Ärzte Zeitung, 01.10.2008

Hintergrund

Wie gefährlich sind Kernkraftwerke für Kleinkinder? Der Streit geht weiter

Eine aufwendige Studie hat einen direkten Zusammenhang zwischen der Nähe des Wohnorts zu einem Kernkraftwerk und der Krebshäufigkeit von Kleinkindern nachgewiesen. Seitdem streiten sich die Studienautoren und ein externes Expertengremium.

Von Thomas Meißner

Atomkraftwerke strahlen Radioaktivität ab. Nach einer Studie könnte das die Krebshäufigkeit bei Kindern erhöhen.

Foto: Philip Lange©www.fotolia.de

Wird die Öffentlichkeit bewusst über die Gesundheitsgefahren durch Kernkraftwerke (KKW) getäuscht? Diese Ansicht vertritt der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) und stützt sich dabei auf prominente Wissenschaftler. In einer Veranstaltung in Frankfurt am Main setzte sich der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Dr. Sebastian Pflugbeil, jetzt erneut mit der KiKK-Studie auseinander.

KiKK steht für Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken. Pflugbeil kritisierte Behauptungen, wonach es angeblich KKW-unabhängig Leukämie-Cluster in Deutschland gebe oder die Strahlenexposition der KKW nicht Ursache der Krebsfälle sein könne. Die Vorwürfe des Physikers und Mitglieds der externen Expertenkommission der KiKK-Studie: Es werde mit statistischen Mitteln getrickst, Tatsachen würden heruntergespielt, Strahlenmessungen in KKW-Umgebungen seien anzuzweifeln.

Im Dezember 2007 hatte die aufwendige KiKK-Studie, eine Fall-Kontrollstudie mit 1600 krebskranken und 4700 gesunden Kindern unter fünf Jahren, ergeben, dass mit zunehmender Nähe des Wohnorts zu einem deutschen KKW signifikant häufiger Krebserkrankungen auftreten, besonders Leukämien (wir berichteten). Mehrere Studien im In- und Ausland hatten das bestätigt, aber die Ergebnisse waren wegen des Designs angezweifelt worden.

Jetzt bestreitet diesen Zusammenhang niemand mehr. Die Argumentation der KiKK-Autoren um Dr. Peter Kaatsch und Professor Maria Blettner von der Uni Mainz lautet: Signifikant, aber klinisch kaum relevant. Denn die absoluten Erkrankungszahlen erscheinen gering. Radioaktive Emissionen kämen als Ursache nicht in Frage, denn für einen kausalen Zusammenhang müssten sie mindestens 1000-Mal höher sein.

Das externe KiKK-Expertengremium hatte sich bereits vor einem Dreivierteljahr gegen diese Argumentation ausgesprochen. Nach Pflugbeils Meinung haben sich die Autoren allein auf die 5-km-Zone bezogen. Tatsächlich war die absolute Zahl von Krebsmehrerkrankungen dort relativ gering: statt 17 erwarteten Fällen waren 37 aufgetreten, also 20 mehr. Verteilt über den Studienzeitraum von 23 Jahren, ergibt das weniger als einen Fall mehr pro Jahr im 5-km-Umkreis aller 16 KKW-Standorte.

Die Zahlen sollen klinisch kaum relevant sein.

Tatsächlich waren jedoch Untersuchungen im Umkreis von 50 km vorgenommen worden, und auch dort gab es überdurchschnittlich viele Krebsfälle. Nach Berechnungen der Kritiker um Pflugbeil treten im 50-km-Umkreis 121 bis 275 zusätzliche Neuerkrankungen auf. Die Berichte über die Umkreise zwischen fünf und 50 km seien in der Darstellung der Studie unterschlagen worden. Auf die Palme bringt ihn jedoch die Argumentation, der Grund für zusätzliche Erkrankungen sei unklar, die Strahlenexposition sei zu gering.

  • Erstens diente der Wohnortabstand zum KKW als Surrogatparameter für die Strahlenbelastung - eine Messung der tatsächlichen Strahlenbelastung aller Kinder war über 23 Jahre unmöglich. Nach Ausschluss vieler Kofaktoren war der Abstand zum KKW als einziger Faktor für die überdurchschnittliche Krebshäufigkeit übrig geblieben.
  • Zweitens ist nicht geklärt, wie stark sich Radionuklide im Körper anreichern, welche Auswirkungen sie haben und inwiefern dies mit Emissionen in die Umgebung korreliert.
  • Drittens glaubt Pflugbeil nicht den Messungen der Betreiber. So sei bei einer Anhörung zum KKW Krümmel aktenkundig geworden, dass Angestellte der Überwachungsstation regelmäßig "unerklärliche" Ausschläge nach oben wegretuschiert hätten. Solche Radioaktivitätspeaks würden womöglich gar nicht registriert. Sie könnten aber eine Erklärung für vermehrte Krebsfälle liefern. Angestellte von KKW hätten ihm gesagt, sie würden ihre Existenz gefährden, wenn sie solche Unregelmäßigkeiten öffentlich machen würden.

Auf die Spitze trieben es die KiKK-Autoren jedoch mit ihrer Schlussfolgerung, die zusätzlichen Krebsfälle seien Zufall. Wozu ist eine methodisch saubere Studie nütze, wenn signifikante Ergebnisse als "zufällig" apostrophiert werden? Zugute halten muss man ihnen jedoch einen wenig bekannten Zusatz, der einige Tage nach der Ersterklärung zur KiKK-Studie veröffentlich worden ist: Man könne Strahlung als Ursache nicht grundsätzlich ausschließen. Damit stimmen KiKK-Autoren und externe Experten wieder überein.

www.dvth.de/Frames/18-12-07_bfs-expertenfazit-.pdf; www.bfs.de/de/bfs/ druck/Ufoplan/4334_KIKK.html, www. alfred-koerblein.de, www.strahlentelex.de

[02.10.2008, 11:43:47]
Dr. Roland Wick 
Strahlung oder nicht?
Ja, eine Erklärung für die erhöhte Leukämieinzidenz bei Kinder in der Nähe von Atomkraftwerken ist nicht einfach! Die einen meinen, da müsse unbedingt ein Zusammenhang mit Radioaktivität gegeben sein (etwas anderes passt ja nicht in ihr Weltbild), die anderen sagen, das sind nur statistische Schwankungen. Das Problem ist schon etwas älter. Englische Wissenschaftler haben sich bereits in den 1980er Jahren damit befasst. So untersuchten Paula Cook-Mozaffari, Sarah Darby und Richard Doll von der Cancer Epidemiology and Clinical Trials Unit in Oxford einmal nach den gleichen statistischen Methoden die Krebsmortalität in der Nähe von geplanten und im Bau befindlichen Atomanlagen in England (The Lancet, Nov. 11, 1989, p. 1145-47), und siehe da, sie fanden auch dort eine erhöhte Mortalität an Leukämie! Das kann ja nun wohl weniger mit Strahlung erklärt werden, also doch nur statistische Schwankung? Leider haben es die Autoren der KiKK-Studie versäumt, auf diese Publikation einzugehen!
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