Ärzte Zeitung, 23.02.2016

Daten zeigen

Mit der Körpergröße steigt das Risiko für Krebs

Die Menschen werden immer größer. Und je größer sie sind, desto höher ist ihr Risiko, an Krebs zu erkranken. Grund könnte eine kalorienreiche Ernährung mit viel Milchprodukten sein.

Mit der Körpergröße steigt das Risiko für Krebs

Die Körpergröße eines Menschen beeinflusst das Risiko für Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs.

© denisismagilov / fotolia.com

TÜBINGEN. Große Menschen haben zwar ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes, dafür aber ein höheres Risiko für Krebserkrankungen, und zwar unabhängig von Körperfettmasse und anderen modulierenden Faktoren.

Verantwortlich für den Zusammenhang zwischen Körpergröße und Krankheitsrisiko könnte eine kalorienreiche Ernährung mit viel Milch und Milchprodukten in schnellen Wachstumsphasen, wie zum Beispiel in der Schwangerschaft sein, wie Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) in einer Publikation schreiben (Lancet Diabetes & Endocrinology 2016; online 27. Januar).

Große sind insulinempfindlicher

Denn eine kalorienreiche Ernährung könnte bereits im Mutterleib zu einer lebenslangen Programmierung des Stoffwechsels führen, die bislang vor allem für das Insulin-like-growth-factor-1 und -2 sowie das IGF-1/2-System belegt werden konnte, schreiben die Forscher um Professor Norbert Stefan.

So führe die Aktivierung dieses Systems unter anderem dazu, dass der Körper empfindlicher für die Wirkung des Insulins und zudem der Fettstoffwechsel günstig beeinflusst werde.

Diesen Zusammenhang belegten nun auch ihre Daten, erklären die Forscher. Große Menschen seien insulinempfindlicher und hätten einen geringeren Fettgehalt in der Leber. Das könne ihr niedriges Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes erklären.

Gleichzeitig könne die Aktivierung des IGF-1/2-Systems und anderer Signalwege auch Nachteile haben: Indem durch die Aktivierung des Systems das Zellwachstum dauerhaft gefördert werde, könnte sich auch das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen, vor allem für Brustkrebs, Dickdarmkrebs und schwarzen Hautkrebs, vermuten die Autoren.

Geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Eine große Körpergröße habe demnach zwar positive Auswirkung und senke das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes, aber eben auch negative: das Risiko für Krebserkrankungen steige.

"Epidemiologische Daten zeigen, dass pro 6,5 Zentimeter Körpergröße das Risiko für kardiovaskuläre Sterblichkeit um sechs Prozent sinkt, dafür aber die Krebsmortalität um vier Prozent steigt", wird Studienautor Professor Matthias Schulze in einer Mitteilung des DZD zitiert.

Die kalorienreiche Ernährung in schnellen Wachstumsphasen könnte zudem die Ursache dafür sein, dass die Menschen immer größer werden, glauben die Wissenschaftler.

Die Körpergröße sei zwar weitgehend genetisch festgelegt, dennoch beobachte man in den vergangenen Jahrzehnten weltweit, dass Kinder im Erwachsenenalter fast immer deutlich größer seien als ihre Eltern.

So zum Beispiel in den Niederlanden: Männer seien dort mittlerweile 20 Zentimeter größer als noch vor 150 Jahren. Interessanterweise sei hier auch der Pro-Kopf-Konsum von Milch und Milchprodukten weltweit am höchsten.

Die Wissenschaftler plädieren dafür, den Faktor Größenwachstum und Körpergröße stärker als bisher bei der Prävention dieser Volkskrankheiten einzubeziehen.

 So sollten Ärzte besonders dafür sensibilisiert werden, dass große Menschen, obwohl sie weniger häufig mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Typ-2-Diabetes auffallen, ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen haben. Schließlich komme der Ernährung, vor allem in der Schwangerschaft und im Kindes- und Jugendalter, eine bislang unterschätzte Bedeutung zu. (bae/eb)

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[23.02.2016, 16:50:45]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Danke, Herr Schätzler, ein Volltreffer
wo bleibt also der Wert einer solchen Statitik für den Betroffenen,
mit den viel zu vielen könnte, könnte, könnte, könnte aber auch nicht?
Als Trost darf man ihm zurufen, die Vorteile der Insulinempfindlichkeit sind größer als die Nachteile.
es sterben nur etwas über 200.000 Deutsche an Krebs,
aber über 300.000 an kardiovaskulären Erkrankungen,
also 3:2 für den Großen!
Auch mental-neurologisch kann er punkten:

Beeri MS et al: Relationship between body height and dementia. American Journal of Geriatric Psychiatry 2005; 13: 116–123

Jeong SK et al: Does arm length indicate cognitive and functional reserve? International Journal of Geriatric Psychiatry 2005; 20: 406-412

Huang TL et al: Knee height and arm span: a reflection of early life environment and risk of dementia. Neurology 2008; 70: 1818-1826

Da sehen vor allem die Veganer ganz schlecht aus.
(deutsche Vegetarierstudie)

und zum Dr.-Ing. Andreas Keibel,
radioaktive Strahlung ist lebensverlängernd! zum Beitrag »
[23.02.2016, 15:15:12]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Größenwachstum, BMI, KOF, Krebsrisiko, Milch- und Fleischkonsum?
Mehrere prospektive- und "follow-up"-Studien legen einen Zusammenhang zwischen Krebsrisiko, Körperoberfläche (KOF) und Größenwachstum nahe. Im Zusammenhang mit der „Womens Health Initiative“ (WHI) gingen G. C. Kabat et al. 2013 der Frage nach, inwieweit die Körpergröße bei postmenopausalen Frauen unterschiedliche Tumorrisiken und -lokalisationen beeinflusst [„Adult Stature and Risk of Cancer at Different Anatomic Sites in a Cohort of Postmenopausal Women“] http://cebp.aacrjournals.org/content/early/2013/07/25/1055-9965.EPI-13-0305.abstract

Bei 144.701 Frauen, die im Rahmen der Women's Health Initiative im Mittel 12 Jahre lang beobachtet wurden, fanden sich an 19 verschiedenen Lokalisationen insgesamt 20.928 Krebserkrankungsfälle [„144,701 women participating in the Women's Health Initiative and risk of all cancers combined and cancer at 19 specific sites. Over a median follow-up of 12.0 years, 20,928 incident cancers were identified.”] Die Hazard Ratio reichte signifikant von einem 13 Prozent höheren Risiko für Brustkrebs bis zu einem 29 Prozent höheren Risiko bei multiplem Myelom und Schilddrüsenkrebs in Abhängigkeit von der Körpergröße [“range of HRs: 1.13 for breast cancer to 1.29 for multiple myeloma and thyroid cancer”]. Der „Body Mass Index“ (BMI) konnte bei dieser Analyse n i c h t berücksichtigt werden.

Doch in den letzten 60-70 Jahren sind nicht nur in hochindustrialisierten, sondern auch in Schwellen- und Entwicklungsländern allein durch die Verbesserung der Ernährung und früher eintretende hormonelle Reifungsprozesse bei Frauen (und auch Männern) ansteigende Körpergrößen zu beobachten. Auch der Body-Mass-Index (BMI) und damit die Körperoberfläche (KOF) nehmen ebenso individuell wie kollektiv zu.

So wie in großen Populationen von Menschen mehr Krankheitsprävalenzen und höherer medizinischer Versorgungsbedarf bestehen als in kleineren Populationen, bestehen große Patientinnen und Patienten individuell aus mehr Körperzellen, die potenziell entarten und einen Tumor induzieren können als kleinere Menschen. Nimmt man dazu den weltweit in allen Ländern ansteigenden durchschnittlichen BMI, steigt die Zell- und Substanzmenge der betroffenen Patienten weiter an.

BMI- und KOF- Berechnungen können individuell z. B. nach der Mosteller-Formel über die Uniklinik Jena berechnet werden:
http://www.idir.uniklinikum-jena.de/bmi_kof.html
Besonders bei Krebserkrankungen der Hautoberfläche (Basaliom, Spinaliom, Karzinom, Melanom etc.) ist die Zunahme der KOF in Abhängigkeit vom BMI von Bedeutung.
45 kg bei 150 cm Größe bedeuten BMI 20 kg/cm² und KOF 1,37 m² -
55 kg bei 155 cm Größe bedeuten BMI 22,89 kg/cm² und KOF 1,54 m² -
75 kg bei 160 cm Größe bedeuten BMI 29,3 kg/cm² und KOF 1,83 m² -
100 kg bei 170 cm Größe bedeuten BMI 34,6 kg/cm² und KOF 2,17 m² -
140 kg bei 185 cm Größe bedeuten BMI 40,91 kg/cm² und KOF 2,68 m².

Extreme Adipositas und Größenwachstum lassen gegenüber kleineren, noch normgewichtigen Menschen die Körperoberfläche fast v e r d o p p e l n. Damit steigt das Risiko zumindest bei Tumorerkrankungen der Haut überproportional an.

Von ÄZ-Autorin Dr. Christine Starostzik wurde die Studie von Bhaskaran K et al.: "Body-mass index and risk of 22 specific cancers: a population-based cohort study of 5,24 million UK adults."
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)60892-8/fulltext#
vorgestellt. Sie stellte den Zusammenhang von Krebserkrankungen mit dem BMI als populationsbasierte Fall-Kontroll-Kohortenstudie her.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/article/871058/risiko-uebergewicht-leibesfuelle-steigt-krebsgefahr.html

• Was hier allerdings vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) in einer Publikation (Lancet Diabetes & Endocrinology 2016; online 27. Januar) behauptet wird, spottet jeder Beschreibung.
• Warum soll ausgerechnet gesteigerter Milchkonsum und n i c h t vermehrte, hochkalorische "High-Carb"- bzw. High-Fat"-Ernährung bzw. "Junk-" und "Fast-Food" die Größenzunahme bewirken?
• Während das Krebsrisiko ganz wesentlich mit steigender Lebenserwartung, also mit einem klassischen "Gesundheitsfaktor" ansteigt?
• "Mit der Körpergröße steigt das Risiko für Krebs"? Was soll das Beispiel mit den Niederlanden, wo die Männer mittlerweile 20 Zentimeter größer als noch vor 150 Jahren seien?
• Das wäre ein annueller Anstieg von 0,133 cm und hätte mit dem heutigen Milchkonsum inhaltlich gar nichts zu tun!
• Außerdem müssen dann strenggläubige Hindus in Indien immer kleiner werden, weil sie grundsätzlich auf Milch(-produke) verzichten?

Geradezu absurde Schlussfolgerungen der LANCET-Diabetes & Endocrinology-Autoren: "These pathways are thought to be activated by overnutrition, especially increased intake of milk, dairy products, and other animal proteins during different stages of child development. Limiting overnutrition during pregnancy, early childhood, and puberty would avoid not only obesity, but also accelerated growth in children—and thus might reduce risk of cancer in adulthood."

Ganz so, als könne man mit Nahrungsrestriktion, Vegetarismus und möglicher Mangelernährung das global-genetische bzw. umweltbedingte Krebsrisiko stoppen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Vgl. auch http://www.springermedizin.de/groessenwachstum-bmi-kof-und-krebsrisiko/4623298.html zum Beitrag »
[23.02.2016, 11:39:28]
Michael Peuser 
Krebs und Körpergrösse
Krebs ist ein Sauerstoffmangel in den Zellen, verursacht durch eine Störung der Mikrozirkulation in den 150.000 km Kapillaren zur Versorgung der 75 Billionen Zellen. Beim gesunden Menschen betragen die Anteile der verschiedenen Gefässabschnitte am gesamten Strömungsquerschnitt des Blutkreislaufes lt. Prof.Dr. med. Klopp (Chef des Institutes der Mikrozirklation in Bernau/Berlin)
11,5 % Arterien, 14,5 % Venen und 74 % Mikrogefässe. Ich vermute, das beim zu grossen Körperwachstum die Arterien und Venen proportional zwar mitwachsen, aber die Kapillaren dagegen nicht, so dass es zu einer Unterversorgung der Zellen mit Sauerstoff kommt. Dadurch kann die Zellgärung entstehen und dem Krebs wird die Tür geöffnet.
Michael Peuser
Staatspreisträger in Brasilien
mpeuser@hotmail.com zum Beitrag »
[23.02.2016, 09:25:19]
Dr. Andreas Keibel 
Mehr Volumen, mehr Zellen, mehr Risio
Diese Meldung ist interessant, weil ich mir diesen Zusammenhang schon länger vorgestellt hatte -aus verschiedenen Gründen.
a) Je mehr Zellen vorhanden sind, desto mehr werden statistisch entarten und desto höher ist das Risiko, das darunter gefährliche Krebszellen sind.
b) Wir sind dauernd natürlichen gefährlichen ionisierenden Teilchen ausgesetzt. Was man daran erkennen kann, dass ein Geigerzähler dauernd tickt, egal wo man sich aufhält. In Kellern oft schneller, wegen dort vorhandenem Radon.
Ein Körper ist ein Empfänger dieser gefährlichen radioaktiven Strahlung. Ein größerer Mensch stellt damit eine größere "Antenne" dar; und eine Lunge eines größeren Menschen nimmt auch mehr Radon auf, das dort unter Abgabe von Alpha-Strahlung zerfällt. Ein großer Mensch atmet viel mehr von der Substanz ein und dürfte daher auch mehr gefährdet sein.
Das BfS (Bundesamt für Strahlenschutz) zeigt, dass mit steigender Radon Exposition das Risiko für Krebs steigt und dass dieser Zusammenhang tatsächlich linear ist.

Diese Zusammenhänge könnten bei der Analyse der Gründe für den beschriebenen Effekt vielleicht interessant sein.

Dr.-Ing. Andreas Keibel

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