Zelltherapie

Hoffnungsträger bei Stuhlinkontinenz

Nach einer zweiten erfolgreichen Pilotstudie zur Zelltherapie bei Stuhlinkontinenz soll jetzt eine europaweite, randomisierte Placebo-kontrollierte Dosisfindungsstudie gestartet werden.

Veröffentlicht:

BERLIN. Stuhlinkontinenz ist bei jungen Frauen am häufigsten Folge einer schweren geburtstraumatischen Verletzung des Beckenbodens. Symptome können unmittelbar nach der Entbindung einsetzen oder aber erst nach einer längeren Latenzzeit.

Daran hat Univ. Prof. Dr. Andrea Frudinger, Leiterin der Forschungseinheit für anale Inkontinenz an der Universität Graz, in einem Abstract zum 3. Interdisziplinären Beckenbodenkongress in Berlin erinnert.

Häufig träten Symptome erst mit dem Einsetzen der Menopause auf, wenn zusätzliche Faktoren, wie die hormonelle Umstellung und der natürliche Alterungsprozess der Muskulatur hinzukommen, so Frudinger.

Aber auch in der älteren Bevölkerung seien diese Symptome sowohl bei Männern als auch Frauen anzutreffen. Ursache sei hier die einsetzende oder bereits fortgeschrittene Atrophie der externen analen Schließmuskulatur.

Beckenbodentraining und Ernährungsumstellung reichen nicht

Bei schwerer Stuhlinkontinenz ist ein Training der Beckenbodenmuskulatur gemeinsam mit einer Ernährungsmodifikation unzureichend.

Etablierte chirurgische Interventionen, wie die überlappende Versorgung des Schließmuskels oder die sakrale Nervenstimulation gingen mit einem hohen Komplikationsrisiko einher, so die Expertin. Langzeitergebnisse seien unbefriedigend.

Die Applikation von Bulking-Agents führt häufig zur Migration der injizierten Substanz. Daten hierzu sind inkonsistent.

Erfolg mit autologen Myoblasten

Die Resultate einer im Jahr 2010 veröffentlichten Pilotstudie, in der autologe Myoblasten an zehn Patientinnen, die nach einem Geburtstrauma an schwerer Stuhlinkontinenz litten, verabreicht wurden, seien der Anlass dazu gewesen, die Wirksamkeit und Sicherheit dieses Therapieansatzes in einer zweiten Pilotstudie an 40 weiblichen und männlichen Patienten, die an schwerer Stuhlinkontinenz unterschiedlicher Genese (Geburtstrauma, Atrophie, iatrogen bedingt) litten, zu evaluieren, berichtet Frudinger.

Eine Biopsie des Musculus pectoralis major wurde als Grundlage für die Isolierung und Vermehrung autologer Myoblasten (Satelliten- oder Regenerationszellen) unter GMP(Good Medical Practice)-Laborbedingungen verwendet.

Nach Kontrolle der Kühlkette werden die kryokonservierten Zellen in einen Suspensionszustand versetzt und ultraschallgezielt, unter Verwendung einer speziell entwickelten Implantationsvorrichtung in den externen analen Schließmuskel injiziert, beschreibt die Expertin das Vorgehen.

Weniger Inkontinenzepisoden, bessere Lebensqualität

Das durchschnittliche Alter der Patienten betrug 60,3 (27 bis 81) Jahre. Als primärer Endpunkt wurde die Häufigkeit der wöchentlichen Inkontinenzepisoden herangezogen. Diese reduzierten sich im Schnitt von 14,05 um -9,38.

Die Lebensqualität - in Blick auf Depression und Selbstwahrnehmung - wurde besser. Insgesamt ergab sich eine allgemeine Response-Rate von 86 Prozent. Komplikationen wurden nicht beschrieben.

Diese Ergebnisse ließen darauf schließen, dass dieser therapeutische Ansatz auch für Männer, postmenopausale Frauen und Frauen im Senium geeignet sei, so Frudinger.

Weiteres könne die Zelltherapie nicht nur bei geburtstraumatischer Schädigung des Analsphinkters, sondern auch bei iatrogen verursachten Schädigungen, sowie bei beginnender und fortgeschrittener Atrophie des externen Analsphinkters angewandt werden.

Eine europaweite, randomisierte Placebo-kontrollierte Dosisfindungsstudie starte voraussichtlich in Kürze. (eb)

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