Ärzte Zeitung, 06.06.2014

Prävention

Neue Strategien gegen Darmkrebs

In Europa werden Prognosen zufolge die Neuerkrankungen und Sterbefälle durch Darmkrebs bis 2020 um zwölf Prozent zunehmen. Eine Bremse könnte die Prävention sein.

Von Angela Speth

HEIDELBERG. In den USA nutzen bereits 65 Prozent der Zielgruppe Früherkennungsmaßnahmen wie Koloskopie und Tests. In Deutschland dagegen lässt nicht einmal ein Viertel der Berechtigten eine Koloskopie machen, berichtete Dr. Christa Maar, Vorstand der Felix Burda Stiftung und Präsidentin des Netzwerks gegen Darmkrebs, aus Anlass des internationalen Workshops "Die Zukunft der Prävention: Innovationen gegen Darmkrebs" in Heidelberg.

Die beiden Organisationen veranstalten das Symposium zusammen mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) und der Uniklinik Heidelberg.

Einen Lichtblick in puncto Prävention bietet das Einladungsverfahrenfür Darmkrebs, dessen Rahmen nach dem Nationalen Krebsplan bis zum April 2016 stehen soll. Erfahrungen in anderen Ländern haben gezeigt, dass 50 bis 70 Prozent der Eingeladenen zur Koloskopie gehen.

Jeder zweite Tumor werde erst im fortgeschrittenen oder sogar metastasierten Stadium entdeckt, erinnerte Professor Otmar Wiestler vom DKFZ. Darmkrebs sei dabei die einzige Krebsentität, die sich durch Vorsorge verhindern lässt, denn er entsteht nicht schlagartig wie Hirntumoren, sondern habe einen Vorlauf von etwa zehn Jahren.

"Wer im Alter von 50 bei einer Koloskopie kein Karzinom hat, dessen Darmkrebsrisiko ist für die nächsten zehn bis 15 Jahre fast null", sagte Wiestler. Als eine Herausforderung für die Onkologie sieht er außer zielgerichteten Therapien die frühere Diagnose.

Vorangetrieben wird sie durch die Nationale Kohorte, bei der 200.000 Probanden über 20 Jahre regelmäßig untersucht werden, um festzustellen, wer unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Biomarkern an Krebs erkrankt.

Auch Professor Hermann Brenner vom DKFZ untermauerte den Nutzen der Darmspiegelung: Bis zu 70 Prozent der Neuerkrankungen und Todesfälle können dadurch verhindert werden. In einer Studie mit rund 5000 Teilnehmern hatte fast keiner der Krebspatienten diese Untersuchung machen lassen, dagegen traf dies für 30 bis 40 Prozent der Gesunden zu.

Da viele Menschen die Koloskopie scheuen, sind nicht-invasive Methoden wie immunologische Stuhltests oder Bluttest wichtig, für die neue Verfahren wie Proteomics, Metabolomics, MicroRNAs Perspektiven eröffnen.

Kandidaten sind wegen ihrer hohen Spezifität Antikörper gegen tumorassoziierte Antigene. Zwar weisen einzelne Antikörper eine geringe Sensitivität auf, doch könnten durch Kombination die meisten Tumoren entdeckt werden, so Brenner. In der BLITZ-Studie wurde am DKFZ eine weltweit einzigartige Blut- und Stuhlprobenbank aufgebaut, mit der vielversprechende Methoden validiert werden.

Eine prospektive Kohortenstudie, die das Ziel hat, das Überleben von Darmkrebspatienten zu verlängern, stellte Professor Cornelia Ulrich vom NCT vor. Nach ersten Daten ist Rauchen mit einer erhöhten Methylierung von Tumorsuppressorgenen korreliert, weisen Lymphozyten, die in Tumoren einwandern, spezielle Rezeptoren auf und Stuhlproben von Patienten andere Bakterienstämme als Proben von Gesunden.

Durch Lebensstiländerung könnten 50 bis 70 Prozent der Darmtumoren verhindert werden, erläuterte Ulrich. Untersucht werden die Einflüsse von Fleischkonsum, Bewegung, Mikrobiom, Einnahme von Vitamin D, Fettgewebe und Übergewicht.

In der Primärprävention verdichte sich die Evidenz, dass ASS das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um 30 Prozent reduziert, und zwar durch Hemmung entzündlicher Prozesse sowie über die Blutplättchen. Dazu genügt bereits die geringe Dosis von 100 Milligramm täglich, möglicherweise über einen Zeitraum von nur fünf Jahren.

Allerdings kann ASS Nebenwirkungen wie Sodbrennen, Übelkeit und Magen-Darm-Blutungen auslösen Da sowohl bei den positiven wie bei den negativen Effekten von ASS die genetische Veranlagung mitspielt, planen Ulrich und Kollegen einen Test zur Risikostratifizierung, um ein persönliches Risiko-Nutzen-Profil von präventiv eingenommenem ASS zu erstellen.

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