Ärzte Zeitung, 16.10.2013

Leitartikel zum Brustkrebsmonat

Wenn der Oktober in den Mai fällt

Im Brustkrebsmonat Oktober ist über das Mammakarzinom und die davon betroffenen Frauen in den Medien noch auffällig wenig berichtet worden. Vor ein paar Monaten, im Mai, war das ganz anders - dank Angelina Jolie.

Von Robert Bublak

 Wenn der Oktober in den Mai fällt

Im Mai hat Hollywoodstar Angelina Jolie das Thema Brustkrebs in die Schlagzeilen gebracht.

© dpa

Seit 1984 ist traditionell im Oktober "Brustkrebsmonat". Doch in diesem Jahr war es, wenn man ehrlich ist, bereits im Mai soweit.

In der Mitte dieses Monats nämlich machte die US-amerikanische Schauspielerin Angelina Jolie bekannt, sie habe sich einer beidseitigen prophylaktischen Mastektomie unterzogen.

Die Diskussionen, die daraufhin losbrachen, hielten das Thema Brustkrebs einige Zeit ganz oben im öffentlichen Interesse. Sogar das Operationsverfahren, die Nipple-Delay-Technik, war damals jedem Zeitungsleser geläufig.

Eine engagierte sich für viele

Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt. Der eigentliche Brustkrebsmonat Oktober erfährt nur einen Bruchteil der öffentlichen Beachtung.

Was sind schon Zehntausende Frauen, die jährlich allein in Deutschland an einem Mammakarzinom erkranken, gegen eine amerikanische Leinwandgröße, der genau dies zu verhindern versucht?

Und grundlegende Informationen über eine Erkrankung zu verbreiten, an der immerhin eine von acht Frauen im Laufe ihres Lebens erkrankt, ist offenbar zu langweilig, solange es keinen prominenten Nipple-Delay zu erörtern gibt.

Im Mai, als sich die Meldungen über Jolies Entscheidung überschlugen, wurde viel von Brustkrebs und Schicksal schwadroniert. Meist waren es Männer, die von der Illusion der beherrschbaren Krankheit und der Scheinrationalität eines medizinischen Aktionismus schrieben.

Ein paar aktuelle Zahlen des Zentrums für Krebsregisterdaten mögen helfen, diese krausen Daseinslehren vom Kopf auf die Füße zu stellen.

74.500 Neuerkrankungen für 2012 prognostiziert

Diesen Daten zufolge sind 2008 in Deutschland 71.660 Frauen an Krebs erkrankt, 17.209 Frauen sind daran gestorben. Für das Jahr 2012 werden 74.500 Neuerkrankungen prognostiziert, die Fünf-Jahres-Prävalenz soll bei Frauen wird auf 300.900 steigen.

Wie sehr es sich um ein weibliches Problem handelt, zeigen die Zahlen für Männer: 520 Neuerkrankungen am Mammakarzinom hat es bei ihnen im Jahr 2008 gegeben, prognostizierte 600 Neuerkrankte für 2012, eine geschätzte Fünf-Jahres-Prävalenz von 2100.

Das ergibt ein Verhältnis erkrankter Frauen zu erkrankten Männern von 143 zu 1.

Was sollte angesichts solcher Zahlen der Sinn ärztlichen Handelns sein, wenn nicht der Versuch, Brustkrebs als Krankheit in den Griff zu bekommen? Und es gibt dabei, glaubt man den Zahlen, durchaus Erfolge.

Obwohl die altersstandardisierte Erkrankungsrate seit 1980 um etwa 50 Prozent gestiegen ist, haben sich die Überlebenschancen von Brustkrebspatientinnen deutlich verbessert.

Bei Metastasen leben nach 10 Jahren 10 Prozent

Ausweislich der EUROCARE-4-Studie (Allemani C et al. Int J Cancer 2013; 132: 2404) überleben 89 Prozent der Frauen mit lokal wachsendem Brustkrebs die ersten zehn Jahre nach Diagnose.

Bei Tumoren, die sich regional ausgebreitet haben, liegt die Quote bei 62 Prozent, bei Metastasierung erreicht sie noch 10 Prozent.

Dabei führt der Weg gerade beim Brustkrebs nicht immer zu radikalen Schnitten. Onkologen der University of Texas beispielsweise kommen in einer systematischen Übersichtsarbeit (Rao R et al. JAMA 2013; 310: 1385) zu folgendem Schluss: Frauen, die sich einer brusterhaltenden partiellen Mastektomie unterziehen müssen und keine palpablen axillären Lymphknoten aufweisen, ziehen in puncto Überleben keinen Nutzen aus einer axillären Lymphknotendissektion im Vergleich zur Sentinelbiopsie.

Lymphödeme nach kompletter Ausräumung

Zwar verringert die komplette Dissektion die Gefahr einer Wiederkehr axillärer Lymphknotenmetastasen um ein bis drei Prozent.

Allerdings liegt das Risiko, ein Lymphödem zu entwickeln, nach kompletter Ausräumung der Lymphknoten bei 14 Prozent. Nach Sentinellymphknoten-Biopsie beträgt die Rate fünf bis sieben Prozent.

"Die Beweislage deutet darauf hin, dass die axilläre Dissektion manchen Frauen mehr schadet als nützt", so die Forscher.

Dazu zählen sie Patientinnen ohne tastbare, verdächtige Lymphknoten, deren Tumoren höchstens 3 cm messen und die maximal drei positive Sentinelknoten aufweisen.

Das nimmt sich nicht so spektakulär aus wie die subkutane, die Brustwarze erhaltende Mastektomie bei einem Filmstar.

Eines aber haben diese nüchternen Studienergebnisse und Angelina Jolies Geschichte gemeinsam: Sie alle zeigen, dass Frauen und ihre Ärzte im Brustkrebs kein unbeherrschbares Schicksal sehen müssen.

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