Ärzte Zeitung, 27.01.2012

Interview

"Mit Yoga oder Akupunktur die Tumorfatigue reduzieren"

Am 4. und 5. Februar 2012 findet in Berlin der "1. Kongress zur Integrativen Therapie des Mammakarzinoms" statt. Für Dr. Thomas Breitkreuz, Vorstandsmitglied der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland, markiert diese Veranstaltung einen Wendepunkt auf dem Weg zu einer Neuorientierung der Onkologie in Deutschland.

Dr. Thomas Breitkreuz

"Mit Yoga oder Akupunktur die Tumorfatigue reduzieren"

© DAMID e.V.

Aktuelle Position: Seit 2010 leitet Dr. Thomas Breitkreuz das Paracelsus-Krankenhaus in Unterlengenhardt.

Werdegang/Ausbildung: Von 2001 bis 2009 war Breitkreuz leitender Arzt im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke und dort verantwortlich für den Aufbau des Zentrums für Integrative Onkologie.

Karriere: Breitkreuz ist Vorsitzender der Kommission Cam am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Darüber hinaus ist er Mitglied im Vorstand der Gesellschaft anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) sowie der Internationalen Vereinigung Anthroposophischer Ärztegesellschaften (IVAA).

Ärzte Zeitung: Wie kam es zu der Idee, sich dem Mammakarzinom bei einem Kongress unter dem Blickwinkel der integrativen Onkologie zu nähern?

Dr. Thomas Breitkreuz: Die integrative Onkologie hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren zunehmend etablieren können. Sie ist mittlerweile an mehreren zertifizierten Krebszentren fester Bestandteil der Therapie speziell bei Patienten mit einem Mammakarzinom geworden. Der Kongress soll das Thema weiter voranbringen.

Ärzte Zeitung: Was verstehen Sie unter dem Begriff "integrative Onkologie"?

Breitkreuz: Die integrative Onkologie besteht aus zwei Säulen. Da ist zum einen als erste Säule die klassische chirurgische, radiologische und pharmakologische zytoreduktive Therapie. Die zweite Säule zielt darauf ab, der Erkrankung aus einer Kräftigung gesunder Ressourcen zu begegnen. Dabei gibt es ein ganzes Spektrum mit unterschiedlichen Ansätzen. Es fängt an bei körperlicher Bewegung und angepasster Ernährung und reicht über naturheilkundliche-komplementäre Therapieformen bis hin zu Kunsttherapie und achtsamkeitsbasierten Verfahren der Mind-Body-Medizin.

Ärzte Zeitung: Wie rigide werden dabei die alternativmedizinischen Ansätze ausgewählt? Nicht alles, was propagiert wird, ist ja auch nachweisbar hilfreich.

Breitkreuz: Richtig. Und das ist einer der springenden Punkte: Bei der integrativen Onkologie geht es nicht darum, dass Schulmediziner, die keine Ahnung von Komplementärmedizin haben, und Komplementärmediziner, die nichts von Schulmedizin verstehen, nebeneinander her therapieren. Es geht um eine gemeinsame Herangehensweise und die Interak tion der verschiedenen Therapie bestandteile.

Deswegen ein Kongress, der explizit einen ärztlichen Diskurs führen will und sich - am ersten Tag - ganz gezielt an Ärzte richtet. Deswegen der Versuch, die integrative Onkologie direkt an den Krebszentren zu etablieren beziehungsweise mit ihnen zu verschränken. Wenn uns das gelingt, können wir die integrative Onkologie auch mit den nötigen Daten unterfüttern.

Ärzte Zeitung: Und welche Ansätze halten Sie bisher schon für gut belegt?

Breitkreuz: Daten, die statistisch signifikant zeigen, dass komplementäronkologische Ansätze das Outcome verbessern, liegen nur in sehr begrenztem Umfang vor.

Was wir aber haben, sind zum Teil sehr eindeutige Studien, die belegen, dass sich beispielsweise durch Naturheilkunde, durch Akupunktur, durch Ansätze der Mind-Body-Medizin wie zum Beispiel Yoga oder auch durch die Misteltherapie unerwünschte Wirkungen der Chemotherapie und ganz speziell die als extrem belastend empfundene Tumorfatigue reduzieren lassen.

Hier reden wir von Effekten in der Größenordnung von 30 bis 40 Prozent. Entsprechend fließen solche Verfahren an immer mehr Tumorzentren in die Versorgung ein: Das Brustzentrum in Hamburg-Eppendorf arbeitet mit traditioneller chinesischer Medizin.

Am Brustzentrum Essen werden Naturheilkunde und Mind-Body-Medizin eingesetzt und evaluiert. Das alles werden auch Themen bei unserem Kongress sein.

Ärzte Zeitung: Bei Ihrem Kongress haben die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), die Bundesärztekammer und die Deutsche Krebshilfe eine Schirmherrschaft übernommen. Veranstalter sind die beiden anthroposophischen Dachverbände, die Gesellschaft für biologische Krebsabwehr und Mamazone. Wie aufwändig war die Vorbereitung?

Breitkreuz: Anderthalb Jahre haben wir gearbeitet, und wir haben viele Hürden nehmen müssen. Extrem hilfreich ist, dass die Deutsche Krebshilfe Hauptsponsor geworden ist. Damit sind wir unabhängig von der Industrie.

Ärzte Zeitung: Gehört die integrative Onkologie zum Erbe Rudolf Steiners?

Breitkreuz: Integrative Ansätze werden an den anthroposophischen Kliniken seit Langem verfolgt. Aber wir machen explizit keine anthroposophische Veranstaltung. Wenn wir mit der integrativen Therapie Erfolg haben wollen, müssen wir vielfältig zusammenarbeiten, weit über die An throposophie hinaus. Anthroposophische Ansätze sind nur eine Möglichkeit, in der Onkologie integrativ zu arbeiten.

Es gibt inzwischen auch viele andere. Auch hier geht es um ein gegenseitiges Lernen. Wenn Sie etwas Anthroposophisches bei unserem Kongress finden wollen, dann vielleicht den Anspruch, das Thema der ganzheit lichen Versorgung in der Medizin und in der res publica voranzubringen.

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz

Weitere Informationen im Internet unter www.brustkrebs-integrativ.de

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