Direkt zum Inhaltsbereich

Interview

"Das Nierenzellkarzinom bleibt unberechenbar"

Professor Stefan Müller hält eine Punktion bei jedem Verdacht auf Wilms-Tumor für nicht gerechtfertigt.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Sie berichten über einen Patienten, der bei Verdacht auf einen Wilms-Tumor eine vierwöchige präoperative Chemotherapie erhalten hat. Der Pathologe konnte dann zeigen, dass ein Nierenzellkarzinom vorlag. Wäre hier nicht eine Feinnadelpunktion sinnvoll gewesen?

Professor Stefan Müller: Beide Tumoren sind sich im klinischen Erscheinungsbild und leider auch in der Bildgebung sehr ähnlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Wilms-Tumor handelt und nicht um ein Nierenzellkarzinom, ist bei einem zwölfjährigen Jungen extrem hoch. Das Nierenzellkarzinom ist bei Kindern viel zu selten, um bei jedem Verdacht auf Wilms-Tumor eine Punktion zu rechtfertigen.

Ärzte Zeitung: Warum ist eine Punktion beim Wilms-Tumor so problematisch?

Müller: Beim Wilms-Tumor kann eine Punktion einen Tumor vom Stadium I ins Stadium IV befördern, und das müssen wir unbedingt vermeiden. Es ist deswegen gerechtfertigt, erst die Chemotherapie zu machen, um nicht für einen möglichen Nutzen bei einigen wenigen Patienten viele andere zu gefährden. Generell versuchen wir, möglichst nicht in einen Tumor hinein zu punktieren. Auch beim Nierenzellkarzinom können bei einer Punktion entlang des Stichkanals Metastasen ausgesät werden.

Ärzte Zeitung: Wie ist die Prognose von Kindern mit Nierenzell-Ca?

Müller: Wir arbeiten gerade an einer Statistik und wollen das auch irgendwann publizieren. Aber das ist nicht ganz einfach, eben weil dieser Tumor bei Kindern so extrem selten ist. Es sieht so aus, als sei die Prognose etwas besser als bei Erwachsenen. Aber auch im Kindesalter ist das Nierenzellkarzinom eines der unberechenbarsten Karzinome überhaupt. Wenn ein Patient nach Operation zwölf Jahre lang völlig gesund war, kann er plötzlich Metastasen entwickeln, die exakt dieselbe Histologie aufweisen wie der Originaltumor. Leider gibt es im Moment bei Kindern keine adjuvante Therapie, um das Rezidivrisiko zu senken. Neue Substanzen wie Sorafenib werden derzeit nur bei Erwachsenen untersucht.

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Galenus-Kandidat 2026

Verzögerte Progression beim Von-Hippel-Lindau-Syndrom

Das könnte Sie auch interessieren
Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

© AndreasReh, Ljupco, tinydevil, shapecharge | istock

rHWI

Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

© Dr_Microbe | Adobe Stock

In vitro-Studien

Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Diagnostik bei Harnsteinen: Prozedere bei Hochrisiko-Gruppe

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5, 11]

Hoher Medical Need

Urolithiasis: Metaphylaxe kann hohe Rezidivrate deutlich senken

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Aristo Pharma GmbH, Berlin
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transition Betroffener in die Erwachsenenmedizin

© Pinit / stock.adobe.com / generiert mit KI

Pädiatrische cholestatische Lebererkrankungen

Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transition Betroffener in die Erwachsenenmedizin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Mirum Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Langfristig überlegen: Kombinationen mit Daratumumab in der Erstlinie

© LASZLO / stock.adobe.com

Neu diagnostiziertes Multiples Myelom

Langfristig überlegen: Kombinationen mit Daratumumab in der Erstlinie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Janssen-Cilag GmbH, a Johnson & Johnson company, Neuss
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Änderungen im Überblick

So wirkt sich das GKV-Spargesetz auf Praxen aus

Betäubungsmittel richtig verordnen

Opioide in der Urlaubsvertretung: Wie sich Missbrauch vorbeugen lässt

Lesetipps
Tablets to maintain the correct functioning of the human cardiovascular system on a blue background close-up

© bisonov / stock.adobe.com

Kombi schlägt Monotherapie

Diese Blutdrucksenker werden am besten vertragen

Schlange wartender Patienten am Praxisempfang

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Einschätzung von Kollegen

Wenn die Telefon-AU wegfällt: Was das für den Praxisalltag bedeutet