Ärzte Zeitung, 28.09.2012

Behandlungsstrategie

Glaubenskrieg um Prostatakrebs

Bei Niedrig-Risiko-Prostata-Ca wird aktive Überwachung als Strategie nur bei zehn Prozent der Patienten genutzt.

Von Roland Fath

Glaubenskrieg um Prostatakrebs

Prostata-Operation: Über die beste Behandlungs-Strategie bei Patienten mit Niedrig-Risiko-Prostata-Ca wird unter Urologen heiß diskutiert.

© Springer Verlag

LEIPZIG. Sollten Patienten mit Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom operiert, bestrahlt oder "nur" aktiv überwacht werden? Das ist eines der heißesten Streitthemen unter Urologen.

Es geht einerseits darum, die häufige Übertherapie bei lokal begrenztem Prostatakarzinom zu vermeiden, andererseits besteht die Sorge, Patienten falsch in die Niedrig-Risiko-Gruppe zu klassifizieren und eine frühzeitige Intervention zu verpassen.

In vielen aktuellen Studien, etwa der kürzlich publizierten US-PIVOT-Studie, schnitt die Strategie der aktiven Überwachung (AS) bei Patienten mit lokal begrenztem Prostata-Ca nicht schlechter ab als die aktive Therapie.

Dennoch werden in der Praxis zur Zeit nur rund zehn Prozent der Patienten mit lokal begrenztem Prostata-Ca aktiv überwacht, sagte PD Felix K-H Chun aus Hamburg beim Urologen-Kongress in Leipzig.

Einstufung in Risiko-Gruppe ist nicht immer einfach

Was sind die Gründe? Die Entscheidung, welcher Patient zur Niedrig-Risiko-Gruppe gehört, ist nicht immer einfach.

Die wichtigsten Indikatoren: ein Gleason-Score bis höchstens 6, ein PSA-Wert unter 10, ein Tumorstadium T1a-T2b, nur zwei Stanzen aus der 12-er Prostatabiopsie positiv, geringes Tumorvolumen.

Anhand von Nomogrammen - Risikokalkulatoren, die im Internet verfügbar sind - kann das Progressionsrisiko der Patienten beurteilt werden.

Alle nicht-signifikanten Tumoren können mit Hilfe solcher Kalkulatoren richtig eingeordnet werden, berichtete Chun.

Das Problem: Bei rund 30 Prozent gibt es falsch-positive Befunde - sie zählen eigentlich nicht zur Risikogruppe. Ob dies relevant ist, ist unklar.

Eine verspätete Intervention - unter aktiver Überwachung wird in der Regel in drei- bis sechsmonatigen Abständen der PSA-Wert kontrolliert, Folgebiopsien erfolgen nach ein bis zwei Jahren - hat nach Ansicht von Dr. Corinna Schäfer aus Leipzig kaum Nachteile.

Aktive Überwachung bleibt als Strategie umstritten

Die Entscheidung zwischen den beiden Strategien bei lokal begrenztem Prostata-Ca - frühzeitige Intervention oder aktive Überwachung - scheint allerdings nicht nur eine Frage der wissenschaftlichen Grundlagen.

Es herrscht auch eine Art Glaubenskrieg unter Urologen: Für nicht wenige scheint aktive Überwachung keine echte Therapieoption zu sein.

Neuen Diskussionsstoff liefern die in der HAROW-Sitzung vorgestellten Daten. HAROW ist eine deutsche Versorgungsforschungsstudie in Zusammenarbeit mit der Stiftung Männergesundheit, die vom Unternehmen Gazprom unterstützt wird.

Seit 2008 wurden in die über fünf Jahre laufende Untersuchung 2848 Patienten mit lokal begrenztem Prostatakarzinom eingeschlossen. Rund die Hälfte der Patienten wurden sofort operiert, 15 Prozent wurden aktiv überwacht, weitere 5 Prozent ohne feste Kontrolltermine überwacht, berichtete Dietrich Schnell aus Berlin.

Von den 376 Patienten der AS-Gruppe ist bisher - bei einem Follow-up von im Schnitt 1 bis 1,5 Jahre - keiner am Prostatakrebs gestorben, und bei 46 Patienten (12 Prozent) wurde die AS gestoppt - bei den meisten aufgrund einer Progression.

Die Verlaufszeit der Studie ist noch zu kurz, um über die AS-Strategie ein Urteil zu fällen, waren sich die Beteiligten einig. Aber die Zukunft der aktiven Überwachung und Behandlungsempfehlungen bei lokal begrenztem Prostata-Ca können nur aus der Versorgungsforschung abgeleitet werden, sagte Professor Lothar Weißbach aus Berlin.

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