Ärzte Zeitung, 08.09.2004

Freundliche Bakterien gegen chronische Darmentzündung

Bifidobakterien verringern die Menge entzündungsfördernder Zytokine / Bakterien in Kapseln verpackt für Kolitis-Patienten

Schottische Forscher haben erfolgreich eine neue Behandlungsmethode bei Colitis ulcerosa getestet. Ein Synbiotikum führte bei Patienten mit einem Krankheitsschub innerhalb eines Monats zu signifikanten klinischen und histologischen Symptomlinderungen.

Von Thomas Meißner

Endoskopisches Bild des Darmes eines Patienten mit leichter bis mittelschwerer Colitis ulcerosa. Foto: Falk Foundation

Kolitis-Patienten fehlt offenbar etwas, was Gesunde haben: "Wir haben festgestellt, daß im Darm von Kolitis-Patienten eine bestimmte Bakterien-Art selten ist, welche bei Gesunden zur normalen Darmflora gehört", so der Bakteriologe Professor George Macfarlane von der Universität Dundee zur "Ärzte Zeitung".

Dabei handelt es sich um Bifidobakterien. In Zellkulturen reduzierten diese "freundlichen Bakterien", so Macfarlane, die Menge entzündungsfördernder Zytokine, wirkten also antientzündlich. Damit war die Idee geboren, die Bakterien in Form eines Probiotikums zu verwenden.

"Wir haben die Bakterien gezüchtet, gefriergetrocknet und in Kapseln gepackt", sagt Macfarlane. Pro Kapsel waren das zwei Milliarden Bakterien, deren Namen er wegen eines laufenden Patent-Verfahrens nicht verraten möchte.

In einer doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie schluckten 18 Colitis-ulcerosa-Patienten mit Entzündungs-Schub zusätzlich zur üblichen Therapie einen Monat lang morgens und abends je eine Kapsel. Damit sich die "freundlichen Bakterien" im Gastrointestinaltrakt gegen die vielen anderen Mikroben behaupten können, wurde zugleich eine Kohlenhydratquelle als Präbiotikum verabreicht. Dabei handelte es sich um Fructooligosaccharide, von denen bekannt ist, daß sie selektiv die Vermehrung von Bifidobakterien unterstützen.

Koloskopien und Biopsien der Darmschleimhaut vor und nach der vierwöchigen Therapie ergaben gut erkennbare, teilweise signifikante Vorteile für die Therapie mit dem Synbiotikum im Vergleich zu Placebo. Dies betraf etwa die Entzündungszeichen in der Darmschleimhaut, die Zahl von Ulzerationen der Darmwand, die allgemeine Befindlichkeit und die Lebensqualität. So hatte zum Beispiel einer von Macfarlanes Patienten vor der Therapie 64 Stuhlgänge pro Woche. Nach vier Wochen waren es nur noch halb so viele. Vor allem waren die Stuhlgänge nicht mehr schmerzhaft und enthielten nur noch selten Blut. Die genauen Ergebnisse der Studie sollen in wenigen Monaten in der Zeitschrift "Gut" (http://gut.bmjjournals.com) publiziert werden.

Ob die Effekte der Synbiotika-Therapie auch über einen längeren Zeitraum anhalten, wird nun in einer Multicenter-Studie über sechs bis zwölf Monate geprüft. Macfarlane geht davon aus, daß noch weitere Bakterienarten bei Kolitis-Patienten schützend wirken. Sollte sich eine zentrale Bedeutung der Bakterien für die Pathophysiologie der Erkrankung bestätigen, könnte dies seiner Meinung nach zu einem grundlegenden Wandel der Therapiestrategie bei Colitis ulcerosa führen.

STICHWORT

Probiotikum

Das sind Nahrungssupplemente, die aus lebenden Mikroorganismen bestehen. Sie sollen das Gleichgewicht der 400 bis 500 im Darm lebenden Bakterienarten so beeinflussen, daß der Wirt - Mensch oder Tier - davon profitiert.

Präbiotikum

Unverdauliche Nahrungsbestandteile mit positiven Auswirkungen auf die Gesundheit: Sie stimulieren selektiv das Wachstum bestimmter Darmbakterien.

Synbiotikum

Produkte mit probiotischen Bakterien, denen präbiotische Kohlenhydrate zugesetzt werden.

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