Ärzte Zeitung, 01.03.2016

Krebstherapie im hohen Alter

Auch mal Nein sagen

Wie können alte Krebspatienten erkannt werden, die noch von einer Maximaltherapie profitieren, ohne unnötig belastet zu werden? Experten plädieren für den Einsatz onkogeriatrischer Scores.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Auch mal Nein sagen

Unerwünschte Nebenwirkungen einer Krebstherapie treten bei ältere Patienten rascher ein.

© Ugurhan Betin / istockphoto.com

BERLIN. Viele Krebstherapien sind bei alten Patienten längst nicht so effektiv wie bei jungen, und meist steigt auch die Toxizität. Onkogeriatrische Scores und ein systematisches Medikationsmanagement sollen die Krebstherapie im Alter gezielter und sicherer machen.

Die gesundheitliche Gesamtsituation älterer Menschen werde in der Krebstherapie oft nicht genug berücksichtigt, sagte Professor Yon-Dschun Ko vom Johanniter-Krankenhaus Evangelische Kliniken Bonn beim Deutschen Krebskongress in Berlin. So sterben 40 Prozent der Menschen, die das 70. Lebensjahr erreichen, innerhalb von zehn Jahren an nicht onkologischen Erkrankungen. Die Wirksamkeit einer adjuvanten Therapie, durch die 2 bis 4 Prozent mehr Patienten zehn Jahre lang leben, werde allein schon deswegen statistisch ausgedünnt.

Gesamtprognose berücksichtigen

Hinzu komme, dass in Folge eingeschränkter Leber-, Nieren- und Hirnfunktion unerwünschte Wirkungen rascher eintreten und schwerer rückgängig zu machen sind. "Wir müssen uns deswegen bei alten Krebspatienten immer fragen, ob eine Therapie eigentlich noch relevant ist", so Ko. Entscheidend sei, die nicht krebsbezogene Gesamtprognose der Patienten zu bewerten.

Doch wie genau können diejenigen erkannt werden, die von einer Maximaltherapie noch profitieren? Imke Ortland von der Klinischen Pharmazie der Universität Bonn plädierte für den Einsatz onkogeriatrischer Scores, die sowohl krebs- und krebstherapiebezogene als auch altersbezogene Faktoren einbeziehen. Zwei derartige Scores sind der CRASH-Score und der CARG-Score, die in Bonn derzeit klinisch evaluiert werden.

Ein interessantes Ergebnis hat die Pilotphase mit 20 Krebspatienten jenseits der 70 bereits gehabt. Die beiden Scores gaben jeweils rund drei von vier Patienten ein mittleres bis hohes Risiko für starke unerwünschte Wirkungen. Wurden dagegen die behandelnden Ärzte gefragt, dann hielten die 16 von 20 Patienten für fit genug für eine Maximaltherapie. Bei über 100 Patienten wird jetzt prospektiv überprüft, ob die Scores oder die Ärzte die Patienten besser einschätzen.

Natürlich geht es bei alten Krebspatienten auch darum, wie eine sinnvolle Therapie so gestaltet werden kann, dass unerwünschte Wirkungen im Rahmen bleiben. Professor Ulrich Jaehde vom Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn stellte eine klinische Studie vor, in der bei Krebspatienten in Abhängigkeit vom Risiko für unerwünschte Wirkungen wie Mucositis, Nausea/Emesis, Schmerzen oder Fatigue bestimmte Medikationsmanagementmodule durchliefen.

So wurde dafür gesorgt, dass auftretende Probleme früh erkannt wurden. Unabhängig vom Alter der Patienten ließ sich dadurch das Auftreten schwerer unerwünschter Wirkungen im Mittel um einen Therapiezyklus verzögern, so Jaehde. Im nächsten Schritt soll das Bonner Medikationsmanagement jetzt um onkogeriatrische Assessments erweitert werden.

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