Ärzte Zeitung, 26.02.2016

Nachsorge bei Mamma-CA

Hohe Wertschätzung, wenig Standards

Frauen, die eine Brustkrebserkrankung überstanden haben, sind mit den Nachsorgeangeboten überwiegend zufrieden. Defizite gibt es in der psychosozialen Betreuung. In der Rezidivdiagnostik tun viele Ärzte mehr, als sie sollten.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Hohe Wertschätzung, wenig Standards

Mammographien und körperliche Untersuchungen sind Bestandteil der Brustkrebsnachsorge.

© Monkeybusiness I. / panthermedia

BERLIN. Etwa 1,2 Millionen Menschen in Deutschland gehören zur Gruppe der "Krebsüberlebenden", also zu jenen, die eine kurative Primärtherapie wegen einer bösartigen Tumorerkrankung erfolgreich hinter sich gebracht haben.

Vielen dieser Menschen hänge die Erkrankung noch viele Jahre nach Abschluss der Therapie nach, betonte Walter Baumann vom Wissenschaftlichen Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (WINHO).

So zeigte kürzlich eine WINHO-Befragung von 2410 Patienten, dass sich die mit dem Distress-Thermometer erfasste psychische Belastung im Mittel kaum unterscheidet, unabhängig davon, ob wie viele Jahre die Patienten schon an die Praxis angebunden sind.

Die psychische Belastung korreliert dabei einerseits mit den Nachsorgeterminen, insbesondere dann, wenn eine Bildgebung ansteht. Das dürfte die Sorge vor Rezidiven spiegeln.

Andererseits wird im Vergleich zu Menschen, die nie eine Krebserkrankung hatten, aber auch unabhängig von einzelnen Terminen eine stärkere psychische Belastung angegeben. Im Vordergrund stehen dabei Angst, Depressivität und Niedergeschlagenheit. Schmerzen seien bei Krebsüberlebenden ebenfalls häufiger, so Baumann.

Nachsorge: Zufriedenheit ist hoch

Halten Krebsüberlebende die existierenden Nachsorgeprogramme vor diesem Hintergrund für adäquat? Zahlen dazu gibt es bisher kaum. Stefan Feiten vom Institut für Versorgungsforschung in der Onkologie in Koblenz berichtete beim Deutschen Krebskongress über eine aktuelle Untersuchung in Kooperation mit dem Brustzentrum Marienhof und der Praxisklinik für Hämatologie/Onkologie Koblenz, die einige Daten liefert.

Sie beziehen sich auf 920 von 1500 Brustkrebspatientinnen, die an dem Brustzentrum zwischen 2007 und 2013 operiert worden waren. 99 Prozent dieser Frauen haben nach Abschluss der Primärtherapie eine Nachsorge in Anspruch genommen.

Die Zufriedenheit ist dabei hoch. Praktisch alle halten die Nachsorge für wichtig (Durchschnittswert 4,7 auf einer Skala von 0 bis 5), und ebenfalls praktisch alle geben an, dass unauffällige Ergebnisse von Nachsorgeuntersuchungen beruhigend seien.

93 Prozent sind mit den Nachsorgeintervallen zufrieden, wobei es hier Unterschiede gibt. Die Zufriedenheit sinkt, je länger die Intervalle werden und je länger die Krebserkrankung damit zurückliegt.

Enger Kontakt zum Arzt erwünscht

Anders ausgedrückt: Viele Patientinnen wünschen sich auch Jahre nach der Erkrankung noch einen relativ engen Kontakt zum Arzt. Klare Defizite gibt es bei der psychosozialen Betreuung.

Sie erhält einen Durchschnittswert von unter 3 und fällt damit gegenüber der Zufriedenheit mit Gesamtbetreuung und Rezidivdiagnostik deutlich ab. Hier gebe es eindeutig noch Nachholbedarf, so Feiten.

Wie sieht es mit der Leitlinientreue aus? Werden die existierenden Empfehlungen zur Nachsorge umgesetzt? Nur zum Teil. So gaben 56 Prozent der Patientinnen an, dass im Rahmen der Nachsorge Laboruntersuchungen erfolgten, und 23 Prozent berichten, dass Tumormarker bestimmt wurden.

"Beides ist nicht von den Leitlinien gedeckt, anders als die körperliche Untersuchung und die Mammographie, die Bestandteil der Nachsorge sein sollten", so Feiten. Wurden die Ärzte direkt befragt, war der Anteil der "Nachsorgediagnostiker" sogar noch höher.

Von 105 in der Brustkrebsnachsorge engagierten Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen gaben 63 Prozent an, im Rahmen der Nachsorge Laboruntersuchungen zu machen, und 40 Prozent bestimmen auch Tumormarker.

Hausärzte stärker einbinden?

Wird in der Brustkrebsnachsorge also "zu viel Medizin" und "zu wenig Psychologie" gemacht? Die Daten deuten zumindest in diese Richtung.

Insgesamt fühlen sich speziell die niedergelassenen Onkologen durch die Nachsorge eher überlastet: In einer Befragung des Bundesverbands Niedergelassener Hämatologen und Onkologen unter 275 Mitgliedern gaben 39 Prozent an, dass ihnen die Nachsorge zu viel werde.

Nur "Abrechnung und Verwaltung" erhielt einen höheren Wert.

Dr. Klaus Becker von der Onkologie Lerchenfeld stellte zur Diskussion, ob nicht eine stärkere Einbindung der Hausärzte besonders bei Ex-Krebspatienten mit niedrigem Risiko die Situation verbessern könnte.

Dem stehe entgegen, dass Patienten in Deutschland oft fachärztliche Nachsorge bevorzugten, so Baumann. Medizinisch sei das freilich nicht gerechtfertigt: "Bei der Ergebnisqualität gibt es zwischen hausärztlicher und fachärztlicher Nachsorge keinen Unterschied."

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