Ärzte Zeitung online, 21.02.2014

Krebsmedizin

Plädoyer für mehr unabhängige Studien

Krebsgesellschaft und Krebshilfe fordern eine neue Finanzierung für akademisch getriebene klinische Studien in der Onkologie. Eine Lösung könnte der Innovationsfonds sein. Wie wichtig solche Studien sind, zeigt die im vergangenen Jahr vorgestellte FIRE 3-Studie.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Plädoyer für mehr unabhängige Studien in der Krebsmedizin

Vorbereitung der Infusionstherapie für einen Krebskranken.

© Pruser / fotolia.com

BERLIN. Deutsche Krebs-Gesellschaft und Deutsche Krebshilfe fordern eine nachhaltige Finanzierungsinfrastruktur für akademisch getriebene klinische Studien in der Onkologie. Wie wichtig solche Studien sind, zeigt die im vergangenen Jahr vorgestellte FIRE 3-Studie.

In der FIRE 3-Studie wurde bei Patienten mit metastasiertem kolorektalem Karzinom (KRK) ohne Mutation im KRAS-Gen ("KRAS wt") die Wirksamkeit einer Anti-EGFR-Therapie mit Cetuximab mit jener einer Anti-VEGF-Therapie mit Bevacizumab verglichen. Basisbehandlung war jeweils eine Chemotherapie nach dem FOLFIRI-Schema.

In der Primärauswertung zeigte sich trotz gleichen Remissionsraten und gleichem progressionsfreiem Überleben ein signifikanter Vorteil beim Gesamtüberleben in der Gruppe, in der Cetuximab eingesetzt wurde (28,7 versus 25,0 Monate).

Während die FIRE 3-Studie lief, kristallisierte sich allerdings heraus, dass es noch andere RAS-Mutationen gibt, die einen Einfluss auf die Anti-EGFR-Behandlung nehmen, vor allem die NRAS-Mutation.

In einer Nachauswertung, die Professor Volker Heinemann von der LMU München jetzt beim Deutschen Krebskongress in Berlin erneut vorstellte, wurden diese Mutationen mit berücksichtigt. "Die Patienten wurden dadurch noch einmal stärker selektioniert", so Heinemann.

Das erhöhte den Überlebensvorteil in der Cetuximab-Gruppe: Die Patienten überlebten jetzt im Median 33,1 Monate im Vergleich zu 25,6 Monate in der Vergleichsgruppe (p=0,01).

Als Konsequenz dieser Studie empfiehlt die Leitgruppe KRK in der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) jetzt bei allen Patienten mit metastasiertem KRK die Bestimmung sowohl des KRAS- als auch des NRAS-Mutationsstatus. "Außerdem empfehlen wir bei Vorliegen eines RAS-Wildtyps aufgrund der FIRE 3-Studie den primären Einsatz eines anti-EGFR-Antikörpers", so Heinemann.

Enorme Bedeutung akademisch getriebener Studien

Für Kongresspräsident Professor Michael Hallek, Universität Köln, illustriert die FIRE-3-Studie beispielhaft die enorme Bedeutung von akademisch getriebenen Studien in der Onkologie.

Derartige Vergleiche zwischen zwei neuen, zugelassenen und noch patentgeschützten Therapien seien im Rahmen des konventionellen Zulassungsprozederes nicht üblich und könnten von den Unternehmen auch nicht erwartet werden, so Hallek.

In ähnlicher Weise seien Studien zur Therapiestratifizierung anhand von molekularen Markern, die zum Zeitpunkt der Zulassungsstudien vielleicht noch gar nicht bekannt waren, am ehesten als akademisch getriebene Studien umsetzbar. Auch hierfür könne FIRE-3 als Beispiel dienen, so Hallek.

Allerdings macht die Politik es den Wissenschaftlern derzeit nicht gerade einfach. Eine überbordende Bürokratie und fehlende finanzielle Mittel bremsen die akademische Forschung aus.

Hallek brachte ein Foto mit nach Berlin, auf dem 124 prall gefüllte Ordner zu sehen waren - Pflicht-Post für die an einer einzigen klinischen Studien beteiligten Ethikkommissionen. Teilweise seien pro Studie mehrere solcher Aussendungen erforderlich, so Hallek. Elektronisch verschicken ist nicht erlaubt.

Noch stärker am Herzen als ein Bürokratieabbau liegt den Krebsforschern freilich eine nachhaltige Finanzierung. Therapieoptimierungsstudien in der Onkologie werden derzeit überwiegend von der Deutschen Krebshilfe (DKH) und zu einem geringen Anteil von der DFG beziehungsweise dem BMBF gefördert. Das reicht freilich hinten und vorne nicht.

DKG und DKH schlagen deswegen vor, den im Koalitionsvertrag vorgesehenen Innovationsfonds für eine Anschubfinanzierung eines systematischen klinischen Studienprogramms zu nutzen. Langfristig schwebt den Krebsexperten ein aus Mitteln der Industrie, des Bundes und der Kostenträger gespeister Finanzierungspool für klinische Studien vor.

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