Ärzte Zeitung, 30.10.2014

Darmflora

Störungen im Darm machen krank

Das Darm-Mikrobiom stärkt das Immunsystem und schützt vor Krankheiten. Störungen in diesem komplexen System können fatale Auswirkungen haben: von Allergien über Reizdarm bis hin zu Krebs.

Von Beate Schumacher

Störungen in der Darmflora machen krank

Ist die Darmflora nicht intakt, hat das Auswirkungen auf den gesamten Körper.

© psdesign1/fotolia.com

ROCHESTER. Die ersten Bakterien, die sich im sterilen Darm eines Neugeborenen einnisten, stammen bei natürlicher Entbindung aus der Vaginalflora, bei Kaiserschnitt aus dem Hautmikrobiom der Mutter. Nach und nach werden dann weitere Bakterienarten aus der Umwelt aufgenommen und aerobe Spezies zunehmend durch fakultativ aerobe und anaerobe verdrängt. Die höchste Diversität wird in der Adoleszenz erreicht.

Mit dem Alter gehen Vielfalt und Stabilität zurück, und das Mikroökosystem wird anfällig für Störungen wie Infektionen mit Clostridium difficile. Dazwischen wechseln relativ stabile Phasen mit Phasen der abrupten Veränderung.

Zum Beispiel werden durch eine Antibiotikatherapie Dutzende Bakterienarten zum Verschwinden gebracht und durch andere Arten ersetzt. Aber auch eine Ernährungsumstellung kann innerhalb von 24 Stunden die Zusammensetzung des intestinalen Mikrobioms drastisch verändern.

Einfluss auf Immunsystem

Welche Folgen solche Verschiebungen haben können, ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden. Die mikroskopisch kleinen Bewohner des Darms sind nämlich nicht - wie lange geglaubt - nur "Mitesser" (Kommensalen) und Verdauungshelfer. "Sie sind entscheidend für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen", betonen Dr. Sahil Khanna und Dr. Pritish K. Tosh von der Mayo-Klinik in Rochester (Mayo Clin Proc 2014; 89(1): 107-114).

Wie man heute weiß, trägt die intestinale Mikrobiota zur Reifung und zum Erhalt des darmassoziierten Immunsystems bei, reguliert die Barrierefunktion des Darmepithels und kann die Freisetzung von antimikrobiellen Wirkstoffen anstoßen. Mikrobiomforscher sprechen schon von einem "Superorgan".

Störungen dieses komplexen Systems werden dementsprechend mit zahlreichen Erkrankungen in Verbindung gebracht, etwa Clostridium-difficile-Infektionen, Reizdarm, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und Allergien, aber auch metabolischen und sogar neuropsychiatrischen Erkrankungen.

Artenvielfalt bei Kranken reduziert

Am besten belegt ist der Zusammenhang mit Clostridium difficile: Der Keim kann sich ausbreiten, wenn konkurrierende Arten des intakten Mikrobioms durch eine Antibiotikabehandlung ausgeschaltet wurden. Das erklärt auch das hohe Rezidivrisiko nach einer Standardtherapie mit Metronidazol oder Vancomycin: Die dadurch zusätzlich geschädigte Darmflora bietet einen idealen Nährboden für die Auskeimung der antibiotikaresistenten C.-difficile-Sporen.

Auch beim Reizdarm gibt es Hinweise, dass Veränderungen der intestinalen Mikrobiota eine Rolle spielen könnten. Im Vergleich zu Gesunden scheint die Artendiversität und der Anteil der Bacteroidetes vermindert zu sein. Möglicherweise variiert die Zusammensetzung der Darmflora auch in Abhängigkeit davon, ob Obstipation oder Diarrhö die Symptomatik dominieren.

Colitis ulcerosa und Morbus Crohn haben zwar eine erbliche Komponente. Die Manifestation der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) hängt aber auch von Umweltfaktoren ab. Ein solcher Umweltfaktor könnte ein verändertes Darm-Mikrobiom sein. CED-Mäuse entwickeln nämlich in einer keimfreien Umgebung keine Kolitis, sie benötigen dafür intestinale Mikroorganismen.

Und bei CED-Patienten weist die Mikrobiota des Darms eine geringere Artenvielfalt und Stabilität auf als bei Gesunden, außerdem ist die Mukosa geschädigt. Es wird daher postuliert, dass bei entsprechender genetischer Disposition eine Dysbalance im Darm-Mikrobiom durch veränderte Wechselwirkungen mit dem Immunsystem des Darms zu einer chronischen Entzündung führen könnte.

"Bislang ist jedoch unklar, ob die beobachteten Veränderungen der Mikrobiota tatsächlich die Ursache oder nur die Folge von Entzündung und Diarrhö sind", schränken Khanna und Tosh ein.

Krebs durch veränderte Darmflora?

Über einen Zusammenhang von intestinaler Mikrobiota mit Darmkrebs und Adenomen wird ebenfalls spekuliert. Hintergrund sind auch hier Verschiebungen in der Mikrobiomzusammensetzung von Darmkrebspatienten. Mechanistisch könnten die Bakterien direkt - über Entzündungsprozesse und Beeinflussung der Zellproliferation oder indirekt - etwa über die Metabolisierung von Chemopräventiva - die maligne Entartung vorantreiben.

Falls eine Mikrobiom-Dysbalance tatsächlich ursächlich an den genannten Erkrankungen beteiligt ist, müsste es umgekehrt möglich sein, durch geeignete Manipulation der Darmmikrobiota den Verlauf der Erkrankungen günstig zu beeinflussen.

Hier richten sich die Hoffnungen besonders auf Probiotika, also lebende Mikroorganismen, die in Form von Milchprodukten, Nahrungsergänzungsmitteln oder Medikamenten zugeführt werden können. Derzeit ist die Datenlage für ihren Einsatz allerdings relativ mager. Ein deutlicher Nutzen ist vor allem bei Pouchitis belegt, eine Indikation besteht außerdem für E. coli Nissle zur Remissionserhaltung bei Colitis ulcerosa und Mesalazin-Unverträglichkeit.

Die mikrobielle Vielfalt wiederherzustellen gelingt eher durch die Übertragung von Spenderfäzes. Der Erfolg bei rezidivierenden Clostridium-difficile-Infektionen ist beeindruckend. Mit der Stuhltransplantation werden Heilungsraten von über 90 Prozent erzielt. Derzeit wird die Mikrobiotatransplantation außerdem in mehreren Studien bei CED untersucht.

Erste positive Fallberichte gibt es mit der Methode unter anderem auch von Reizdarmpatienten sowie Patienten mit Multipler Sklerose und neuropsychiatrischen Erkrankungen. Angesichts solcher "Erfolgsmeldungen", die auch in der Publikumspresse verbreitet werden, warnen Experten jedoch vor unkritischer Euphorie.

"Der derzeitige Hype um das Mikrobiom gefährdet Patienten, die schlecht informierte Entscheidungen treffen, und er gefährdet das wissenschaftliche Projekt", beklagt Professor William P. Hanage von der Medical School of Public Health in Boston (Nature 2014; 512: 247-248). Was die Mikrobiom-Forschung jetzt brauche sei harte Arbeit - und "eine gesunde Portion Skepsis".

[31.10.2014, 08:51:52]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Preisträger Michael Peuser, es ist leider genau umgekehrt!
Die "Darmflora" der Mutter ist bei der Geburt ein Krankheitsrisiko für das Baby, Pädiater haben das schon früh mit z.B. mit Mutaflor behandelt. Solange das Baby nur mit Muttermilch ernährt wird, stinkt der Stuhl NICHT. Fragen Sie eine Mutter! Das ist also eine völlig andere Darmflora!
Die Nachteile der Kaiserschnittes werden mit mangelnden Geburtsstress (Kortisonausschüttung) des Säuglings begründet, der dann weniger schreit und ATMET. Daher müssen diese Babies häufiger künstlich beatmet werden. In Brasilien gibt es erstaunlicherweise mehr Kaiserschnitte als in Deutschland.
Also keine Märchen erzählen.
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[30.10.2014, 12:39:36]
Michael Peuser 
Der Starter für eine gesunde Darmflora
Jedes Säugetier, genau wie der Mensch, bekommt bei der natürlichen Geburt, vom Muttertier bzw. von der Mutter eine Minimenge vom Stuhl als Starter zu Bildung der gesunden Darmflora an den Darmausgang übertragen. Einige Milligramm genügen. Leider vergessen die Chirurgen bei der Geburt per Kaiserschnitt, diese kleine Menge dem Neugeborenen zu übertragen. Durch das Fehlen dieses Starters entstehen viele Krankheiten, sogar sehr schwere bis hin zu Autismus. Fast alle Autisten sind per Kaiserschnitt zur Welt gekommen.
Antibiotika sind ein Segen, aber auch ein Fluch. Wie viele Menschen haben dadurch ihre Darmflora zerstört und leiden dadurch an unzähligen Krankheiten. Eigentlich sollte jeder, der Antibiotika benutzt, vor der Einnahme eine Kleinstmenge (einige Gramm) vom Stuhl separieren, gekühlt lagern und einige Wochen nach der Beendigung der Antibiotika-Behandlung als Starter zur Wiederherstellung der gesunden Darmflora nutzen.
Endlich wird die Wichtigkeit einer gesunden Darmflora entdeckt und die Stuhltransplantation immer populärer. Dies ist ein Wendepunkt zum Segen der Menschheit.
Michael Peuser
Staatspreisträger in Brasilien
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[30.10.2014, 09:10:45]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
"Vermutungen" reichen nun wirklich nicht! Was ist Ursache, was ist Folge?
Dickdarmkrebs ist nun zufällig der häufigste Tumor von Mann und Frau gemeinsam. Hier müsste es doch ein leichtes sein, statistische Zusammenhänge zu erkennen.
Bei clostridium difficile kommt als Einflussfaktor noch der "blockbuster" der Protonenpumpenhemmer (PI) hinzu, was immer vergessen wird.
Es wäre ja toll, wenn man M.Crohn mit "Keimen" heilen könnte, nur zu! zum Beitrag »

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