Ärzte Zeitung, 11.03.2016

Darmkrebs-Screening

Wer profitiert am meisten?

Die Darmkrebsfrüherkennung ist in Deutschland keine Unbekannte. Trotzdem wird sie längst nicht von allen wahrgenommen. Ein Weg, die Teilnahmequote zu verbessern, führt über die gezielte Ansprache von Menschen mit erhöhtem Risiko. Dazu zählen nicht zuletzt Männer.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Wer profitiert am meisten?

Darmkrebsfrüherkennung steht nur bei 18 bis 20 Prozent der Deutschen im Terminkalender. Henry Schmitt / fotolia.com

BERLIN. Mehr als acht von zehn Deutschen wissen, dass es die Möglichkeit zur Darmkrebsfrüherkennung gibt. Und sechs von zehn sagen, dass diese Art der Vorsorge hilfreich sei. "Trotzdem haben wir nur Teilnahmeraten von 18 bis 20 Prozent über zehn Jahre", sagte Dr. Sebastian Beller von der Uniklinik Mannheim bei einer Veranstaltung der Stiftung LebensBlicke anlässlich des Deutschen Krebskongresses. Lässt sich die Quote verbessern, wenn Krankenkassen ihre Versicherten anschreiben und explizit zur Vorsorge einladen?

Beller hat das gemeinsam mit der Stiftung LebensBlicke und der Krankenkasse BARMER-GEK untersucht, die in Bayern kürzlich eine direkte Ansprache der Versicherten eingeführt hat. In dem Monat, in dem die Versicherten 50 beziehungsweise 55 Jahre alt werden, erhalten sie eine Information darüber, dass nun Stuhltest beziehungsweise Vorsorgekoloskopie erstattet werden.

Verändert das etwas? Teilweise. Es führt zumindest dazu, dass die Hausärzte stärker involviert werden. Gaben Gynäkologen vor der direkten Ansprache der Versicherten über 80 Prozent aller Stuhltests aus und Hausärzte weniger als 10 Prozent, verschob sich das durch das Einladungsverfahren etwas zugunsten der Hausärzte.

Mehr Männer nehmen teil

An den Gesamtteilnahmequoten an Stuhltest oder Koloskopie ändert sich aber nichts. Allerdings: Wurden Männer und Frauen separat ausgewertet, zeigte sich, dass der Anteil der Männer, die einen Stuhltest machten, doch deutlich um knapp ein Drittel gestiegen war. "Es sieht so aus, als würden Männern mehr teilnehmen als vor dem Einladungsverfahren", so Beller.

Das sei auch insofern erfreulich, als Männer eine bisher noch nicht ausreichend gewürdigte Risikogruppe für Darmkrebs bildeten, betonte Professor Frank Kolligs vom HELIOS Klinikum Berlin-Buch. "Sie entwickeln nicht nur früher Karzinome, sondern auch früher Adenome, und sie sterben häufiger an Darmkrebs als Frauen", so Kolligs.

Das lässt sich schön an der Number-needed-to-screen zeigen: In den Vorsorgekoloskopien findet sich bei einer von 25 Frauen im "Vorsorgekoloskopie-Alter" von 55 Jahren ein Karzinom oder ein fortgeschrittenes Adenom. "Männer erreichen diese Quote schon Mitte vierzig", so Kolligs.

Bei Männern im Alter von 55 Jahren beträgt die Number-needed-to-screen dann nur noch 16. Das erreichen Frauen erst jenseits des 75. Lebensjahrs. Um Männer und Frauen gleich zu behandeln und die Männer nicht zu diskriminieren, sollte ihnen die erste Koloskopie fünf bis zehn Jahre frühen angeboten werden, so der Gastroenterologe. Für die praktische Umsetzung plädierte er für eine pauschale Senkung der Altersgrenze für eine erste Koloskopie auf 50 statt 55 Jahre, wobei dann in den Jahren zwischen 50 und 55 gezielt Männer angesprochen werden sollten.

Eine weitere Risikogruppe für kolorektale Karzinome, die sich zunehmend herausgeschält hat, sind übergewichtige Menschen. Dr. Stefan Lutz vom Uniklinikum Tübingen präsentierte in Berlin eine Metaanalyse, wonach nur bei Ösophagus- und Schilddrüsenkarzinom der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebsinzidenz ausgeprägter ist als beim kolorektalen Karzinom. Ursache sei wahrscheinlich ein Cocktail aus inflammatorischen und zuckerstoffwechselbezogenen Faktoren, denen die Darmepithelien bei Übergewichtigen über viele Jahre ausgesetzt seien.

Dafür, dass es sich um langfristige Prozesse handelt, spricht auch eine aktuelle Metaanalyse epidemiologischer Studien. Hier fand sich einerseits der schon zuvor beschriebene Zusammenhang zwischen Übergewicht und Darmkrebsinzidenz. Eine Gewichtsabnahme korrelierte umgekehrt aber nicht mit einem Rückgang der Darmkrebsinzidenz (Am J Epidemiol 2015; 181:832-45). Umso wichtiger ist die Umsetzung der Empfehlungen zur Darmkrebsfrüherkennung.

Familiäres Risiko stärker beachten!

Schließlich sind auch die familiär belasteten Patienten eine Risikogruppe, die noch nicht ausreichend adressiert wird, wie Professor Wolff Schmiegel von der Universität Bochum betonte: "Verwandte ersten Grades von Patienten mit kolorektalem Karzinom sollten zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter des Indexpatienten eine Koloskopie erhalten, die dann bei polypenfreiem Darm alle zehn Jahre wiederholt wird." Diese Empfehlung ist so auch in der deutschen S3-Leitlinie enthalten. Doch sei selbst an Darmkrebszentren die Sensibilität für die Risikogruppe "Familienangehörig" oft noch zu gering.

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