Ärzte Zeitung, 21.12.2004

Fokussierter Ultraschall verkocht Prostata-Tumor

Schonende Methode kommt ohne Vollnarkose und Blutkonserven aus / Sonde wird rektal eingeführt

Um Patienten mit Prostata-Ca zu behandeln, gibt es eine weitere schonende Methode. Dabei wird das Skalpell durch hochenergetischen Ultraschall ersetzt. Geeignet ist das Verfahren vor allem für Patienten im frühen Krankheitsstadium und solche, die nicht mehr operiert werden können oder wollen.

Bei HIFU werden hochfrequente Schallwellen auf den Tumor fokussiert
Die Sonde hat einen bildgebenden und einen therapeutischen Schallkopf
Mit der bildgebenden Ultraschallsonde wird das Prostata-Zielvolumen lokalisiert (li.). Dann wird mit der Therapiesonde der Zielbereich durch die Darmwand beschallt (re.).

Von Thomas Meißner

Über eine rektal eingeführte Sonde wird bei der Methode die gesamte Prostata einem hochintensiven, fokussierten Ultraschall (HIFU) ausgesetzt - ein Behandlungsprinzip wie es von der Stoßwellenlithotripsie bekannt ist. In den beschallten Gewebebereichen werden die Ultraschallwellen absorbiert. Dadurch steigt die Temperatur auf 85 bis 100 Grad Celsius. Alle Zellen im Ultraschallfokus werden damit zerstört.

Geeignet ist HIFU vor allem bei einem lokal begrenzten Tumor

Geeignet ist die Methode in erster Linie für Patienten mit guter Prognose (Gleason-Score kleiner als 6) und lokal begrenztem Prostatakarzinom. Vor allem wegen der verbesserten Frühdiagnostik ist der Anteil jener Patienten, deren Prostatakarzinom bereits in frühen Studien entdeckt wird, in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen.

Die besten HIFU-Ergebnisse würden bei Patienten erzielt, deren initialer PSA unter 10 ng/ml liegt und die ein niedriges Risiko für eine Tumorprogression haben, sagt Professor Eduard Becht vom Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main zur "Ärzte Zeitung". Eine Alternative sei HIFU auch bei Patienten, bei denen eine Operation riskant ist oder die eine Operation ausdrücklich ablehnen.

Becht widerspricht jedoch Berichten einiger Publikumsmedien, in denen behauptet wird, daß sich mit HIFU die Potenz gut erhalten läßt. "Das Prostatakarzinom wächst entlang der Gefäß-Nervenscheiden. Wenn jemand nach HIFU potent ist, bedeutet das, daß diese Areale nicht ausreichend behandelt worden sind oder gezielt Areale zur Behandlung ausgespart wurden", betont der Frankfurter Urologe. Eine unilaterale Behandlung, nur um damit die erektile Funktion zu erhalten, lehnt er ab.

Nervenfasern regenerieren bei HIFU leichter als bei Resektion

Allerdings werden die Nerven bei HIFU nicht reseziert, wie es bei der konventionellen Operation oft unumgänglich ist, sondern nur durch Hitze denaturiert. Insofern sei die Regenerationsfähigkeit der Nervenfasern besser als bei einer Operation. Ob die Potenzerhaltung bei zugleich radikaler Therapie möglich ist, müsse noch geklärt werden. Einige Vorteile der HIFU im Vergleich zu einer Operation liegen auf der Hand:

  • Eine Vollnarkose ist nicht notwendig. Meist wird in Regionalanästhesie behandelt.
  • Blutkonserven werden nicht gebraucht.
  • Der Klinikaufenthalt beträgt lediglich vier bis fünf Tage.
  • Treten Rezidive auf, kann mit anderen Verfahren weiterbehandelt werden.

Da die Patienten außer dem Karzinom meist auch noch eine Prostatahyperplasie haben und durch die Hitzeentwicklung unter HIFU das Organ anschwillt, kommt es danach oft zur Obstruktion. Außerdem müssen nekrotische Gewebereste ausgespült werden.

Deshalb wird die Methode inzwischen routinemäßig mit einer transurethralen Prostataresektion (TURP) unmittelbar vor HIFU kombiniert. Dies auch, weil der therapeutische Ultraschall-Fokus das Gewebe nur bis zu einer Prostatahöhe von 2,5 cm voll erfassen kann. Dies ist nach der TURP im Allgemeinen gegeben. Außerdem erhalten die Patienten einen suprapubischen Blasenkatheter, der für einige Tage liegen bleibt, bis wieder eine Miktion ohne Restharn gut möglich ist.

Um Harnwegsinfekten vorzubeugen, erhalten die Patienten perioperativ eine Antibiotika-Prophylaxe.

Unerwünschte Wirkungen der Behandlungsmethode sind außer Dysurie und schmerzhafter Harnentleerung meist auch ein dumpfes Druckgefühl im Dammbereich für einige Wochen, was auf die Schwellung der Prostata zurückzuführen ist. Darmkomplikationen wegen der Hitze sind selten - die Endorektalsonde wird permanent gekühlt.

Bereits vor zehn Jahren sind in Frankreich erstmals Prostatakarzinom-Patienten mit HIFU behandelt worden. Seit März 2000 ist das Gerät in ganz Europa erhältlich. In Deutschland bieten derzeit mehrere Zentren, etwa in München, Regensburg, Hamburg und Frankfurt am Main die Behandlung mit HIFU an. Nach Bechts Angaben bezahlen die Krankenkassen die Therapie.

Erfahrungen mit HIFU

Bislang sind in Europa etwa 3000 bis 4000 Patienten mit HIFU behandelt worden. Die längsten Erfahrungen gibt es in Frankreich, einzelne Patienten sind fünf bis zehn Jahre nachbeobachtet worden. Im Median liegen Erfahrungen über 24 Monate nach HIFU vor. In dieser Zeit blieben in einer Multicenterstudie mit 652 Prostatakarzinom-Patienten über 90 Prozent der Patienten tumorfrei. (ner)

So funktioniert die Ultraschall-Therapie

Die hochintensive fokussierte Ultraschall-Therapie (HIFU) wird meist in Regionalanästhesie vorgenommen. Der Patient liegt in Rechtsseitenlage mit angewinkelten Beinen. In das Rektum wird die Endorektalsonde eingeführt, die sowohl einen bildgebenden Schallkopf zur dreidimensionalen Darstellung der Prostata als auch den therapeutischen Schallwandler enthält. Über den Applikator ist ein Ballon gezogen, der eine Kühlflüssigkeit enthält, die zugleich als Schallüberträger fungiert. Das Prostata-Zielvolumen wird mit der bildgebenden Ultraschallsonde lokalisiert. Der therapeutische Schallwandler setzt einzelne, zigarrenförmige Läsionen von etwa 2 x 20 mm, wobei Temperaturen von bis zu 100 Grad Celsius erzeugt werden. Es werden im Schnitt etwa 1000 Einzelläsionen gesetzt. Inklusive der transurethralen Prostataresektion unmittelbar vor HIFU dauert die Behandlung drei bis vier Stunden. (ner)

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