Ärzte Zeitung, 17.06.2014

Darmkrebs

Für das erste Screening ist es nie zu spät

Auch über 75-Jährige profitieren möglicherweise von einem erstmaligen Darmkrebsscreening. Je älter sie sind, umso geringer ist allerdings der Nutzen, wie eine Computersimulation zu den Kosten und den erreichten QALYs ergeben hat.

Von Peter Leiner

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Dass es für eine Koloskopie selbst im höheren Alter noch nicht zu spät, kann man den Patienten mit den neuen Studiendaten klarmachen.

© Alexander Raths / fotolia.com

ROTTERDAM. In Deutschland wird zwar das Darmkrebsscreening bis zum Alter von 74 Jahren empfohlen. Ob ältere Menschen erstmals daran teilnehmen sollen, dazu gibt es jedoch keine explizite Aussage.

In den USA wird das dezidiert jenen nicht empfohlen, die bereits an einem Screening in jüngeren Lebensjahren teilgenommen haben. Was Älteren geraten werden sollte, die noch nie ein Darmkrebsscreening mitgemacht haben, geht auch in den USA aus den offiziellen Empfehlungen nicht hervor.

Das für die Kosten-Wirksamkeits-Analyse verwendete Programm ist das bereits Mitte der 1980er-Jahre von Wissenschaftlern um Dr. Dik F. Habbema von der Erasmus-Universität in Rotterdam entwickelte Simulationsmodell MISCAN.

Für die Modellrechnung, die er jetzt mit Dr. Frank van Hees und anderen Kollegen vorgenommen hat, wurden demografische und epidemiologische Daten sowie Informationen zum Verlauf der Krebserkrankung und Charakteristika des Darmkrebsscreenings berücksichtigt (Ann Int Med 2014; 160: 750).

Dazu gehört, dass der Anteil der älteren Menschen ohne ein Screening in den USA bei 23 Prozent liegt.

Simulation einer Kohorte

Simuliert wurde eine Bevölkerung im Alter zwischen 76 und 90 Jahren in einer Kohorte von zehn Millionen älteren Menschen, die bisher noch nie an einem Darmkrebsscreening teilgenommen hatten. Berücksichtigt wurde unter anderem, ob die virtuellen Screeningteilnehmer Komorbiditäten hatten und - wenn ja - ob diese lediglich moderat oder ob sie ausgeprägt waren.

Nach Angaben der Wissenschaftler ist ein Darmkrebsscreening der Modellrechnung zufolge auch nach dem 75. Lebensjahr noch kosteneffektiv, und zwar bei Menschen ohne Komorbiditäten noch bis zum Alter von 86 Jahren. Am effektivsten sei das Screening per Koloskopie, die bis zum Alter von 83 Jahren kosteneffektiv sei.

Die Simulation hat für Ältere, die an Komorbiditäten schwer erkrankt sind, generell eine Kosteneffektivität bis zum 80. Lebensjahr ergeben - per Koloskopie bis zum Alter von 77 Jahren, per Sigmoidoskopie bis zu 78 Jahren, per Immuntest bis zu 80 Jahren.

Der Berechnung zufolge werden durch eine erstmalige Koloskopie im Alter von 76 Jahren bei Gesunden 15,4 Darmkrebserkrankungen pro 1000 Screeningteilnehmern verhindert, im Alter von 80 Jahren 10,4 und im Alter von 85 Jahren immer noch 0,8 Erkrankungen.

Die Zahlen der verhinderten Todesfälle pro 1000 Teilnehmer aufgrund eines Kolonkarzinoms liegen demnach bei 11,9, 10,7 bzw. 7,4. Etwas geringer sind die Erfolge mit der erstmaligen Sigmoidoskopie und dem immunologischen Stuhltest.

Nutzen sogar für 75-Jährige

Auch beim Parameter QALY - also qualitätsbereinigten Lebensjahren - lässt sich bei Gesunden über 75 Jahre in den kommenden Jahren noch ein Nutzen der Koloskopie erkennen. QALY steht für das Produkt aus Lebensqualität und qualitativem Nutzwert. Dieser hat den Wert 1 bei vollkommener Gesundheit und den Wert 0 bei Tod.

Zehn gewonnene Lebensjahre bei bester Gesundheit bedeuten demnach zehn QALYs. Sieben Jahre mit schwerer Angina pectoris (Nutzwert 0,5) bedeuten dagegen 3,5 QALYs, wie es in einem Beispiel des Präventivmediziners Professor Thomas Szucs von der Universität Zürich heißt.

Eine erstmalige Koloskopie im Alter von 76 Jahren führt in der Studiengruppe zu 67,2 gewonnenen QALYs pro 1000 gescreenten Personen. Im Alter von 80 Jahren sind es noch 46,9 QALYs und im Alter von 85 Jahren noch 17,1 QALYs. Wird jedoch statt der Koloskopie eine Sigmoidoskopie gemacht, liegen die QALY-Werte etwas niedriger.

In beiden Fällen kommt es allerdings zu einem QALY-Verlust, wenn die Untersuchungen erstmals erst mit 90 Jahren gemacht werden. Mit 24,2, 19,2 und 9,0 gewonnenen QALYs ist der Nutzen eines erstmaligen Screenings mit dem immunologischen Stuhltest am geringsten.

Je älter die Screeningteilnehmer bei der erstmaligen Untersuchung sind, umso teurer ist sie. Die Kosten für die Koloskopie bei Gesunden liegen bei 725.000 US-Dollar pro 1000 Screeningteilnehmern, wenn die Untersuchung erstmals im Alter von 76 Jahren gemacht wird.

Im Alter von 80 Jahren liegen sie bereits über einer Million US-Dollar und im Alter von 90 Jahren über zwei Millionen US-Dollar. Kostengünstiger sind jeweils Sigmoidoskopien, am günstigsten erwartungsgemäß die immunologischen Stuhltests.

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