Ärzte Zeitung, 10.03.2016

Brustamputation

Entscheidung oft zu früh

Von Peter Leiner

Aus Angst vor Krebs ließ sich US-Schauspielerin Angelina Joli vorsorglich beide Brüste amputieren - viele Frauen mit vermeintlicher oder tatsächlicher genetischer Belastung folgten ihrem Beispiel. Doch nicht immer stimmt der Gentest.

Entscheidung oft zu früh

Die US-Schauspielerin Angelina Jolie gab 2013 ihr erhöhtes Brustkrebsrisiko aufgrund einer BRCA1-Mutation bekannt.

© Angelika Warmuth / dpa

BERLIN. Im Mai sind es drei Jahre her, dass die US-Schauspielerin Angelina Jolie in der "New York Times" bekannt gegeben hat, sie habe sich aufgrund ihres familiären Krebsrisikos wegen des mutierten BRCA1-Gens für eine beidseitige Mastektomie entschieden. Ihre Ärzte hätten ihr mitgeteilt, sie habe ein Risiko von 87 Prozent, an Brustkrebs, und von 50 Prozent, an einem Ovarialkarzinom zu erkranken.

In der Folge sind viele Frauen nicht nur in den USA diesem Beispiel gefolgt, was inzwischen auch unter Wissenschaftlern als Jolie-Effekt bezeichnet wird.

"Ist dieses von Angelina Jolie genannte 87-prozentige Lebenszeitrisiko - also von 100 Frauen erkranken 87 im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs - denn tatsächlich so hoch?", fragte PD Dr. Kerstin Rhiem, Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs der Uniklinik Köln, beim Krebskongress.

Und: "Reicht das als Information aus, um die Entscheidung für einen solchen primärpräventiven Eingriff zu treffen?" Ihren Angaben zufolge sind diese Angaben viel zu hoch gegriffen: Das Brustkrebs-Risiko liege bei Veränderungen im BRCA1- oder -2-Gen bei maximal 60 Prozent, für Ovarial-Ca bei Veränderungen etwa im BRCA2-Gen bei 20 Prozent. Rhiem geht davon aus, dass man nach Gewinnung weiterer Studiendaten zur Erkenntnis kommen wird, dass das Lebenszeitrisiko eher noch niedriger liegt. Nicht zuletzt nehme das Risiko etwa für Brustkrebs im Alter ab.

Die Ärztin beklagt, dass es immer wieder zu Fehlinterpretationen genetischer Tests komme. So seien bei einer Frau mit Ovarial-Ca im BRCA1-Gen mehrere genetische Veränderungen gefunden und als pathogen eingestuft worden. Deren Tochter bat um eine genetische Testung und fragte nach prophylaktischen Operationen.

"Wir haben eine Neubewertung dieser genetischen Varianten vorgenommen und festgestellt, dass es sich um komplett neutrale, also nicht krankheitsverursachende Sequenzvarianten in der BRCA1-Region handelte", so Rhiem. Eine prädiktive Testung der gesunden Tochter komme daher nicht infrage. Und somit ebenfalls nicht die therapeutischen Folgemöglichkeiten.

Bei einer anderen Patientin mit Ovarial-Ca sei im Zusammenhang mit der Frage nach einer Therapie mit einer neu zugelassenen Arznei auf BRCA1/2 getestet, eine BRCA2-Mutation gefunden und als pathogen eingestuft worden. Neu zugelassen bei Mutationen in BRCA1 oder -2 ist der Wirkstoff Olaparib.

 Rhiems Arbeitsgruppe habe dann eine Neubewertung vorgenommen, und zwar mithilfe der Daten des Deutschen Konsortiums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs. Ergebnis: Die zunächst als pathogen eingestufte Variante sei doch nicht pathogen gewesen. Aufgrund der derzeitigen Studienlage hätte die Patientin nicht von der Behandlung mit dem neuen Präparat profitiert.

BRCA1 und -2 sind nicht die einzigen Risikogene im Zusammenhang mit Brust- und Ovarial-Ca. Eines der neuen Gene, bei denen durch Gen-Veränderungen die Erkrankungswahrscheinlichkeit moderat erhöht ist, ist PALB2. Bei einer ihrer Patientinnen sei genau in diesem Gen eine Mutation gefunden worden, so Rhiem.

Der Frau sei nach dem Testergebnis die prophylaktische beidseitige Mastektomie sowie die beidseitige Salpingoophorektomie empfohlen worden. Die Ärztin stellte jedoch klar, dass es für beide Eingriffe "keine Indikation im Hinblick auf altersspezifische Inzidenzen für Brust- und Eierstockkrebs beim PALB2-Gen gibt, die belastbar wären". Bei der derzeitigen Evidenz gebe es keine Empfehlung für prophylaktische Operationen bei neu entdeckten Genen wie PALB2.

"Das mag sich ändern, aber derzeit haben wir diese Daten nicht." Rhiem: "Um es mit Angelina Jolie zu sagen: Angst ist ein schlechter Ratgeber für eine radikale primäre Prävention. Wir sollten unbedingt daran arbeiten, angstsenkend vorzugehen."

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