Ärzte Zeitung, 10.06.2016

Schlechte Prognose

Bei unter 50-Jährigen folgt der Lungenkrebs anderen Regeln

Genmutationen werden bei Lungenkrebs-Patienten unter 50 Jahren häufiger festgestellt als bei älteren - eine gute Voraussetzung für gezielte Therapien. Doch in einer US-Studie waren die Überlebenschancen der jüngsten Patienten fast so schlecht wie die der ältesten.

Von Christine Starostzik

Bei unter 50-Jährigen folgt der Lungenkrebs anderen Regeln

Lungenkrebs: Zwei Drittel der Diagnosen werden im fortgeschrittenen Stadium gestellt.

© Springer Verlag GmbH

BOSTON. Weniger als 5 Prozent der Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) sind zum Zeitpunkt der Diagnosestellung jünger als 50 Jahre. Doch sie weisen einige genetische Besonderheiten auf, die therapeutisch genutzt werden könnten und denen bislang offenbar noch zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Adrian Sacher vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston und Kollegen haben eine Kohorte mit 2237 NSCLC-Patienten, die zwischen Januar 2002 und Dezember 2014 am Krebszentrum genotypisiert worden waren, retrospektiv analysiert (JAMA Oncol 2016; 2(3): 313-320).

Die Onkologen suchten nach Zusammenhängen zwischen nachweisbaren genomischen Veränderungen im jüngeren Alter und der Prognose. Innerhalb verschiedener Altersgruppen wurde der Mutationsstatus untersucht und in einem multivariaten Cox-Modell die Überlebenswahrscheinlichkeit kalkuliert.

Überwiegend Adenokarzinome

87 Prozent der Patienten waren an einem histologisch bestätigten Adenokarzinom erkrankt, 12 Prozent an einem nicht anderweitig spezifizierten NSCLC und 1 Prozent an einem Plattenepithelkarzinom. 63 Prozent der Tumoren befanden sich in den Stadien IIIB oder IV. 27 Prozent der Krebskranken im Durchschnittsalter von 62 Jahren hatten nie geraucht.

Insgesamt detektierten Sacher und Kollegen bei 32 Prozent aller Patienten Genveränderungen wie EGFRKinase-Mutationen, ALK- oder ROS1-Rearrangements, ERB2-Kinase- oder BRAF-V600E-Mutationen. Dabei stießen sie auf einen Zusammenhang zwischen der Genotypisierung und dem Alter der Patienten.

Krebskranke, bei denen das NSCLC in einem jüngeren Alter diagnostiziert worden war, wiesen im Vergleich zu älteren Patienten gehäuft EGFRKinase-Mutationen (p = 0,02) und ALK-Rearrangements (p < 0,01) auf.

Ein ähnlicher Trend, wenn auch kein signifikanter Unterschied, zeigte sich bei ERB2 (p = 0,15) und ROS1 (p = 0,1). KRAS-Mutation kamen dagegen häufiger bei den Älteren vor. Kein Zusammenhang fand sich für BRAF-V600E.

Genetisch besondere Subgruppe

Bei Patienten, deren Lungenkrebs bis zum Alter von 50 Jahren diagnostiziert worden war, wurde mit einer um 59 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit als bei den älteren einer der untersuchten Genotypen festgestellt. Möglicherweise stellen jüngere Patienten somit eine genetisch besondere Subgruppe dar - mit Konsequenzen für die Behandlung.

Denn durch personalisierte Therapien entsprechend der genetischen Veränderungen verbesserte sich das Überleben um 34 Prozent. Wurden Patienten mit nachweisbaren Genveränderungen dagegen nicht gezielt behandelt, hatten sie keinen Vorteil.

Anders als erwartet, ergab die Analyse allerdings für die jüngsten wie auch für die ältesten Patienten im Vergleich zu den anderen Altersgruppen die schlechtesten Prognosen. Bei Patienten unter 40 lag die mediane Überlebenszeit allgemein bei 18,2 Monaten, bei den über 70-Jährigen bei 13,6 Monaten.

Im Vergleich dazu erlebten Patienten zwischen 40 und 49 Jahren noch 22,9 Monate, die 50- bis 59-Jährigen 21,3 Monate und die 60- bis 69-Jährigen 18,3 Monate. Selbst Patienten unter 40 Jahren mit nachgewiesener Genmutation erreichten nur 21,4 Monate.

Am längsten (35,4 Monate) überlebten 50- bis 59-Jährige mit verändertem Genom. Patienten ohne Genveränderung zeigten zwischen den Altersgruppen keine Überlebensunterschiede.

Trotz nachgewiesener Genveränderungen und gezielter Therapien war das Überleben der jüngsten NSCLC-Patienten im Vergleich zu anderen Altersgruppen unerwartet schlecht. Möglicherweise, so die Autoren, sei hierfür ein aggressiverer Krankheitsverlauf mitverantwortlich.

Die Ergebnisse ihrer Studie unterstrichen ihrer Meinung nach die Notwendigkeit umfangreicher spezieller Therapiekonzepte sowie Genotypisierungen bei jüngeren Patienten mit Lungenkrebs auch mittels Hochdurchsatzsequenzierung.

Damit könnten auch seltene und bislang unbekannte Mutationen erkannt und mehr junge Patienten gezielt behandelt werden.

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