Ärzte Zeitung, 01.02.2010

"Jährlicher Brustkrebs-Check für Frauen mit Risikofaktoren"

US-Experten empfehlen das Mammografie-Screening bei Frauen ohne erhöhtes Brustkrebsrisiko seit Kurzem nur noch im Alter zwischen 50 und 74 Jahren, alle zwei Jahre. Professor Ingrid Schreer vom Mammazentrum in Kiel plädiert weiter für einen großzügigen Einsatz der Mammografie auch bei Frauen zwischen 40 und 49 Jahren.

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Professor Ingrid Schreer

Ärzte Zeitung: Frau Professor Schreer, mit dem Kurswechsel entsprechen die Empfehlungen der US-Kollegen in puncto Mammografie jetzt fast genau dem, was in Deutschland mit dem Mammografie-Screening bereits praktiziert wird ...

Professor Schreer: Die neuen Empfehlungen der US Preventive Services Task Force (USPSTF) basieren auf der Kosten-Nutzen-Relation des Mammografie-Screenings. Das heißt, die Studiendaten wurden streng danach beurteilt, wie sehr die Sterberate der Frauen zu welchem Preis gesenkt wird. Insofern kann man die Umorientierung durchaus nachvollziehen. Denn bei Frauen unter 50 Jahren sind Brustkrebserkrankungen viel seltener als bei älteren Frauen, und daher ist auch die Sterberate niedriger und der Kosten-Nutzen-Effekt der Methode entsprechend geringer. Aber es ist inzwischen evidenzbasiert nachgewiesen, dass das Mammografie-Screening auch bei Frauen zwischen 40 und 49 Jahren die Sterberate deutlich reduziert, und zwar um etwa 18 Prozent. Allerdings wissen wir auch, dass bei jüngeren Frauen häufiger gutartige Brustdrüsenveränderungen vorkommen, die dann in der Mammografie einen falsch-positiven Befund hervorrufen, der einer weiteren Abklärung bedarf. Darüber müssen Frauen informiert werden. Zu bedenken ist aber darüber hinaus, dass Mammakarzinome bei jüngeren Frauen oft viel aggressiver sind und schneller wachsen als bei älteren.

Ärzte Zeitung: Würden Sie daher auch für Frauen zwischen 40 und 49 die Teilnahme am Mammografie-Screening befürworten?

Schreer: Nicht die Teilnahme am bisherigen Mammografie-Screening, sondern an einer individualisierten Brustkrebsfrüherkennung. Gemäß der deutschen S3-Leitlinie zur Brustkrebs-Früherkennung sollten alle Frauen - auch Frauen zwischen 40 und 49 Jahren - mit Risikofaktoren regelmäßig auf ein Mammakarzinom hin untersucht werden. Das heißt, Patientinnen, bei denen zum Beispiel die Mutter Brustkrebs hatte oder die ihr erstes Kind erst mit über 30 Jahren geboren haben oder kinderlos geblieben sind, sollten aufgrund des erhöhten Brustkrebs-Risikos jährlich einen Check erhalten, und zwar außer der Tastuntersuchung auch eine Mammografie, und wegen der bei Frauen unter 50 Jahren häufigen hohen Parenchymdichte der Brust zusätzlich eine Sonografie. Sinnvoll ist auch die digitale Mammografie. Und noch etwas ist wichtig: Eine qualitätsgesicherte Untersuchung gemäß der S3-Leitlinie, und zwar mindestens mit Doppelbefundung und standardisierter Dokumentation, wie wir es im QuaMaDi-Projekt Schleswig-Holstein praktizieren.

Ärzte Zeitung: Ist es nicht riskant, aufgrund des Strahlenrisikos der Mammografie bereits ab 40 Jahren mit der Untersuchung zu starten?

Schreer: Auch bei Frauen unter 50 Jahren ist das Strahlenrisiko der Mammografie zu vernachlässigen gegenüber der Chance der Krebsfrüherkennung. In England läuft eine Studie genau zu diesen jungen Frauen.

Ärzte Zeitung: Die US-Task Force empfiehlt aufgrund unzureichender Datenlage auch nicht mehr die klinische Tastuntersuchung der Brust ...

Schreer: Die US-Kollegen empfehlen die Tastuntersuchung nicht mehr, weil es bisher keinen Nachweis gibt, dass sich allein durch diese Methode die Sterberate der Frauen senken lässt. Aber die Reduktion der Mortalität sollte nicht das einzige Kriterium für die Bewertung der Methode sein. Es geht bei den betroffenen Frauen doch auch um die Lebensqualität und die Chance, bei früher Krebsdiagnose die Brust erhalten und das Leben verlängern zu können. Außerdem sollte die Tastuntersuchung immer nur ergänzend zur Bildgebung erfolgen. Wichtig ist außerdem, dass man sich für das Anlernen der Patientinnen zur Selbstuntersuchung der Brust viel Zeit nimmt. Dann bietet diese eine zusätzliche Chance zur Krebsfrüherkennung. Und es gibt den Patientinnen das Gefühl, selbst etwas zur Erhaltung der Brustgesundheit beitragen zu können.

Das Gespräch führte Ingrid Kreutz

Das sagen die Studien

Die US Preventive Services Task Force (USPSTF) begründet ihren Kurswechsel in puncto Mammografie-Screening mit neuen Studiendaten, wonach der Nutzen für Frauen zwischen 50 und 74, die alle zwei Jahre untersucht werden, am größten ist (Ann Intern Med 151, 2009, 716). 1904 Frauen zwischen 40 und 49 Jahren müssen zur Mammografie geladen werden, um ein Leben zu retten, aber nur 1339 Frauen zwischen 50 und 59 und nur 377 Frauen zwischen 60 und 69 Jahren. Die Brustkrebssterberate wird zwischen 40 und 49 Jahren um 15 Prozent gesenkt, von 50 bis 59 Jahre um 14 und von 60 bis 69 Jahre um 32 Prozent.

Zur Person

Professor Ingrid Schreer leitete bis vor kurzem das Mammazentrum am Campus Kiel des Universitätsklinikums Kiel. Die Radiologin engagiert sich seit vielen Jahren in der Brustkrebsfrüherkennung und gehört seit Langem zum Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Senologie. Sie hat unter anderem das Modellprojekt QuaMaDi (Qualität in der Mamma-Diagnostik) mit auf den Weg gebracht.

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