Ärzte Zeitung, 18.07.2016

Google, Bing & Co.

Kann eine Internet-Suchmaschine gefährlichen Krebs früherkennen

Sag mir, wonach Du googelst - und ich sage Dir, ob Du an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt bist. Händeringend suchen Forscher nach einer Methoden zur Früherkennung von Pankreaskarzinomen. Offenbar kann das Internet dabei helfe.

Kann eine Internet-Suchmaschine gefährlichen Krebs früherkennen

Dr. Bing: US-Forscher untersuchten, wie effektiv die Suchmaschine Symptome erkennt und zuzordnet.

© styleuneed/Fotolia.com

Von Robert Bublak

NEW YORK. Drei von vier Patienten mit einem Pankreaskarzinom, die nicht operiert werden können, sterben binnen eines Jahres. Nur sieben von 100 Frauen und acht von 100 Männern, die an Krebs der Bauchspeicheldrüse erkranken, leben fünf Jahre nach der Diagnose noch.

 Ein Grund für diese niederschmetternde Situation: Der Tumor ist zum Zeitpunkt der Diagnose meist nicht mehr lokal begrenzt. Die Beschwerden, die der Diagnose vorausgehen, sind in der Regel unspezifisch, der Tumor wächst rasch und metastasiert früh. Das macht es so schwer, die Erkrankung in einem Stadium mit noch guter Prognose zu erkennen.

Ein US-Forscher-Team um John Paparrizos von der Columbia University in New York hat nun einen unorthodoxen Weg zur möglichen Früherkennung von Pankreaskarzinomen gewählt.

Die Frage, die sie sich vorlegten, lautete: Kann man anhand des Protokolls der Suchwörter, die jemand in eine Suchmaschine im Internet eingibt, spätere Pankreaskrebspatienten noch vor der Diagnose identifizieren? Unterstützung erhielten die Wissenschaftler von der Forschungsabteilung von Microsoft (J Oncol Pract 2016, online 7. Juni).

Fragen nach Symptomen analysiert

Laut den Ergebnissen von Paparrizos und Kollegen ist das möglich. Für ihre Machbarkeitsstudie haben sie zwei Gruppen definiert: Zum einen die Gruppe der Positiven, die eine Pankreaskrebsdiagnose erhalten hatten.

 Diese Gruppe bestand aus (anonymen) Menschen, die in der Suchmaschine Bing gezielt nach dem Begriff "Bauchspeicheldrüsenkrebs" oder einem Synonym gesucht hatten und zudem erkennen ließen, dass sie eine entsprechende Diagnose erhalten hatten (etwa indem sie dies explizit in der Suchanfrage formulierten).

Die Gruppe der Negativen bestand aus Menschen, die nach Symptomen von Pankreaskrebs gesucht hatten - mit Begriffen wie "gelbe Augen", "dunkler Urin", "fettiger Stuhl", "Verdauungsstörung", "Bauchschmerzen", "Gewichtsverlust" und vielen anderen.

Diese hatten aber nie konkret Auskunft über Pankreaskrebs selbst haben wollen. Positive und Negative zusammen bildeten die untersuchte Gesamtheit von Personen, bei denen es sinnvoll wäre, anhand einer passenden Suchhistorie nach Krebspatienten Ausschau zu halten.

Obwohl die Suche in Bing anonymisiert verläuft, lässt sich doch für jede Anfrage das Protokoll der vorhergehenden Suchbegriffe auffinden. Das geschah mit Blick auf die Gruppe der Positiven. Ein lernender Algorithmus filterte die Suchhistorie nach Begriffsmustern, die eine künftige Diagnose von Pankreaskrebs wahrscheinlich machen.

Diese Muster wurden schließlich an der Gesamtheit getestet. Wegen der geringen Prävalenz der Erkrankung kam es den Forschern um Paparrizos darauf an, die Muster so zu gestalten, dass es zu möglichst wenigen falsch-positiven Ergebnissen kam.

System zur Beobachtung

Mit Falsch-positiv-Raten zwischen 0,001 und 1 Prozent gelang es, anhand der Suchhistorie zwischen 5 und 30 Prozent der späteren Positiven ausfindig zu machen, und zwar etwa fünf Monate vor der tatsächlichen Diagnose.

 Bei der niedrigsten Rate an falsch-positiven Ergebnissen würde nur einer von 100.000 aus der Gruppe der Negativen fälschlich als positiv diagnostiziert werden. Die Prävalenz eingerechnet hieße das: Von drei positiven Befunden wären zwei richtig und einer falsch.

Den Nutzen ihres Ansatzes sehen die Forscher nicht im aktiven Screening als vielmehr in der passiven Beobachtung. Die Analyse ihrer einschlägigen Suchprofile könnte dabei für Internetnutzer womöglich in dem Rat resultieren, bei den Symptomen einen Arzt aufzusuchen.

[18.07.2016, 13:51:28]
Thomas Georg Schätzler 
"Gelbe Augen und dunkler Urin", liebe Bing-Experten
bzw. mit hellerem Stuhlgang sind lehrbuchmäßige S p ä t s y m p t o m e bei Pankreas-Neoplasien mit infauster Prognose. insbesondere wenn ausgedehnte Pankreaskopf-Karzinome den Ductus choledochus und die Papilla vateri bereits ummauert haben, wo auch der Ductus pankreaticus mit in den Zwölffingerdarm einmündet.

Das Ganze geht zurück auf eine Geschichte, die in der "New York Times" schon am 7.6.2016 unter dem Titel "Microsoft Finds Cancer Clues in Search Queries" von "JOHN MARKOFF JUNE 7, 2016" veröffentlicht wurde: http://www.nytimes.com/2016/06/08/technology/online-searches-can-identify-cancer-victims-study-finds.html?_r=0

Dr. Eric Hovitz kam auf die Idee bei einem Telefonat, als ein Freund ihm von Beschwerden mit Verdacht auf eine Bauchspeicheldrüsenerkrankung berichtete. Der Freund ging zum Arzt, der Verdacht Pankreaskarzinom bestätigte sich und er verstarb an einem Adenokarzinom des Pankreas.

Die Fünf-Jahre-Überlebensrate dieser Erkrankung liegt bei 3 Prozent. Bei Früherkennung kann diese auf 5 – 7 Prozent verbessert werden. Die Forscher untersuchten große Stichproben der Suchmaschine „Bing“ auf suspekte Frühsymptome und schlussfolgerten, in einigen Fällen könne man die Erkrankung schon vor der offiziellen Diagnose erkennen ["The scientists said they hoped their work could lead to early detection of cancer. Their study was published on Tuesday in The Journal of Oncology Practice by Dr. Eric Horvitz and Dr. Ryen White, the Microsoft researchers, and John Paparrizos, a Columbia University graduate student"].

Die Originalarbeit liest sich allerdings ziemlich unverbindlich: "Screening for Pancreatic Adenocarcinoma Using Signals From Web Search Logs: Feasibility Study and Results"
http://jop.ascopubs.org/content/early/2016/06/02/JOP.2015.010504

Und die Schlussfolgerungen erst recht: "Conclusion: Signals in search logs show the possibilities of predicting a forthcoming diagnosis of pancreatic adenocarcinoma from combinations of subtle temporal signals revealed in the queries of searchers". Möglichkeiten der Vorhersage einer zukünftigen Diagnose eines Pankreas-Adenokarzinoms bleiben weiterhin völlig unsicher und sind als rein histologische Diagnose ein Widerspruch in sich.

Durch undifferenziertes Suchen, auch in Suchmaschinen, kann man als Laie i.d.R. keine Krankheiten schon vor der gesundheitsberuflichen, fachärztlichen oder allgemeinmedizinischen Anamnese, Untersuchung und Differenzialdiagnose detektieren. Das wäre reiner Zufall, oder eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, dass wir alle mal krank werden und sterben müssen. Und selbst die Frühdiagnostik eines Pankreaskarzinoms bewirkt, dass nach 5 Jahren nicht 97%, sondern “nur” 93-95% tot sind.

Entscheidendes erkenntnistheoretisches Problem: Auch harmlose, banale, unspezifische Symptome können ebenso spontan abklingen oder abheilen wie Vorboten einer schweren Systemerkrankung sein. Immunologisch wissen wir gar nicht, ob unsere zelluläre und humorale Abwehr gerade eine entscheidende Krankheitswende zulässt oder abwehrt. Unsere Genom Analyse erbringt auch nur genetische Wahrscheinlichkeiten, aber keine Gewissheit.

Da sollten Microsoft, Google, Bing etc. doch erstmal Medizin studieren, Evidenzen erforschen, empirische und vor allem p r o s p e k t i v e Studien durchführen und dann EbM (Evidence – based – Medicine) betreiben. Auch Google–Maps ist so schlicht gestrickt und kann nicht vorhersagen, wo und wie wir dann endgültig hinfahren und Urlaub machen werden. Eine einfache und praktikable “Roadmap” für Krankheits-Früherkennung oder reine Suchdiagnosen gibt es nicht.

Ein guter Freund von mir kam eines Jahres bei völliger Gesundheit im März in meine Sprechstunde und berichtete über leichte, unspezifisch dyspeptische Beschwerden, Aufstoßen, geringen Oberbauchdruck bei uneingeschränkter Leistungsfähigkeit. Ich habe zügig seine Diagnostik eingeleitet (Sono, CT-Abdomen, NMR-Abdomen). Im Ergebnis war es ein weit fortgeschrittenes, inoperables Pankreaskopfkarzinom mit Lebermetastasen. Trotz aller schul- und alternativmedizinischen Bemühungen starb er noch im November desselben Jahres. In der Zwischenzeit habe ich aber hunderte, ähnlich symptomatische Patienten jedes Quartal mit harmlosen Medikamenten erfolgreich behandelt.

Die extrem geringe Wahrscheinlichkeit, bei unspezifischen Beschwerden, leichter, unspezifischer Dyspepsie, Aufstoßen, geringem Oberbauchdruck und uneingeschränkter Leistungsfähigkeit an einer sonst medizinisch nicht erkennbaren Tumorerkrankung zu leiden, wird nur virtuell erhöht durch die zig-millionenfachen Anfragen mit im Verhältnis minimaler, aber dann doch relevanter Trefferquote. Genau das muss Gegenstand prospektiver Evaluierung sein.

Mf+kG, Dr. med. Thomas g. Schätzler, FAfAM Dortmund


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