Ärzte Zeitung, 27.02.2006

Reizdarm-Syndrom ist offenbar nicht genetisch bedingt

Bei funktionellen Darmstörungen lassen sich zwar familiäre, aber keine erblichen Einflüsse nachweisen / Heterogenes Krankheitsbild

TÜBINGEN (ars). Am Reizdarm-Syndrom erkranken überzufällig häufig mehrere Mitglieder einer Familie. Das haben einige Studien ergeben. Die familiäre Häufung scheint aber weniger durch genetische Faktoren bedingt zu sein, als vielmehr durch Einflüsse der Umgebung.

Erste Hinweise darauf, daß Reizdarm-Beschwerden in manchen Familien gehäuft vorkommen, ergaben sich bereits vor 20 Jahren, wie Professor Hans-Dieter Allescher vom Klinikum Garmisch-Partenkirchen bei einer Veranstaltung in Tübingen berichtet hat. So hatte sich bei einer Studie herausgestellt, daß ein Drittel der Reizdarm-Patienten Verwandte ersten Grades hatte, die ebenfalls erkrankt waren. Dagegen hatten nur zwei Prozent der gesunden Kontrollpersonen nahe Angehörige mit Reizdarm-Beschwerden.

Gestützt wurde die familiäre Assoziation zunächst scheinbar auch durch eine Fragebogenaktion bei mehr als 6000 Zwillingspaaren. Diese Untersuchung hat ergeben, daß bei 17 Prozent der eineiigen Paare beide Zwillinge an einem Reizdarm-Syndrom litten. Das gleiche galt aber nur für acht Prozent der zweieiigen Paare.

    Erlerntes Verhalten könnte die Beschwerden begünstigen.
   

Die Vermutung, daß beim Reizdarm-Syndrom eine vererbbare Komponente von großer Bedeutung sein könnte, hat sich dann aber durch weitere Studien zerschlagen. So betrug das Erkrankungsrisiko für einen zweieiigen Zwilling 16 Prozent, wenn die Mutter am Reizdarm-Syndrom litt, dagegen nur sieben Prozent, wenn der andere Zwilling daran erkrankt war. Läge ein genetischer Einfluß vor, müßte die Rate der Reizdarm-Kranken in beiden Fällen gleich hoch sein, erläuterte Allescher.

Auch ein weiterer Versuch, die genetische Hypothese zu untermauern, blieb erfolglos. Dabei untersuchten die Forscher den Aufbau relevanter Proteine in der Hoffnung, daß sich bei Reizdarm-Patienten bestimmte Übereinstimmungen finden ließen, die bei Gesunden wiederum nicht vorkommen sollten.

Aber für keines der mutmaßlich beteiligten Moleküle ließ sich eine Verbindung zwischen Struktur und Bauchbeschwerden nachweisen: weder für den Serotonin- oder den Noradrenalin-Transporter, noch für den Serotonin-2A-Rezeptor, ebenso wenig für inflammatorische Zytokine wie Interleukin 10, Transforming Growth Factor Beta 2 oder den Tumornekrosefaktor-alpha.

"Die Familiendynamik, zum Beispiel das Erlernen eines Verhaltens von den Eltern, scheint wichtiger zu sein als die Erblichkeit", sagte Allescher. Es sei zwar trotzdem möglich, daß genetische Komponenten eine gewisse Bedeutung haben, aber sie über das Untersuchte hinaus nachzuweisen sei schwierig, zumal das Reizdarm-Syndrom wohl keine Entität darstellt, sondern ein heterogenes Krankheitsbild.

Weiterhin könnten die verschiedenen Störungen durch jeweils mehrere Auslöser bedingt sein. Deshalb sei es der falsche Weg, nur einzelne Transmitter unabhängig von anderen zu betrachten.

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