Ärzte Zeitung, 18.10.2004

Brustkrebs-Diagnostik per Biochip

Mit einer Untersuchung werden 210 genetische Merkmale eines Tumors abgeklärt / Ziel ist eine individuelle Therapie

HAMBURG (eis). Jede zehnte Frau in Deutschland bekommt in ihrem Leben Brustkrebs, 45 000 Frauen erkranken jedes Jahr neu daran. Präzise Aussagen zum Krankheitsstadium und zur Schwere der Erkrankung sind mit Biochips möglich.

Das aufbereitete Biopsat aus einem Tumor wird hier auf den Biochip aufgebracht. Foto: Eppendorf

Die bisher meist in der Grundlagenforschung eingesetzten Chips klären mit einem Test hunderte genetische Merkmale eines Tumors auf einmal ab. Für die breite Anwendung in der Klinik wird das Unternehmen Eppendorf jetzt erstmals einen solchen kommerziell erhältlichen Chip zur Brustkrebs-Diagnostik auf der Medica vorstellen (Halle 3/A92). Mit den Ergebnissen hoffen Forscher, künftig die Therapien verbessern zu können.

70 Prozent aller Brustkrebspatientinnen ohne Lymphknotenbefall leben heute mindestens zehn Jahre nach der Tumor-Resektion, wie Professor Cornelius Knabbe vom Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart berichtet hat. Werden die Patientinnen zusätzlich adjuvant etwa mit Chemo- oder Radiotherapie behandelt, läßt sich diese Überlebensrate auf 76 Prozent steigern. Für viele Frauen sei eine solche belastende Behandlung also überhaupt nicht nötig, sagte der Labormediziner beim Medica Preview in Hamburg.

Ziel der Biochip-Diagnostik ist es, Tumoren exakt zu klassifizieren, um für jede Tumorvariante und für jedes Stadium eine optimale Therapie entwickeln zu können. Für die Patientinnen hieße das eine möglichst schonende Behandlung einerseits mit höchsten Heilungs-Chancen andererseits.

Auf dem jetzt vorgestellten DualChipTM werden in einer Probe aus Tumorbiopsat 160 Gene zur Klassifizierung verschiedener Krebstypen (etwa mesenchymal oder hormonell) sowie 47 Gene zur Unterscheidung von erblich bedingten Brustkrebstypen (etwa BRCA1 und BRCA2) abgeklärt.

Als Resultat erhalten Ärzte nicht den genetischen Fingerabdruck des Tumors, sondern seine genetische Handschrift, wie Dr. Sven Bülow von dem Unternehmen berichtet hat. Analysiert wird nämlich nicht die DNA der Tumorzellen, sondern die momentan darin befindliche Boten-RNA und damit Hinweise auf die gerade in den Zellen angeschalteten Gene. Forscher hoffen nun, anhand der Ergebnisse etwa sehr aggressive Tumorvarianten herausfinden zu können.

In einer Studie ist belegt worden, daß die Biochip-Testergebnisse mit Ergebnissen von herkömmlichen Methoden bei der Untersuchung von Brustkrebszellinien gut übereinstimmen, wie Bülow weiter berichtet hat. Die Klassifizierung von Tumoren mit dem Chip werde derzeit in einer großen Studie mit 750 Patientinnen in mehreren Ländern Europas und Nordafrikas überprüft, sagte Bülow.

Der Brustkrebs-Biochip ist übrigens nicht der einzige in der Entwicklung des Unternehmens. Noch dieses Jahr sollen zwei weitere Krebs-Biochips auf den Markt kommen und 2005 ebenfalls zwei. Außerdem will das Unternehmen schon bald Biochips zum Test auf Antibiotika-Resistenzen und für die Untersuchung auf gentechnisch modifizierte Lebensmittel einführen.

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