Ärzte Zeitung, 10.06.2016

Täglich ein Glas Wein

Wohl bekomm´s!

Erhöhen ältere Frauen ihren Alkoholkonsum, steigern sie ihr Brustkrebsrisiko. Sie senken aber zugleich die Gefahr einer KHK. Bei einem Glas Wein am Tag scheint der Nutzen unterm Strich zu überwiegen.

Von Thomas Müller

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Der gesundheitlich unbedenkliche Alkoholkonsum liegt bei Frauen bei 12 Gramm Alkohol am Tag – also etwa 0,1 l Wein oder 0,25 l Bier.

© YakobchukOlena / fotolia.com

KOPENHAGEN. Zum Thema Alkohol und Brustkrebs gibt es mittlerweile viele Studien, und kaum ein Zusammenhang war häufiger das Thema epidemiologischer Untersuchungen als der zwischen Alkohol und Herzkreislaufkrankheiten. Die Ergebnisse, wenn auch mittlerweile in guten prospektiven Kohortenstudien halbwegs konsistent, sind immer noch heftig umstritten.

 Eine inzwischen gut belegte U-förmigen Beziehung zwischen Alkoholkonsum und der Rate kardiovaskulärer Ereignisse passt manchen Präventionsmedizinern nicht in den Kram, legt sie doch nahe, dass es einen durchaus herzkreislaufgesunden Alkoholkonsum gibt: Wer wenig bis moderat Alkohol trinkt, bekommt seltener einen Herzinfarkt als jemand, der gar nichts oder aber sehr viel konsumiert.

Bei Brustkrebs sieht die Datenlage jedoch anders aus: Hier scheint die Gefahr mit der Alkoholmenge kontinuierlich zu steigen, und selbst für geringe Mengen lässt sich eine erhöhte Brustkrebsgefahr berechnen. Unterm Strich bleibt bei der Mortalität jedoch ein Vorteil: Frauen, die es mit dem Alkohol nicht übertreiben, leben im Schnitt länger als Abstinenzler oder Vieltrinker.

Um jedoch Gewissheit zu haben, ob solche Effekte tatsächlich alkoholbedingt sind, wären Langzeitinterventionsstudien nötig, und die wird es aus naheliegenden Gründen niemals geben. Forscher suchen daher nach Alternativen, um die epidemiologischen Daten besser zu validieren. Ein Team um Dr. Marie Dam vom staatlichen Institut für Volksgesundheit in Kopenhagen ist jetzt auf die Idee gekommen, die Auswirkungen eines veränderten Alkoholkonsums zu untersuchen.

Ist Alkohol tatsächlich ein Risikofaktor für Brustkrebs und ein Schutzfaktor für Herzkreislaufleiden, dann sollten ältere Frauen, die häufiger als früher ins Glas schauen, öfter an Brustkrebs und seltener an einer KHK erkranken als Frauen, die ihren Konsum nicht verändern. Genau das Gegenteil wäre zu erwarten, wenn ältere Frauen ihren Alkoholkonsum reduzieren: Das Brustkrebsrisiko sollte dann sinken, das Herzinfarktrisiko steigen. Zumindest teilweise scheint dies nach den dänischen Daten zuzutreffen.

U-Kurve bei der Mortalität

Für ihre Studie werteten die Forscher um Dam Angaben von mehr als 21.500 älteren Frauen aus der dänischen Diet, Cancer and Health Study aus. Die Teilnehmerinnen hatten alle die Menopause hinter sich und bislang noch keine Tumorerkrankung.

 Eine erste Befragung zum Alkoholkonsum fand in den Jahren 1993 bis 1998 statt, eine zweite fünf Jahre später. Anschließend wurden die Frauen im Mittel noch elf Jahre lang nachbeobachtet. In dieser Zeit erkrankten rund 1050 an Brustkrebs, 1750 an einer KHK, 2080 Frauen starben (BMJ 2016; 353: i2314).

Schauten sich die Forscher nur die Angaben bei der zweiten Befragung an, dann bestätigte sich im Wesentlichen das bekannte Bild: Die geringste Brustkrebsrate war bei Frauen ohne Alkohol und bei solchen mit maximal 10 g Alkohol (entspricht 0,25 l Bier) täglich zu beobachten, bei denen mit mehr als 48 Gramm Alkohol am Tag war sie um 45 Prozent erhöht. Alkoholmengen dazwischen deuteten ebenfalls auf erhöhte Raten, es zeigte sich aber kein klarer Dosiseffekt.

Die KHK-Inzidenz ergab dagegen eine bilderbuchmäßige U-Kurve: Das Optimum lag allerdings bei 36 bis 46 Gramm Alkohol täglich, was etwa der Menge von zwei Flaschen Bier am Tag entspricht und damit dem Drei- bis Vierfachen dessen, was für Frauen als unbedenkliche Maximaldosis genannt wird.

Die KHK-Rate bei Frauen mit einem derartigen Alkoholdurst war um rund 40 Prozent geringer als bei Abstinenzlern und um 23 Prozent geringer als bei solchen, die sich gelegentlich mit einem Gläschen Wein begnügten. Bei Mengen jenseits von 46 g/d lag die KHK-Rate etwas höher, aber immer noch geringer als bei den Wenigtrinkern.

Dass zwei Flaschen Bier oder zwei Viertel Wein jeden Tag für Frauen trotzdem nicht gesund sind, zeigte sich an den Mortalitätsdaten: Bei einem solch hohen Konsum war die Sterberate um rund 16 Prozent höher als bei Wenigtrinkern, aber nur um 5 Prozent höher als bei Abstinenzlern.

Am seltensten kam es zu Todesfällen bei Frauen mit 24 bis 34 g/d Alkohol (minus 11 Prozent) - also bei einem Konsum, der noch immer deutlich über den als unbedenklich geltenden Höchstmengen liegt und einem gut gefüllten Glas kräftigem Wein jeden Tag entspricht. Allerdings war die Zahl der Frauen mit einem derart hohen Alkoholkonsum recht gering, was die Ergebnisse verzerrt haben könnte. Insgesamt zeigte sich aber auch bei der Mortalität eine deutliche U-Kurve.

Optimum bei einem Glas Wein

So weit, so bekannt. Nun blickten die Forscher um Dam auf Veränderungen beim Alkoholkonsum in den fünf Jahren zwischen der ersten und der zweiten Befragung.

Steigerten die Frauen den Alkoholgenuss in dieser Zeit um einen Standarddrink mit 12 g Alkohol täglich, dann war die Brustkrebsrate anschließend um 13 Prozent höher als bei Frauen mit konstantem Konsum, bei einer Steigerung um zwei Standarddrinks ließ sich eine um 29 Prozent höhere Rate beobachten. Frauen, die ihren Konsum reduzierten, konnten allerdings nicht klar von einer gesunkenen Brustkrebsrate profitieren, was möglicherweise an den geringen Fallzahlen in den Extrembereichen lag. Immerhin deutete sich bei Frauen mit moderatem Konsum (ein bis zwei Standarddrinks täglich) ein Vorteil an, wenn sie die Alkoholmenge um einen Drink täglich reduzierten.

Wie erwartet, war die KHK-Rate bei den Frauen etwas geringer, die ihren Alkoholkonsum steigerten, und etwas höher bei denen, die ihn reduzierten, wobei sich die Ergebnisse nicht in allen Gruppen als konsistent und in den wenigsten als signifikant erwiesen - auch hier möglicherweise ein Effekt geringer Fallzahlen.

Bei der Sterberate schließlich deutete sich an, dass Frauen einen Nachteil hatten, wenn sie einen mäßigen bis hohen Konsum steigerten oder senkten. Das "Optimum" scheint auch hier ein gut gefülltes Glas Wein jeden Tag zu sein - nicht viel mehr und nicht viel weniger.

Die Forscher unternahmen mehrere Sensitivitätsanalysen: Mal ließen sie die Abstinenzler weg, um zu vermeiden, dass Frauen, die krankheitsbedingt keinen Alkohol trinken, die Ergebnisse verzerren, mal berücksichtigten sie die ersten Jahre nach den Befragungen nicht, ebenfalls um die Erkrankten und eine reverse Kausalität auszuschließen. All das änderte aber wenig an den Ergebnissen.

Letztlich bleibt die Erkenntnis, dass ein Gläschen Wein am Abend zwar das Brustkrebsrisiko etwas erhöhen dürfte, dafür aber gut fürs Herz ist und mit einem längeren Leben einhergeht. Der Versuch der dänischen Forscher, diese Erkenntnis weiter zu überprüfen, indem sie die Auswirkungen eines veränderten Alkoholkonsums untersuchten, ist letztlich wohl an der geringen Teilnehmerzahl gescheitert - hierfür wären sicherlich Studien mit zehnfach mehr Personen nötig.

[15.06.2016, 09:11:39]
Wolfgang P. Bayerl 
mich wundert schon, dass hier so wenig Kritik kommt
Der Arbeit kann man mit Fug und recht hohe Selektionierung vorwerfen um einen positiven Effekt von Alkohol zu erreichen, der dann unvermeidlich, siehe Foto, zu einer Alkohol-Empfehlung ausartet.
Immerhin sterben in Deutschland ca. 75000 Menschen durch Alkohol, mehr als irgend ein Krebs schafft.
Die Selektion betrifft nur
a) postmenopausale Frauen,
b) nur Trinkerinnen
c) nur gesunde Trinkerinnen ohne cardiovaskuläres Risiko bei Studienbeginn
d) und schließlich betrifft auch in dieser Gruppe die Aussage eine Minderheit
" only 37% of the invited women participated in the first examination in 1993-98, and hence caution should be taken when generalising the findings. "
Was mir auch fehlt ist der absolute Wert der Lebenserwartung.
Immerhin rangiert Dänemark in Europa bei der Lebenserwartung aktuell (UNO 2016) an 21. Stelle noch hinter Deutschland.

Eine statistische Reanalyse 2015 vieler Arbeiten über positive Effekte bei niedrige Alkoholkonsum sieht das wesentlich kritischer:
"All cause mortality and the case for age specific alcohol consumption guidelines: pooled analyses of up to 10 population based cohorts"

http://www.bmj.com/content/350/bmj.h384
"Conclusions Beneficial associations between low intensity alcohol consumption and all cause mortality may in part be attributable to inappropriate selection of a referent group and weak adjustment for confounders. Compared with never drinkers, age stratified analyses suggest that beneficial dose-response relations between alcohol consumption and all cause mortality may be largely specific to women drinkers aged 65 years or more, with little to no protection present in other age-sex groups. These protective associations may, however, be explained by the effect of selection biases across age-sex strata."

Gerade in einem Ärzteblatt sollte nicht der Begriff der "optimalen Alkohol-Dosis" benutzt werden. Es gibt hierfür die S3-Leitlinie von 2015 bei der u.a. auch bei dem umstrittenen "moderatem Konsum" mindesten eine 2-Tages-Totalabstinenz empfohlen wird, was causal mehr als untermauert wird mit den noch länger nachweisbaren Laborveränderungen (gamma-GT etc. und Metaboliten im Urin). Der Stoffwechsel benötigt eine Erholungszeit. Gerade das regelmäßige Trinken ist das Stoffwechselproblem.

mfG zum Beitrag »
[10.06.2016, 19:21:52]
Wolfgang P. Bayerl 
Das mit der U-Kurve ist eher Wunschdenken der Weintrinker.
Alkohol ist und bleibt eher stoffwechseltoxisch egal in welcher Dosis, natürlich je weniger, desto harmloser.
Den angeblichen positiven Effekt kann man ja gerne der psychischen Entspannungs-Situation zuordnen,
wers denn nicht anders kann :-) zum Beitrag »

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