Ärzte Zeitung, 09.04.2009

Mit Mini-U-Boot durch den Dickdarm

Erstmals ist in einer deutschen Studie die Endoskopie mit einer Kolonkapsel in einer gastroenterologischen Praxis untersucht worden. Im Vergleich zur Koloskopie ergab sich eine Sensitivität von 70 Prozent. Die Methode eignet sich besonders für Patienten mit schweren Erkrankungen, bei denen eine klassische Koloskopie ambulant nicht ratsam wäre.

Von Angela Speth

Ein Kolon-Karzinom mit villöser Oberfläche im PillCamTM-Bild. Spastische Kontraktionen hielten die Kapsel an dieser Stelle 20 Minuten fest.

Foto: Sieg

Bisher haben israelische und belgische Wissenschaftler die PillCam

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Kolonkapsel in zwei Pilotstudien auf ihre Eignung getestet und eine Sensitivität von 70 Prozent ermittelt. Dieses Ergebnis hat jetzt eine deutsche Studie unter Praxisbedingungen bestätigt. Teilnehmer waren 30 Männer und 6 Frauen, die zur Vorsorge oder wegen eines positiven Stuhltests auf Neoplasien untersucht werden sollten (Journal of Gastroenterology online).

Die Patienten müssen zuvor besonders viel trinken

Eine Besonderheit der Kolonkapsel besteht darin, dass anders als mit dem konventionellen Endoskop (trübe) Flüssigkeit aus dem Darm nicht abgesaugt werden kann, wie Professor Andreas Sieg aus Heidelberg im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläutert hat. Das bedeutet, dass die Patienten etwa einen Liter mehr trinken müssen, damit der Darm möglichst frei von Nahrungspartikeln und die Sicht gut ist.

Am Vortag nahmen die Studienteilnehmer deshalb drei Liter Polyethylenglykol-Lösung zu sich und noch einmal einen Liter am Morgen direkt vor der Untersuchung. Nach dem Schlucken der Minikamera sollten sie zwei Stunden herumgehen, denn wie sich herausgestellt hatte, war so die Transitzeit des Geräts kürzer als beim Sitzen. Beschleunigt wurde die Passage weiterhin, wenn die Patienten 22  ml Natriumphosphat mit 0,5 Liter Wasser tranken, sobald die Kapsel den Magen verlassen hatte: Damit betrug die Verweildauer statt median 8,25 Stunden nur 4,5 Stunden. Nach dem Ausscheiden des Pillen-Endoskops nahmen Sieg und seine Kollegen zusätzlich eine herkömmliche Koloskopie vor.

Insgesamt entdeckten sie dabei elf Polypen, die kleiner als 6 mm waren, mit der Minikamera fanden sie sieben. Umgekehrt sahen sie mit der Kolonkapsel einen kleinen Polypen, den sie mit dem Schlauch-Endokop nicht erkannt hatten. Ein Karzinom war mit beiden Verfahren gut nachzuweisen. An dieser Stelle wurde die Kolonkapsel wegen spastischer Kontraktionen der Darmwand ungefähr 20 Minuten festgehalten, berichtete der Gastroenterologe.

Außer im Rektum sei die Qualität der Bilder gut gewesen, obwohl die Darmreinigung mit PillCam

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insgesamt schlechter war als bei der Koloskopie mit ihrer Möglichkeit des Absaugens: Auf einer Skala von 1=ausgezeichnet bis 4=schlecht ergab sich ein Wert von 1,9 im Vergleich zu 1,2.

Minikamera ist eine Option bei schweren Krankheiten

Es sei vorstellbar, schreibt Sieg, dass die Patienten die Kapsel-Endoskopie zu Hause machen und den Datenrekorder, den sie während der Aufnahmen bei sich tragen, anschließend zur Auswertung in die Praxis bringen. Die Methode sei vielleicht nicht zum allgemeinen Screening geeignet, wohl aber eine Option für Patienten etwa mit schwerwiegenden Herz- oder Lungenerkrankungen, bei denen sonst eine konventionelle Koloskopie stationär erfolgen müsste. Eine Erweiterung des Portfolios sei die Minikamera auch für Männer, die bekanntlich trotz erhöhten Darmkrebsrisikos seltener an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen als Frauen, aber - wie der auffallend hohe Männeranteil der Studie belegt - von der neuen Technik sehr angetan waren.

Sanfte Technik soll Hemmschwelle senken

Die PillCam

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Kolonkapsel des israelischen Unternehmens Given Imaging Ltd. ist mit etwa ein auf drei Zentimeter so groß wie ein Gummibärchen. Winzige Kameras an jedem Ende filmen das Innere des Darms mit vier Bildern pro Sekunde. Währenddessen können sich die Patienten mit den am Bauch befestigten Zusatzteilen - Datenrekorder, Sensoren, Batterie - ungehindert bewegen. Seit 2007 ist das Miniaturendoskop in Deutschland zugelassen. Die Krankenkassen zahlen die Untersuchung nur ausnahmsweise bei Patienten mit schweren Erkrankungen, wobei sie die GOÄ-Ziffer A707 nach Angaben von Professor Andreas Sieg als Analogziffer akzeptieren. Die Kosten für die Patienten betragen insgesamt etwa 1100 Euro, davon 560 Euro für das Gerät, der Rest für Praxisleistungen wie die ein- bis zweistündige Auswertung, Aufklärungs- und Befundgespräche, Labor und körperliche Untersuchung. (ars)

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