Ärzte Zeitung, 06.07.2006

Wurmeier helfen bei M. Crohn so gut wie Steroide - sind sie auch so sicher?

Patienten schlucken sterile Suspension / Hohe Remissionsraten / Zulassung verzögert sich

HANNOVER (grue). Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa fragen jetzt häufig nach einer Bio-Immuntherapie mit Wurmeiern. Kleinere Pilotstudien mit Eiern des Schweine-Peitschenwurmes Trichuris suis sind erfolgreich verlaufen. Entsprechende Präparate sind aber noch nicht im Handel.

Ein Schweine-Peitschenwurm (Trichuris suis) schlüpft aus dem Ei. Menschen sind zwar Fehlwirte, dennoch hemmen die Eier Entzündungen im Darm. Foto: Ovamed

Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) scheinen die Eier des Schweine-Peitschenwurmes Trichuris suis Störungen im Immunsystem zu normalisieren. Trichuris suis ist für Menschen nicht pathogen und kann im Darm höchstens zwei Wochen überleben.

In Pilotstudien haben vor allem Patienten mit Morbus Crohn nach wiederholter Einnahme von Wurmeiern Ansprech- und Remissionsraten von jeweils über 70 Prozent. "Damit scheint die Wurmtherapie ähnlich effektiv zu sein wie eine Steroid-Behandlung", sagte Privatdozent Dr. Dirk Raddatz von der Universität Göttingen bei einer von der Falk Foundation unterstützten Veranstaltung in Hannover.

Bei Colitis ulcerosa ist der Effekt nicht ganz so stark

Auch bei Colitis ulcerosa hilft die etwas unkonventionelle Therapie. Die Wirkung sei hier aber nicht ganz so überzeugend, so Raddatz.

Die Zubereitung der Wurmeier-Suspension ist recht aufwendig: Dazu werden Peitschenwürmer in steril gehaltenen Schweinen gezüchtet, die Eier aus weiblichen Würmern entnommen und in Spezialverfahren vorsichtig sterilisiert. Der Patient schluckt die Wurmkur in Portionen zu je 2500 Eiern. Sie setzen sich dann im Zwölffingerdarm ab.

Dort überleben sie etwa 14 Tage, lösen sich dann von der Darmwand und werden mit dem Stuhl ausgeschieden. Während dieser Zeit stimulieren sie allerdings die Ausschüttung von Zytokinen und regulatorischen T-Zellen.

Dauerhafte Infektion bei geschwächter Immunabwehr?

"Nach derzeitigem Kenntnisstand handelt es sich um eine sichere Therapie, dennoch sollte geprüft werden, ob Patienten mit stark geschwächtem Immunsystem nicht doch dauerhaft infiziert werden", sagte Raddatz. Außerdem bräuchten CED-Kranke, die von der Wurmbehandlung nicht profitieren, womöglich eine antihelminthische Therapie.

Solche Überlegungen hätten die Zulassung der Wurmeier-Suspension als Medikament verzögert. Das hat das Unternehmen Dr. Falk Pharma bekannt gegeben, das an der Entwicklung beteiligt ist. Eine Biotherapie mit lebenden Organismen sei in vielerlei Hinsicht problematisch, einfacher wäre die Therapie mit gereinigten Wurm-Fragmenten.

Derzeit wird untersucht, ob sich mit Bestandteilen der gleiche immunmodulierende Effekt erzielen läßt wie mit den ganzen Eiern.

STICHWORT

Bio-Immuntherapie

Auf welche Weise die Eier von Trichuris suis bei Crohn- und Colitis-Patienten im Darm wirken, ist noch nicht endgültig geklärt. Eine These ist, daß die Eier das Immunsystem so stimulieren, daß die für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa typischen Störungen im Immunsystem ausgeglichen werden.

Für Patienten mit Darmentzündung ist etwa eine überschießende Immunantwort der T-Helferzellen vom Typ 1 (TH-1-Zellen) typisch, möglicherweise eine pathologische Reaktion auf physiologisch sich im Darmlumen befindliche Stoffe.

Wurmeier regulieren dagegen das entzündungshemmende TH-2-Zellsystem in die Höhe. (mal)

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