Ärzte Zeitung, 15.03.2007

Drei von vier Heimbewohnern haben Obstipation

Ernährungsumstellung und Toilettentraining genügen oft nicht / Empfehlung für hausärztliche Basisuntersuchung

BERLIN (grue). In Deutschland leben 640 000 überwiegend alte Menschen in Pflegeheimen. Ein medizinisches und pflegerisches Problem - und gleichzeitig ein Tabuthema - ist die chronische Obstipation. Sie betrifft drei von vier Heimbewohnern. "Jeder weiß davon, aber es wird wenig dagegen unternommen", kritisiert Professor Ingo Füsgen von der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG).

Hausarztbesuch im Altenheim. Mit einer Basis-Untersuchung lässt sich oft klären, weshalb die Bewohner eine Obstipation haben und was helfen kann. Foto: klaro

Die DGG möchte auf das Problem aufmerksam machen und hat deshalb mit Unterstützung des Unternehmens Norgine ein Experten-Statement zum Umgang mit Patienten mit chronischer Obstipation in der stationären Altenhilfe verfasst. Denn weder in geriatrischen Lehrbüchern noch in Empfehlungen zur Pflege, die vom Deutschen Netzwerk für Qualität in der Pflege erarbeitet werden, werde auf die Obstipation als häufiges geriatrisches Beschwerdebild eingegangen, sagte Füsgen bei einer Veranstaltung in Berlin.

Menschen mit Morbus Parkinson und Diabetes mellitus haben im Alter jedoch fast immer eine Obstipation, weil ihr autonomes enterisches Nervensystem geschädigt ist. Davon betroffen sind auch Patienten mit Multipler Sklerose, Demenz und solche mit Behinderungen nach Schlaganfall. Außerdem können Medikamente wie Opiate und Anticholinergika die Darmpassage verzögern. Füsgen schätzt, dass zwei von zehn Altenheim-Bewohnern sogar eine rezidivierende Koprostase haben und oft auch stationäre Therapien benötigen.

Damit es gar nicht erst soweit kommt, sollten frühzeitig Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, wobei es mit Ernährungsumstellung und Toilettentraining nicht getan ist. "Es wird meist nicht ohne Laxanzien gehen, aber für deren regelmäßige Einnahme sollten sich die Patienten aktiv in Absprache mit Ärzten und Pflegern entscheiden können", sagte Füsgen.

Bei chronischer Obstipation werde oft großzügig Lactulose verordnet; darunter können aber Durchfälle und Blähungen auftreten. Alternative sind osmotisch aktive Substanzen wie Macrogole. Besonders die Therapie mit einem Macrogol mit bilanziertem Elektrolytzusatz (Movicol®) sei für geriatrische Patienten in Pflegeeinrichtungen zu empfehlen, sagte Füsgen. Hier sei eine flexible Dosierung möglich, die Therapie führe nicht zur Toleranzentwicklung, sie sei frei von Interaktionen und decke das gesamte Spektrum der chronischen Obstipation bis hin zur Koprostase ab.

Basis-Check bei Obstipation

Die DGG empfiehlt in Altenheimen hausärztliche Basisuntersuchungen zur Abklärung einer Obstipation. Dazu gehören:

  • Anamnese/Fremdanamnese,
  • körperlicher (einschließlich rektaler) Check einmal jährlich,
  • bei Bedarf Stuhlgang-Anamnese,
  • Beurteilung von Stuhlfrequenz und -beschaffenheit,
  • Labortests einschließlich Test auf Blut im Stuhl,
  • bei Stuhlgang-Problemen: Benennung der Symptome, Einschätzung der Ursache, Bewertung der bisherigen Therapie.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Personal-Notstand auf deutschen Intensivstationen

Auf deutschen Intensivstationen fehlen mehr als 3000 Spezialpflegekräfte. Die Krankenhäuser wollen reagieren. Das Personal denkt über einen Großstreik nach. mehr »

HIV-Impfung generiert Immunantwort

Eine Impfung gegen HIV ist in frühen klinischen Studien. Erste Ergebnisse sind positiv. mehr »

Warum die Putzhilfe glücklich macht

Putzen, Wäsche waschen, Kochen: Viele Menschen empfinden all das als nervige Pflichten. Wer Geld hat, kann andere für sich arbeiten lassen - und fühlt sich dann zufriedener. Das haben Forscher herausgefunden. mehr »