Ärzte Zeitung, 01.03.2013

Darmkrebsmonat März

Neuer Schub für die Koloskopie

Ein bundesweites Einladungsverfahren zur Koloskopie soll heute beschlossen werden. Für die Darmkrebs-Prävention sind neue Konzepte im Gespräch. Im Interview erklärt die Gründerin der Felix Burda Stiftung, was dahintersteckt.

Das Interview führte Beate Schumacher

Dr. Christa Maar

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© Felix Burda Stiftung

Position: Vorstand der Felix Burda Stiftung und Präsidentin des Netzwerks gegen Darmkrebs

Ausbildung: Studium der Kunstgeschichte

Karriere: Drehbuchautorin, Regisseurin und Chefredakteurin

Privates: Ihr Sohn Felix starb 2001 an Darmkrebs

Ärzte Zeitung: Frau Dr. Maar, Sie engagieren sich im Nationalen Krebsplan für eine verbesserte Darmkrebs-Vorsorge. Auf der Basis der Empfehlungen des Nationalen Krebsplans hat der Bundestag jetzt ein Gesetz zur Krebsfrüherkennung verabschiedet. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Neuerungen?

Dr. Christa Maar: Unsere Hauptempfehlung war die Umwandlung des Angebots zur Darmkrebsfrüherkennung in ein organisiertes Screening. Nach dem neuen Gesetz müssen zukünftig alle Berechtigten zum Screening eingeladen werden.

Der zweite Aspekt, den ich auch aufgrund meiner persönlichen Geschichte für besonders wichtig erachte, ist die risikoangepasste Vorsorge für Patienten mit familiärer Belastung.

Bisher bekommt ein 45-Jähriger, der aufgrund eines Kolonkarzinoms eines Elternteils eine Vorsorgekoloskopie will, diese nur dann von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet, wenn der Gastroenterologe eine Diagnose stellt, die die Untersuchung begründet.

Diese Patienten müssen nicht nur einen regelhaften Anspruch auf eine frühere Vorsorge erhalten, sie müssen auch möglichst früh identifiziert und über die für sie infrage kommenden Früherkennungsmaßnahmen beraten werden.

Dem neuen Gesetz zufolge gibt es für die Früherkennung keine starren Altersgrenzen mehr, sondern der G-BA kann sie nach dem aktuellen Stand des Wissens' festlegen.

Wie schnell wird das neue Gesetz umgesetzt werden?

Der Gesetzgeber hat dafür einen Zeitraum von maximal drei Jahren veranschlagt. Voraussichtlich im Mai wird in Bayern ein Pilotprojekt der Techniker Krankenkasse zum Einladungsverfahren starten.

Anders als beim Brustkrebs-Screening sollen nämlich beim Darmkrebs-Screening die Kassen ihre Versicherten einladen.

Das Projekt der TK beinhaltet das Aufklärungsgespräch durch den Arzt ab 50 und ab 55, Ärztefortbildung und Telefon-Hotline.

Es liegt nun in der Entscheidung des G-BA, ob die bisher gültige Altersregelung - also ab 50 Jahren Anspruch auf einen Stuhltest auf okkultes Blut, ab 55 alle zehn Jahre Anspruch auf eine Koloskopie - beibehalten wird oder ob beide Untersuchungen ab dem Alter von 50 Jahren angeboten werden.

Wie sieht es derzeit mit der Akzeptanz des GKV-Angebots zur Darmkrebs-Früherkennung aus?

An der Vorsorgekoloskopie haben seit 2003 circa 22 Prozent der Anspruchsberechtigten teilgenommen. Tatsächlich sind es aber sehr viel mehr Personen, da zum Beispiel Koloskopien aufgrund positiver Haemokkult-Tests oder familiärer Belastung, die ja ebenfalls der Früherkennung von Darmkrebs dienen, als kurativ firmieren.

Experten schätzen, dass inzwischen tatsächlich zwischen 40 und 50 Prozent der Bevölkerung in der entsprechenden Altersgruppe eine Koloskopie gemacht haben.

Kann man davon ausgehen, dass persönliche Einladungen die Teilnahmerate noch steigern?

Auf jeden Fall. Die AOK Rheinland/Hamburg hat mit einem einzigen Brief an ihre Versicherten eine Verdoppelung der Koloskopiequote erzielt. Bei dem TK-Pilotprojekt ist zusätzlich ein Recall vorgesehen.

Welche Veränderungen in der Vorsorge sind für Personen mit familiärer Belastung zu erwarten?

Das hängt vom G-BA ab - nicht alle Mitglieder werden erfreut sein, wenn die Vorsorgekoloskopie nach vorn ausgedehnt wird.

In der neuen S3-Leitlinie der DGVS wird empfohlen, dass bei direkten Verwandten von Personen mit Darmkrebs spätestens im Alter von 40 bis 45 Jahren eine Vorsorgekoloskopie vorgenommen wird.

APPzumARZT

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Seit 2011 gibt es die Präventions-App APPzumARZT, die die Felix Burda Stiftung und die Assmann-Stiftung mit Unterstützung der Siemens-BKK entwickelt haben. Die individualisierbare App zeigt für jedes Familienmitglied alle gesetzlichen Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen an.

Mit dem Upgrade im März 2013 werden die Nutzer bei anstehenden Terminen auch benachrichtigt. Über Scores können sie ihr Risiko für Darmkrebs, Herzinfarkt und Schlaganfall abschätzen.

Kostenloser Download für iOS und Android unter www.felix-burda-stiftung.de/appzumarzt

Das IQWiG räumt zwar ein, dass Personen mit familiärer Belastung ein höheres Erkrankungsrisiko haben und auch früher erkranken, hat aber, weil es keine Studien gibt, den Nutzen einer vorgezogenen Koloskopie infrage gestellt. Männer erkranken im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen, auch hier müsste der G-BA eigentlich die Altersgrenze senken.

Was sind die Aufgaben der Hausärzte beim Darmkrebs-Screening?

Bei den Risikogruppen mit familiärem Darmkrebs haben Hausärzte die Topfunktion: Sie müssen eigentlich alle Patienten möglichst frühzeitig zu ihrer Familienanamnese befragen, das Ergebnis in die Patientenakte eintragen und die Betroffenen entsprechend aufklären.

Außerdem haben Hausärzte die ganz wichtige Funktion, alle Patienten über 50 darauf hinzuweisen, dass sie zur Darmkrebsvorsorge gehen sollten.

Bei dem ab 50 Jahren empfohlenen Test auf okkultes Blut wird bisher nur der Guajak-Test von der GKV erstattet. Gibt es etwas Neues von den immunologischen Tests?

Die immunologischen Stuhltests sind bekanntlich sensitiver als der herkömmliche Test, aber sie sind bisher nicht standardisiert. Tests von verschiedenen Herstellern liefern verschiedene Ergebnisse.

Wir haben jetzt initiiert, dass eine internationale Arbeitsgruppe zusammen mit einem Münchener Labor einen Referenztest entwickelt, an dem sich dann alle Hersteller orientieren müssen.

Die Aufgabe ist offenbar nicht trivial. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir hier trotzdem bald zu einem positiven Ergebnis kommen werden und den G-BA dann auch davon überzeugen können, den immunologischen Stuhltest als Kassenleistung einzuführen.

Und was ist Ihr nächstes großes Ziel?

Mein nächstes großes Projekt ist, bei dem Einladungsverfahren für das Darmkrebs-Screening am Ball zu bleiben, wie das gemacht werden soll und welche Experten hinzugeholt werden.

Es wäre fatal, wenn es am Schluss nur auf einen Minimalkonsens hinausläuft, der viele wichtige Dinge wie zum Beispiel die Anpassung der Qualitätskriterien für die Vorsorgekoloskopie an den internationalen Standard oder die Qualitätssicherung der Stuhltests ausspart.

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