Ärzte Zeitung App, 11.11.2014

Prostatakrebs

Schadet PSA-Screening mehr als es nutzt?

Männern sollten PSA-Tests zur Früherkennung von Prostatakrebs nicht routinemäßig angeboten werden, fordern kanadische Forscher - das gelte ganz besonders für zwei Altersklassen.

Von Peter Leiner

Schadet PSA-Screening mehr als es nutzt?

Chemikerin bei der PSA-Wertbestimmung im Labor. Der Nutzen eines PSA-Screenings zur Früherkennung von ProstataKarzinom wird weiterhin sehr kontrovers diskutiert.

© Mathias Ernert, Labor Limbach Heidelberg

EDMONTON. Nach 20 Jahren haben jetzt Präventionsmedizinexperten der unabhängigen Institution "Canadian Task Force on Preventive Health Care" ihre aktualisierten Empfehlungen der Öffentlichkeit präsentiert (CMAJ 2014, online 27. Oktober). Nach Auswertung bisheriger Studien gibt es den Experten zufolge keine Belege dafür, dass das PSA-Screening die Gesamtmortalität unabhängig vom Alter senkt.

Außerdem gebe es nur widersprüchliche Daten dazu, ob es bei Männern zwischen 55 und 69 Jahren die krebsspezifische Mortalität leicht senke. Schließlich fehlten überzeugende Belege dafür, dass das Screening die krebsspezifische Mortalität bei jüngeren oder älteren Männern reduziere. Andererseits existierten konsistent Belege dafür, dass es den Männern Schaden zufüge, etwa durch eine Überdiagnose.

"PSA-Test sollte keine Routine sein"

Deshalb sprechen sich die Präventionsmediziner bei Männern aller Altersgruppen gegen ein PSA-Screening aus. Diese Empfehlung fällt in die Kategorie "stark" bei Männern unter 55. Das bedeutet nach der GRADE-Klassifikation (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation), dass Männer in diesem Alter den größten Nutzen aus dieser Empfehlung ziehen.

Das Gleiche gilt für Männer über 70. Diesen beiden Gruppen sollte deshalb ein PSA-Test nicht routinemäßig angeboten werden.

Die Empfehlung, Männer zwischen 55 und 69 Jahren nicht per PSA-Test auf Prostatakarzinome zu screenen, fällt dagegen in die GRADE-Kategorie "schwach". Das bedeutet, dass letztlich die Entscheidung für die Teilnahme an einem Screening erst nach intensiver Aufklärung individuell von den Männern gefällt werden muss.

Die Männer, für die selbst eine kleine Reduktion der Gesamtmortalität von großer Bedeutung ist und die mögliche Risiken des Screenings deshalb in Kauf nehmen würden, sollten an einem PSA-Screening teilnehmen können.

Im Wesentlichen stützen sich die Autoren um den Arzt für Familienmedizin Professor Neil Bell von der Universität in Edmonton auf die Ergebnisse zweier großer Studien zum PSA-Screening, nämlich der US-Studie PLCO (Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial) und der europäischen Studie ERSPC (European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer), deren Evidenzgrad in der GRADE-Klassifikation als "moderat" eingestuft wurde.

In keiner der beiden Studien konnte ein Effekt des PSA-Screenings auf die Gesamtmortalität nachgewiesen werden.

Zurückhaltung auch in Deutschland

Auch in Deutschland setzt man mehr auf Früherkennung als auf ein generelles Screening. In der vor Kurzem aktualisierten S3-Leitlinie "zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms" im Leitlinienprogramm Onkologie heißt es, dass Männer, die mindestens 45 Jahre alt sind und eine mutmaßliche Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren haben, als Standard prinzipiell über die Möglichkeit einer Früherkennung informiert werden sollen.

Bisher galt das für Männer bereits ab einem Alter von 40 Jahren. In den Empfehlungen heißt es aber auch, dass bei Männern mit einem erhöhten Risiko für ein Prostatakarzinom diese Altersgrenze um fünf Jahre vorverlegt werden kann.

Der Leitlinie zufolge sollen Männer über die Vor- und Nachteile der Früherkennungsmaßnahmen aufgeklärt werden, "insbesondere über die Aussagekraft von positiven und negativen Testergebnissen sowie über gegebenenfalls erforderliche weitere Maßnahmen".

In einem Sondervotum weist die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) darauf hin, dass die Männer, die den Wunsch nach einer Früherkennungsuntersuchung mithilfe eines PSA-Tests in der Hausarztpraxis nicht von sich aus äußern, darauf nicht aktiv angesprochen werden sollten.

[11.11.2014, 23:13:06]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Falscher Leitlinien-Ansatz
Die kanadischen Leitlinien mit Empfehlungen zu PSA-Tests beim Prostata-Karzinom-Screening von N. Bell et al. ["Guidelines - Recommendations on screening for prostate cancer with the prostate-specific antigen test" von "Neil Bell" et al.] reflektieren einen populär verbreiteten Irrtum in Medizin, Krankheitsepidemiologie und Biostatistik bzw. offenbaren grundlegende logische Fehlannahmen.

• Wie kann denn ein banaler PSA-Laborwert direkten Einfluss auf Morbiditäts- und Mortalitätsstatistiken nehmen?
• Laboruntersuchungen schaffen doch präexistente Krankheiten nicht ab. Erlauben sie doch nur eine Frühdetektion von statistisch belegten Krankheitsrisiken?
• Die Gesamtmortalität nimmt auf der Zeitachse, von verschiedenen Krankheits-Entitäten, deren Folgekrankheiten und terminalem Organversagen diktiert, stetig zu, nicht ab?
• Wirkten alle Screening-Methoden kausal minimierend auf die Gesamtmortalität ein, würde ihre Bündelung langfristig zur Unsterblichkeit verhelfen?
• Wie können zwei Studien mit Evidenzgrad "moderat" in der referierten Publikation zu apodiktischen klinischen und gesundheitspolitischen Empfehlungen führen, wenn diese s e l b s t z. T. als schwach ["weak recommendation"] bzw. von geringwertiger Evidenz ["low-quality evidence"] bezeichnet werden?

„Der Komplex kann nur durch seine Beschreibung gegeben sein, und diese wird stimmen oder nicht stimmen. Der Satz, in welchem von einem Komplex die Rede ist, wird, wenn dieser nicht existiert, nicht unsinnig, sondern einfach falsch sein.“ 3.24 Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus, 1922, Rotledge and Kegan Paul, London 1922, ISBN 0710009623; derselbe: 1963, Suhrkamp, Frankfurt/M, ISBN 978518100127; derselbe: 1989, Kritische Edition, Hrg. Brian McGuiness & Joachim Schulte, Suhrkamp, Frankfurt/Main) [„A complex can only be given by its description, and this will either be right or wrong. The proposition in which there is mention of a complex, if this does not exist, becomes not nonsense but simply false.”]

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[11.11.2014, 09:14:20]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
immerhin sterben in Deutschland ca. 13000 Männer (2012) an nachgewiesenem Prostata-Ca!
Da bei uns die Obduktion fast abgeschafft ist, kommt hierzu noch eine Dunkelziffer geschätzt über 10000 Fälle von "unklaren" Malignomen oder Metastasierung unbekannter Ursache gerade im hohen Alter. zum Beitrag »
[11.11.2014, 08:50:44]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Diesen Quatsch müssen wir uns nun seit Jahren anhören!
Es reicht langsam Quatsch wird auch durch Wiederholung nicht besser!.
Man könnte ebenso die Vorsorge für sämtliche gynäkologischen Krebse beenden, sterben ist billiger als behandeln?
Es gibt hier viele Ähnlichkeiten zum Mamma-Ca.: die Häufigkeit, die Hormonabhängigkeit, die Bevorzugung des höheren Alters, die biologische Variabilität, Mamma-Ca ist NICHT gleich Mamma-Ca, man muss UNTERSCHIEDLICH behandeln, auch hier kann der Verlauf sehr langsam über mehr als 20 Jahre gehen! Auch hier gibt es das psychologische Problem "mit dem Tumor leben"!
Eine epidemiologische statistische Analyse, die das alles in einen Topf wirft ist völlig unbrauchbar und stinkt förmlich nach Kostensenkungsabsicht. Lebt ein Mann lang genug mit Prostata-Ca, stirbt er selbstverständlich auch daran, manchmal auch früher. Ist das ein Grund auf Herzinfarkt zu warten, er möge bitte früher eintreten als der Krebs?
Helmut Schmidt wäre schon vor über 10 Jahren tot ohne Bypass-Op. Prostata-Ca aber nicht behandeln???
Wo leben wir?
Die Problematik liegt darin wie man ihn richtig behandelt
und darin gibt es ganz sicher noch Verbesserungsbedarf. Nur ist Fortschritt mit Vogel-Strauß-Politik nicht möglich: "wir wollen gar nicht wissen" ist eine Provokation, aber keine Wissenschaft!
Ohne PSA geht es heute nicht, auch bei der Diagnostik sind Verbesserungen hochwillkommen. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBV drücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Auch mit Kind zügig möglich"

Eine Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »