Ärzte Zeitung, 08.12.2014

Blasenkrebs

Plädoyer für organschonende Strategie

Bei Patienten mit einem muskelinvasiven Harnblasenkarzinom ist das organschonende Vorgehen eine Alternative zur radikalen Zystektomie. Einer Analyse zufolge haben 80 Prozent auch fünf Jahre nach blasenerhaltender Therapie ein intaktes Organ.

Von Peter Leiner

Plädoyer für organschonende Strategie

Bei Blasen-Ca könnten ältere Patienten von einer organschonenden Therapiestrategie profitieren.

© Springer Verlag GmbH

BOSTON. Um die Langzeitergebnisse einer organschonenden Dreifachtherapie mit transurethraler Tumorresektion, Bestrahlung und Chemotherapie besser abschätzen zu können, werteten US-Ärzte um den Radiologen Dr. Raymond H. Mak vom Brigham und Women's Hospital in Boston die Daten von sechs Studien innerhalb der Radiation Therapy Oncology Group (RTOG) aus, davon fünf Phase-II-Studien und eine Phase-III-Studie.

Denn eine randomisierte Studie mit einem direkten Vergleich der Effektivität gibt es nicht. Für ihre gepoolte Analyse konnten die Ärzte die Befunde von fast 470 Patienten auswerten, zu 82,5 Prozent Männer (JCO 2014; online 3. November).

Die meisten Patienten (94,2 Prozent) hatten - wie erwartet - ein Urothelkarzinom, und zwar im Stadium T2 (knapp 61 Prozent) mit Invasion der Harnblasenmuskulatur oder T3a (29,1 Prozent) mit einer perivesikalen Tumorinfiltration.

Bei jedem zehnten Patienten war es bereits zu einer Hypernephrose gekommen. Im Median waren die Patienten 66 Jahre alt, 64 Prozent waren jünger als 70 und 17 Prozent älter als 75 Jahre.

Ein Fünftel mit Zystektomie

100 Patienten (21 Prozent) mussten sich einer Zystektomie unterziehen, 62 Prozent davon, nachdem sie nur unzureichend auf die Induktionschemotherapie und Bestrahlung angesprochen hatten, 36 Prozent als Salvage-Strategie wegen eines Rezidivs nach organschonender Behandlung.

Insgesamt betrachtet lag die Rate des kompletten Ansprechens auf die organschonende Behandlung bei 69 Prozent. Das mediane Follow-up bei den Patienten, die überlebten (205 Patienten), betrug 7,8 Jahre. Die Gesamtüberlebensrate lag fünf Jahre nach der Behandlung bei 57 Prozent, zehn Jahre danach bei 36 Prozent.

Die Werte für den Parameter "krebsspezifisches Überleben" betrugen nach fünf Jahren 71 Prozent und nach zehn Jahren noch 65 Prozent. Und 80 Prozent der Patienten hatten nach fünf Jahren noch eine Harnblase mit intakter Funktion.

Diese Ergebnisse liegen im Rahmen dessen, was etwa in einer Studie an der Universität in Erlangen zwischen 2002 und 2007 mit derselben Vorgehensweise herausgefunden worden war: eine Gesamtüberlebensrate nach fünf Jahren von 45 Prozent und nach zehn Jahren von 29 Prozent.

Beim Parameter "krebsspezifisches Überleben" lagen die Werte in Erlangen bei 56 Prozent nach fünf und bei 42 Prozent nach zehn Jahren.

Schließlich weisen die US-Ärzte darauf hin, dass der Anteil der Patienten mit Fernmetastasen fünf Jahre nach der Therapie bei 31 Prozent und nach zehn Jahren bei 35 Prozent liege. Deshalb sei es nötig, wirksamere systemische Therapien mit einer niedrigeren Toxizität zu entwickeln.

Nach Ansicht von Mak und seinen Kollegen bietet ihre Analyse einen einzigartigen Blick auf die Wirksamkeit des organschonenden Vorgehens. Eine abgeschlossene randomisierte Studie mit einem direkten Vergleich werde es wohl nicht geben.

Sie erinnern dabei an die britische SPARE-Studie (selective bladder preservation against radical excision), die vorzeitig geschlossen werden musste, weil die Teilnehmerzahl für den Endpunkt "Gesamtüberleben" nicht erreicht wurde (BJU Int 2010; 106: 753-754).

Schonende Strategie für Ältere

In der aktuellen Empfehlung der europäischen urologischen Gesellschaft wird die organschonende Strategie bei ausgewählten Patienten empfohlen (Eur Urol 2013; 63: 45-57). Vor allem ältere Patienten, die nicht für eine Zystektomie geeignet sind, könnten von der organschonenden Strategie profitieren.

Auch für Professor Claus Rödel und Privatdozent Christian Weiss von der Universitätsklinik in Frankfurt am Main hat das organschonende Vorgehen beim muskelinvasiven Harnblasenkarzinom seinen Stellenwert.

Bei der Beratung von Patienten über die verfügbaren Therapieoptionen könne die organschonende Option deshalb nicht mehr außen vor gelassen werden, so die Ärzte in ihrem Editorial zur aktuellen US-Studie (JCO 2014; online 3. November).

In Deutschland gibt es bisher keine S2- oder S3-Leitlinie zum Harnblasenkarzinom. Bereits vor mehr als einem Jahr ist ein entsprechendes Leitlinienvorhaben im Auftrag des Leitlinienprogramms Onkologie unter anderem der Deutschen Krebsgesellschaft angemeldet worden, und zwar zur Prävention, Früherkennung, Diagnostik, Prognostik, Therapie und Nachsorge. Erwartet wird, dass die Leitlinie im August kommenden Jahres fertiggestellt sein wird.

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