Ärzte Zeitung, 10.05.2006

Für und Wider des Prostata-Ca-Screenings

Lebhafte Diskussion zwischen einem Urologen und einem Wissenschaftsjournalisten beim Krebskongreß

BERLIN (ugr). "Jeder Mann sollte seinen PSA-Wert kennen - genau wie den PS-Wert seines Autos." - "Die Früherkennung von Prostatakrebs ist sinnlos, es kommt viel zu häufig zu Überdiagnose und Übertherapie." Deutlicher können die Standpunkte kaum voneinander abweichen, die der Urologe Dr. Axel Semjonow aus Münster und der Wissenschaftsjournalist Klaus Koch aus Brühl vertreten.

Ein Urologe untersucht einen Patienten mit Sonographie. Fast 50 000 Männer erkranken pro Jahr an einem Prostata-Karzinom. Foto: Klaro

Koch, Autor des Buches "Mythos Krebsvorsorge - Schaden und Nutzen der Früherkennung", diskutierte lebhaft mit Semjonow beim Krebskongreß in Berlin über Sinn und Unsinn eines Prostatakrebs-Screenings mittels PSA-Test.

Ob zur Früherkennung die digital-rektale Untersuchung ausreicht, wie sie ab dem 45. Lebensjahr von den Krankenkassen angeboten wird, oder ob die Bestimmung des PSA-Wertes genauer ist, ist umstritten: Übersteigt der PSA-Wert 4 ng/ml, kann dies ein Hinweis auf einen Tumor sein - muß es aber nicht.

Denn PSA ist ein Organ- und kein Tumormarker. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen den Test bisher nicht, da sein Nutzen nach ihrer Auffassung nicht klar erwiesen ist.

Eine gute Früherkennung wäre dabei dringend nötig: In Deutschland sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 2002 über 48 500 Männer neu an Prostata-Ca erkrankt - das damit das Lungen-Ca als häufigsten Tumor bei Männern abgelöst hat.

Semjonow als Screening-Befürworter verwies auf die Beispiele USA und Österreich: In den USA lassen drei von vier Männern jenseits des 50. Lebensjahres ihren PSA-Wert bestimmen. Die regelmäßige Früherkennung habe zu einer massiven Reduktion der krankheitsbezogenen Mortalität geführt.

In Tirol sei bereits 1993 ein flächendeckendes PSA-Screening eingeführt worden - seitdem habe sich die krankheitsbezogene Mortalität im Vergleich zu den übrigen Teilen von Österreich halbiert, so Semjonow. In vielen Studien sei belegt worden, daß mit der Kombination aus Tastbefund und Bestimmung des PSA-Werts Tumoren in einem früheren Stadium diagnostiziert und Patienten früher und erfolgreicher behandelt werden können.

Koch hielt dem entgegen, daß die Früherkennung lediglich zu einer unnötigen Vorverlegung der Diagnose führe. "Bei jedem fünften älteren Mann findet man ein Prostatakarzinom, wenn man danach sucht. Das heißt jedoch nicht, daß er an dem Tumor auch sterben würde." Bei alten, gestorbenen Männern habe man verschiedenen Untersuchungen zufolge bei bis zu 70 Prozent einen Prostatatumor entdeckt - die Todesursache sei jedoch eine andere gewesen.

Es gebe bei etwa 160 von 1000 älteren Männern, die ihren PSA-Wert bestimmen ließen, falsch-positive Ergebnisse und damit Folgeuntersuchungen wie Gewebeentnahmen. Selbst wenn infolge des Tests tatsächlich ein Karzinom entdeckt werden würde, wachse es bei zwei Dritteln der Männer so langsam, daß es zeitlebens keine Beschwerden verursachen würde.

Eine intensivierte Früherkennung, so Kochs Fazit, mache aus gesunden Männern oft und unnötigerweise kranke. Die anschließende Therapie sei riskant und belastend: So führe die radikale Prostatektomie Studien zufolge bei bis zu 50 Prozent der Männer zu Inkontinenz, in bis zu 70 Prozent zu Impotenz.

Ohne Früherkennung und PSA-Screening ließe sich jedoch die Gruppe der aggressiven Tumoren nicht rechtzeitig diagnostizieren und therapieren, entgegnete der Urologe Semjonow. Werde ein schnell wachsender Tumor entdeckt, wenn er noch auf das Organ begrenzt ist, führe eine rasche Op zu deutlich längerem Leben.

Habe der Tumor bereits die Organgrenze überschritten und gestreut, lasse sich der Patient nicht mehr heilen. Prospektive Studien, die die Effektivität des PSA-Screenings untersuchen, laufen. Mit Ergebnissen ist nicht vor 2008 zu rechnen. Die Diskussion wird also weitergehen.

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