Ärzte Zeitung, 07.06.2016

Immuntherapie

Mit Fahndungsfotos gegen Tumorzellen

Oftmals erkennt das Immunsystem die Krebszellen im Körper nicht. Forscher können ihm seit ein paar Jahren dabei jedoch auf die Sprünge helfen. Ein Team in Mainz hat nun einen Weg gefunden, wie das besonders gut gelingt.

Von Doreen Fiedler

Mit Fahndungsfotos gegen Tumorzellen

Krebsimpfung: Dendritische Zellen (groß) präsentieren T-Killerzellen Tumorzell-Fahndungsbilder.

© Fotoliaxrender/fotolia.com

MAINZ. Mainzer Forscher wollen verschiedene Krebsarten mit einer besonders effektiven Immuntherapie bekämpfen. Das Team hat leicht negativ geladene Nanopartikel entwickelt, die gezielt therapeutische Krebsimpfstoffe in bestimmte Zellen des Immunsystems transportieren können (Nature 2016; online 1. Juni).

Diese dendritischen Zellen wiederum geben die Information, dass ein Typ von Tumorzellen im Körper bekämpft werden soll, wie ein Fahndungsfoto an andere Immunzellen weiter.

Bislang sei das Verfahren an Mäusen und drei Menschen mit Melanom getestet worden, sagte Krebsforscher Professor Ugur Sahin, der die Untersuchung betreute. "Überraschenderweise bekamen wir bei sehr geringer Dosis sehr starke Immunantworten."

Das Prinzip kann auch auf die Therapie anderer Krebsarten übertragen werden. Für Hans-Reimer Rodewald vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), der an der Studie nicht beteiligt war, sind die Ergebnisse "enorm interessant".

Nanopartikel mit Adressaufklebern

Die Immuntherapie gegen Tumore ist ein vielversprechender Ansatz der Krebsbehandlung. Anders als bei einer Chemotherapie oder Strahlentherapie werden die Tumorzellen nicht von außen zerstört, sondern es wird die Abwehr im Körper selbst aktiviert. Das Immunsystem wird dabei durch spezifische Antigene angeregt - deswegen sprechen die Forscher von einem therapeutischen Impfstoff.

Bislang wurden bei den Ansätzen in der Immuntherapie die Nanopartikel mit Adressaufklebern versehen, entweder mit Antikörpern oder Liganden, die sich speziell an die dendritischen Zellen anlagern.

Das Forscherteam habe nun einen anderen Trick gefunden, sagte Rodewald. Durch die leicht negative Aufladung der Nanopartikel würden diese zu den dendritischen Zellen im Lymphsystem wie etwa die Milz geleitet.

Die Entwicklung basiert auf den Forschungsarbeiten der Translationalen Onkologie an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (TRON) und des Unternehmens BioNTech in Mainz.

An den Versuchen sind die Universitätsmedizin Mainz, das Uniklinikum Heidelberg, das Uniklinikum Mannheim und die Universitätsmedizin Frankfurt beteiligt.

Zellen präsentieren "Fahndungsfoto"

Bei dem jetzt vorgestellten Ansatz wird die RNA eines Tumor-Antigens in eine schützende Membranschicht gesteckt, die außen negativ geladen ist. Diese Nanopartikel werden in den Blutkreislauf gegeben und erreichen so das Lymphatische System.

Dort nehmen die dendritischen Zellen die RNA auf, und nutzen sie zum Aufbau von Tumorantigenen. "Diese Zellen sind quasi die Instrukteure des Immunsystems. Sie präsentieren die von uns eingebrachten Antigene wie ein Fahndungsfoto.

Die anderen Immunzellen kommen vorbei und schauen sich das an", sagt Sahin. Die Abwehrzellen können daraufhin die Tumorzellen bekämpfen.

Jolanda de Vries und Carl Figdor vom Radboud University Medical Center in Nijmegen in den Niederlanden schreiben in einem Kommentar zu den Resultaten, die Immunantwort der T-Zellen der drei Patienten sei beeindruckend (Nature 2016; online 1. Juni).

Es müsse allerdings eine größere, randomisierte Studie durchgeführt werden - deren Ergebnis mit größtem Interesse verfolgt werde.

Sahin sagte, die Studie laufe weiter. Bislang seien alle Patienten klinisch stabil, das heißt die Tumore wachsen nicht mehr weiter. "In einem Jahr werden wir wissen, wie wirksam die Behandlung ist", sagte er. "Ich bin selber Arzt und davon motiviert, Patienten neue Therapien zu bieten."

Erst kürzlich hatten Forscher von einer Immuntherapie gegen Krebs berichtet, bei der sie T-Zellen des Patienten im Labor gentechnisch so verändern, dass sie Blutkrebszellen erkennen und direkt angreifen. (dpa/eis)

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