingerichtet.

So nimmt man eben das, was man hat, auch wenn es mehr schadet als nützt. zum Beitrag »
[18.08.2015, 10:05:56]
Peter Peschel 
Mutiger Ansatz....
Mutiger Ansatz und endlich mal eine andere Sichtweise !!! Denn nun geht Umsatz, sprich Zusatzeinkommen, durch die fehlenden Produkte verloren... zum Beitrag »
[18.08.2015, 09:15:15]
Dr. Frank Grossmann 
eine mutige und wegweisende Studie
Dass sich Onkologen einmal dazu Gedanken machen wie es Patienten mit einer Tumorerkrankung im letzten Lebensjahr wirklich geht, ist wegweisend. Denn normalerweise werden bis zum letzten Atemzug Chemo und andere Therapien verordnet. Denn unser Gesundheitssystem ist auf Machbarkeit getrimmt und nur wenige Ansätze sind sichtbar, dass die Lebensqualität der Patienten und die Mitbestimmung bei einer Therapieoption berücksichtig werden. Dass diese aber einem Patienten mit finalem Krebst - selbst bei gutem Allgemeinzustand - eher schaden, bringt nun etwas Licht ins Dunkle. Wir sollten als Mediziner den Mut haben, unser Tun öfters zu hinterfragen. Denn spätestens, wenn wir selber mal auf der Bahre liegen, werden wir genau das erwarten. Doch niemand hört dann zu, weil wir es nicht gelernt haben. Von den Kosten einer finalen Chemo für einen Patienten ganz abgesehen, ist es ein Gebot der Ethik, diesen nicht über Gebühr gesundheitlich und körperlich zu belasten. Das müssen wir wohl nun wieder einmal überdenken. Die Studie gibt dazu Gelegenheit.  zum Beitrag »

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