Ärzte Zeitung, 13.07.2006

HINTERGRUND

Bei Brustkrebs bietet prädiktiver Gentest mehr Vor- als Nachteile

Von Nicola Siegmund-Schultze

Bei der Vorsorge von Tumorerkrankungen können zunehmend Gentests helfen, das Erkrankungsrisiko eines Menschen zu klären. Es stellt sich aber immer die Frage, ob bei einem solchen Test die Vorteile überwiegen - oder die Nachteile, etwa daß ein Getesteter stark verunsichert wird.

Bei Frauen mit familiärer Belastung für Brustkrebs ist die Antwort für viele Experten inzwischen klar: "Der Nutzen überwiegt Kosten und Risiken", sagte Professor Rita Schmutzler von der Abteilung Molekulare Gynäko-Onkologie der Universität Köln. "Wir haben inzwischen ausgefeilte Programme für die Primär- und Sekundärprävention von Frauen mit Mutationen in den Genen BRCA1 und BRCA2", erläuterte Schmutzler bei einer Tagung über die Zukunft der Krebsforschung auf der Wartburg bei Eisenach.

Bei fünf Prozent der Brust- und Ovarialkrebse sind Gene Ursache

Zwei von 1000 Frauen in Deutschland haben ein familiär erhöhtes Risiko für Brust- und Ovarialkarzinome. Etwa fünf Prozent dieser Tumoren sind auf Veränderungen in Hochrisikogenen zurückzuführen. Finden sich Mutationen in den Genen BRCA1 und/oder BRCA2, liegt das lebenslange Risiko für ein Mammakarzinom zwischen 70 und 80 Prozent und für das Ovarialkarzinom zwischen 30 und 40 Prozent.

"Für das Mammakarzinom bedeutet das also, daß für 20 Prozent der Frauen mit einer solchen Mutation Früherkennungsmaßnahmen oder eine prophylaktische Mastektomie, für die sich etwa zehn Prozent der Betroffenen entscheiden, nicht notwendig sind", gibt Schmutzler zu bedenken. Deshalb gelte es, vor dem prädiktiven Gentest nicht-direktiv zu beraten und auf jeden Fall das Recht auf Nichtwissen oder den Verzicht auf präventive Untersuchungen oder Interventionen zu respektieren.

    Bei hohem Risiko ist intensives Sreening auf Tumoren möglich.
   

Für welche Frauen ist der Test sinnvoll? Er sollte jenen angeboten werden, bei denen in der Verwandtschaft mehrere junge Frauen an Brust- und/oder Ovarialkarzinomen erkrankt sind oder ein verwandter Mann ein Mammakarzinom bekommen hat. Die Mutationen in den BRCA-Genen werden autosomal dominant vererbt. Nur die Hälfte der Verwandten ersten Grades erbt die Mutation.

"Ein Gentest bedeutet also für 50 Prozent der Verwandten ersten Grades eine Entlastung", erläutert Schmutzler. Die Frauen haben dann nur - wie alle Frauen aus der Allgemeinbevölkerung - ein lebenslanges Risiko für Mamma-Ca von acht bis zehn Prozent.

Es gibt ein spezielles Programm zur Krebs-Früherkennung

Für gesunde Frauen mit den Mutationen ist in einem Verbundprojekt der Deutschen Krebshilfe ein intensives Früherkennungsprogramm erarbeitet worden, das in spezialisierten Zentren erfolgen sollte: Ein Mal pro Jahr sollten Mammographie und MRT gemacht werden, die Sonographie halbjährlich.

"Etwa zehn Prozent der Frauen bekommen im Zeitraum zwischen den jährlichen Untersuchungen ein Mammakarzinom, weil die erblichen Tumoren schneller wachsen", so Schmutzler. Halbjährliche Sonographien sollen dieses Risiko verringern helfen. Mit Sonographie ließen sich zwar hoch sensitiv Veränderungen in der Brust erkennen. Aber die Spezifität für Tumoren ist zu gering - es gibt zu viele falsch-positive Befunde.

Ergebe sich mit Ultraschall ein Verdacht auf ein Karzinom, würden deshalb spezifischere Verfahren wie MRT oder histologische Untersuchungen angeschlossen.

Durch ein solches Programm würden bei gesunden Frauen mit Mutationen Tumoren in früheren Stadien entdeckt, was die Heilungschancen deutlich erhöhe, sagte Schmutzler. Auch gebe es Hinweise, daß Frauen mit Mutationen in den Genen BRCA1 oder BRCA2 besser auf Substanzen wie Cis- oder Carboplatin ansprächen als auf Taxane und Anthrazykline. Das müsse aber noch weiter geprüft werden.

Gentests würden künftig unter das von der Bundesregierung geplante Gendiagnostik-Gesetz fallen, so Professor Jochen Taupitz von der Uni Mannheim. Er befürchtet, das Gesetz könne die Anwendungen von Gentests zu stark beschränken. "Wenn ein Gentest ähnliche Ergebnisse liefert wie ein bildgebendes Verfahren oder eine histologische Untersuchung, mit der sich zum Beispiel das Vorstadium eines bösartigen Tumors erkennen läßt, ist nicht klar, warum der Gentest schärferen Bestimmungen unterliegen sollte", so Taupitz zur "Ärzte Zeitung".

"Wo sind die Gefahren eines solchen Gentests, warum wird er rechtlich anders behandelt als andere diagnostische Methoden?" Für Taupitz ist wichtig, daß der Gentest dem Patienten nutzt und daß er von Kollegen, die besonders für die genetische Diagnostik qualifiziert sein müssen, beraten wird.

FAZIT

Gentests auf Mutationen in den Genen BRCA1 und BRCA2 können für Frauen aus Familien mit gehäuften Brustkrebs-Erkrankungen von Vorteil sein. Die Gene werden autosomal dominant vererbt. Frauen mit mutierten Genen haben ein Lebenszeit-Risiko für Brustkrebs von 70 bis 80 Prozent und für Ovarialkrebs von 30 bis 40 Prozent. Für Frauen mit einem solchen erhöhten Risiko wurde ein intensives Vorsorgeprogramm entwickelt mit jährlichen Mammographien und halbjährlichen Sonographien. (eb)

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