Ärzte Zeitung, 19.02.2014

Mammografie

Geschäft mit der Angst?

Frauen in Deutschland überschätzen den Nutzen des Mammografie-Screenings um ein Vielfaches - mögliche Risiken sind großenteils unbekannt. Angst vor Krebs ist ein wesentliches Motiv, alles zur "Vorsorge" zu tun.

Von Helmut Laschet

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Kritischer Blick auf das Mammogramm.

© Bernd Wüstneck / dpa

WUPPERTAL/GÜTERSLOH. "Für so lebenswichtige Fragen wie den Umgang mit Krebsrisiken reicht die Übersendung eines noch so gut gemachten Textes in keinem Fall aus." Dies ist das Fazit des jüngsten Gesundheitsmonitors der Bertelsmann-Stiftung und der Barmer GEK.

In ihm sind die Professoren Marie-Luise Dierks (Hannover) und Norbert Schmacke (Bremen) der Frage nachgegangen, wie zutreffend Frauen, die Anspruch auf ein Mammografie-Screening haben oder es in näherer Zukunft haben werden, über den Nutzen und die Risiken dieser Früherkennungsmethode tatsächlich aufgeklärt sind.

Das systematische Screening wurde 2002 auf Beschluss des Bundestages auf massiven Druck aus der Frauenbewegung im Wesentlichen aus zwei Gründen eingeführt: das nicht qualitätsgesicherte graue Screening sollte verdrängt werden, ferner sollte die Brustkrebssterblichkeit um fünf von 1000 Frauen (mit Mammografien über 20 Jahre alle zwei Jahre bei einer Teilnahmerate von 70 Prozent) gesenkt werden.

Die notwendigen Teilnahmequoten wurden bislang nicht erreicht, das graue Screening, dessen Ausmaß unbekannt ist, nicht gestoppt. Aktuelle Daten - für das Jahr 2009, in dem erstmals Flächendeckung erreicht worden ist, werden am Donnerstag im Rahmen des Krebskongresses in Berlin präsentiert.

Von Anfang an umstritten war die Kommunikation - besser gesagt: die Propaganda -, mit der das Screening promoted wurde. Dazu wurde vor allem in der Startphase der relative Rückgang der Brustkrebsmortalität um 25 bis 30 Prozent thematisiert. Inzwischen ist in den Aufklärungsmaterialien allerdings der absolute Rückgang - fünf von tausend Frauen - gebräuchlich.

Aber: Versteht die Zielgruppe das, wenn sie Einladungen zur Mammografie erhält? Sind die Risiken und das Ausmaß, etwa falsch positive Befunde und deren Folgeinterventionen bekannt?

Das Ergebnis des Gesundheits-Monitors mit insgesamt mehr als 1800 ausgewerteten Fragebögen ist eindeutig: Die betroffenen Frauen überschätzen den Nutzen um ein Vielfaches, die Risiken sind teils unbekannt, teils werden sie unterschätzt. Die Ergebnisse im Einzelnen:

Aus den Informationen des GBA-Faltblatts, das die Frauen mit der Einladung erhalten, sollte bekannt sein, dass fünf von 1000 Frauen zusätzlich binnen 20 Jahren bei zehnmaliger Untersuchung vor dem Brustkrebstod bewahrt werden können.

Zweifel am wohlinformierten Bürger

Etwa die Hälfte der befragten Frauen hat keine konkrete Vorstellung. Nur zwei Prozent nannten den richtigen Wert. 1,5 Prozent sehen einen niedrigeren Nutzen. Im Durchschnitt glauben die Teilnehmerinnen an der Umfrage, dass 237 von 1000 Frauen durch systematisches Screening profitieren.

Nicht zuletzt liegt dies aber auch wohl an der Dämonisierung der Krankheit "Krebs", die das kalte Kalkül nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung in den Hintergrund treten lässt und persönliche Betroffenheit dominant macht.

Vor allem, wenn in der eigenen Familie oder im Freundeskreis Krebs aufgetreten ist und zum Tode geführt hat - oder auch, wenn Krebs rechtzeitig entdeckt und erfolgreich behandelt worden ist. Dann gilt: Auch nur ein einziges gerettetes Menschenleben lässt das Screening gerechtfertigt erscheinen.

Bei den Risiken fällt auf, dass vor allem die Möglichkeit falsch-positiver Befunde zu 46 Prozent nicht bekannt ist und zu 19 Prozent angegeben wird, diese gäbe es nicht. Damit korreliert, dass 53 Prozent der Frauen nicht wissen, dass nach einer Mammografie weitere Untersuchungen notwendig sein können, die sehr unangenehm sein können.

Dennoch fühlen sich 75 Prozent der Frauen überwiegend gut oder sogar sehr gut informiert - ebenfalls eine falsche Selbsteinschätzung. Wobei Frauen mit höherer Schulbildung (Abitur) deutlich skeptischer sind als Hauptschulabsolventinnen (knapp 50 zu gut 70 Prozent).

Das sind Diskrepanzen, die an wohlinformierten Entscheidungen mündiger Bürger zweifeln lassen. Dierks und Schmacke vermuten, dass die seit Jahren verkündete Botschaft "Früherkennung" so verinnerlicht worden ist, "dass (Frauen) mögliche unerfreuliche Folgen falsch positiver Ergebnisse als der Methode immanent ansehen und sie für den Nutzen eines Schutzes vor Krebs in Kauf nehmen". Und dass vielleicht so manche Frau dem Vorwurf aussetzen möchte, sie hätte eine Präventionschance vergeben.

[21.02.2014, 15:15:29]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Gesundheitsmonitor" verwechselt Gesundheit mit Krankheit - oder etwa umgekehrt?
Ist es nicht eher die Umdeutung und falsche Begrifflichkeit im öffentlichen Vorsorge-, Präventions- und Früherkennungs-Diskurs, welche unsere Patientinnen und Patienten in die Irre führt? Denn ausgerechnet Patientinnen über selbst i n n e r h a l b der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie umstrittene und u n b e a n t w o r t b a r e Fragen zu Mammografie, Vorsorge-Performance und –Effizienz, „grauer Vorsorge“, falsch „positiver“ und „negativer“ Befundung bzw. der Brustkrebsproblematik i n s g e s a m t zu befragen, um sich dann ex post in einem sogenannten "Gesundheitsmonitor" der Barmer GEK und Bertelsmann Stiftung über deren eklatante „Wissenslücken“ zu mokieren, ist ebenso scheinheilig wie kontraproduktiv.

Die Autoren dessen, was eher als K r a n k n h e i t s- denn als „Gesundheitsmonitor“ firmieren sollte, zeichnen sich durch eine weitgehende F e r n e vom klinischen Alltag und den Besonderheiten der stationären und ambulanten Versorgungsrealität aus. Prof. Dr. rer. biol. hum. Marie-Luise Dierks gibt in Ihrem Curriculum vitae neben ihrer „venia legendi in Public Health, Medizinische Hochschule Hannover“ an: „Lehre zur Arzthelferin, berufliche Tätigkeit in der ambulanten und stationären Versorgung Studium Pädagogik, Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie an der Universität Hildesheim - Promotion zum Thema ‚Frauen und Krebsfrüherkennung‘, Medizinische Hochschule Hannover“. Der Arzt und Versorgungsforscher Professor Norbert Schmacke von der Universität Bremen, Fachbereich 11 Human- und Gesundheitswissenschaften ist mit dem Institut für Public Health und Pflegeforschung ebenfalls relativ weit entfernt von Krankheit, Krebs und Siechtum.

Im medizinischen Alltag, in der Fremd- und Selbstwahrnehmung von Mammografie-Klientinnen, ergeben die Befunde von weit über 95 Prozent aller untersuchten Patientinnen u n a u f ä l l i g e Ergebnisse: Informationen, Diskussionen, Zielkonflikte und Erörterungen über falsch positive Befunde, Fehlbehandlungen, Chancen und Risiken von Maximaltherapien, über „Over-“ bzw. „Under“- „Diagnosis“ oder „Treatment“ erübrigen sich damit weitgehend. Im Gegenteil: Alle Patientinnen mit unauffälligem Tastbefund und Mammografie haben subjektiv und objektiv das Gefühl, eben n i c h t durch Krebskrankheit gefährdet zu sein und sich gemäß der Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ zu befinden („Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“).

Hypothesen und Schlussfolgerungen des Gesundheitsmonitors der Bertelsmann-Stiftung und der Barmer GEK unter der Federführung der Professoren Marie-Luise Dierks (Hannover) und Norbert Schmacke (Bremen) bleiben höchst zweifelhaft und fragwürdig.
 
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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