Ärzte Zeitung, 29.09.2006

INTERVIEW

Gene und Umweltfaktoren machen den Darm krank

Bei chronisch entzündlichen Darmkrankheiten (CED) ist die Ätiologie noch unklar. Klar aber ist: Bei CED ist die Immunabwehr fehlreguliert. Hier setzt eine nichtmedikamentöse Therapie-Option an, die Apherese. Dabei werden aktivierte Entzündungszellen aus dem Blut entfernt. Die Wirkung hält auch nach fünfwöchiger Therapie weiter an, sagte Professor Axel Dignaß vom Markus-Krankenhaus in Frankfurt / Main im Gespräch mit Gabriele Wagner von der "Ärzte Zeitung".

   
 
"Bei chronisch entzündlichen Darmkrankheiten ist das Immunsystem überaktiviert"
 
Professor Axel Dignaß
Markus-Krankenhaus, Frankfurt am Main
   

Ärzte Zeitung: Welche neuen Erkenntnisse gibt es zur Ursache einer CED?

Professor Axel Dignaß: Wir wissen nach wie vor nicht, wodurch die Erkrankungen ausgelöst werden. Wir wissen aber, daß bei genetischer Prädisposition durch noch nicht endgültig identifizierte exogene Faktoren eine CED ausgelöst wird. Es sind inzwischen mehrere CED-Gene identifiziert worden. Doch nur etwa 20 Prozent aller Patienten mit Morbus Crohn haben die veränderten Gene. Es muß also noch weitere nicht identifizierte krankheitsauslösende Faktoren in der Umwelt geben.

Ärzte Zeitung: Welche Faktoren könnten das sein?

Dignaß: Eine wesentliche Rolle spielt die Tatsache, daß wir in immer hygienischerer Umgebung leben, und das fördert die Entwicklung des Immunsystems nicht gerade. Man weiß, daß der Kontakt mit Schmutz und Mikroben in der Kindheit wichtig ist, um das Immunsystem zu prägen. Bekannt ist, daß auf dem Land die Rate der Crohn-Kranken geringer ist als in der Stadt. Ähnliches kennt man ja auch beim Asthma. Es gibt auch eine interessante Untersuchung aus England: In Haushalten ohne fließend warmes Wasser und mit Toiletten im Garten haben deutlich weniger Menschen einen Morbus Crohn als in Haushalten mit fließend warmem Wasser und Innentoilette. Einen weiteren Faktor, die nichtoptimale natürliche Abwehr, erforschen Professor Eduard Stange und seine Kollegen in Stuttgart. Für die unspezifische Abwehr sind Defensine, also antibakteriell wirksame Peptide, wichtig. Die Kollegen entdeckten, daß bei einem Teil der Crohn-Patienten zu wenig Defensine im terminalen Ileum gebildet werden.

Ärzte Zeitung: Als Konsequenz aus genetischer Prädisposition und den Umweltfaktoren resultiert also ein fehlreguliertes Immunsystem.

Dignaß: Ja. Nach dem allgemeinen Verständnis ist das Immunsystem bei CED überaktiviert. Deshalb gehen fast alle aktuellen Therapie-Ansätze in die Richtung, das überaktive Immunsystem mit Immunmodulatoren zu dämpfen. Kortison dämpft völlig unspezifisch. Azathioprin und Methotrexat wirken etwas spezifischer. Und die ganz neuen Immunmodulatoren wie TNF-alpha-Antikörper modulieren noch gezielter. Infliximab hat seit diesem Jahr zusätzlich zur Zulassung als Therapeutikum bei Morbus Crohn auch die Zulassung für die refraktäre Colitis ulcerosa erhalten. Adalimumab und Certolizumab werden wohl 2007/2008 die Zulassung für Morbus Crohn erhalten.

Ärzte Zeitung: Welche neuen nichtmedikamentösen Therapien gibt es?

Dignaß: Aktuell laufen Studien zur Zellapherese. Bei dieser Methode werden aktivierte Entzündungszellen durch spezielle Filtersysteme aus dem venösen Blut herausgewaschen, und das so gereinigte Blut wird zurück infundiert. Es gibt Lymphozyten- und Granulozyten-Apheresen. Gerade ist eine neue Europäische Multicenter-Studie begonnen worden, in der die Granulozyten-Apherese mit dem Adacolumn-System bei Colitis ulcerosa geprüft wird.*

Ärzte Zeitung: Wie wirkt die Apherese auf den Krankheitsverlauf?

Dignaß: Wir entfernen die aktivierten Granulozyten und Monozyten. Dadurch kommen aus dem Knochenmark vermehrt junge Zellen nach, die nicht die entzündungsfördernden Proteasen und Zytokine freisetzen. So wird die Entzündung sozusagen heruntergefahren. Schlägt die Therapie an, können Medikamente wie Steroide deutlich reduziert, zum Teil auch abgesetzt werden. In einer gerade abgeschlossenen europäischen Studie haben wir gesehen, daß auch nach Ende der fünfwöchigen Therapie ohne weitere Apheresen immer mehr Patienten ansprachen. Nach vier Monaten hatten über 60 Prozent der Patienten eine Remission. Und von blauen Flecken im Punktionsbereich abgesehen, gibt es keine Nebenwirkungen.

Ärzte Zeitung: Was junge CED-Kranke mit Kinderwunsch beschäftigt: Kann man trotz Krankheit und Medikamenten Kinder bekommen?

Dignaß: Wir wissen inzwischen, daß Medikamente wie Steroide und 5-ASA-Derivate in üblichen Dosierungen sicher sind. Auch Azathioprin wird zunehmend akzeptiert. Die Therapie sollte aber von erfahrenen Kollegen gemacht werden. Am besten ist es, wenn Frauen mit CED schwanger werden, wenn sie in Remission sind. Dann ist die Rate normaler Schwangerschaftsverläufe genauso groß wie bei Frauen ohne CED. Werden Frauen im Schub schwanger, behandelt man sie mit Steroiden oder 5-ASA-Präparaten - so, als wären sie nicht schwanger.

*Für die Apherese-Studie können noch Patienten mit Colitis ulcerosa angemeldet werden: Sekretariat Professor Axel Dignaß, Tel.: 0 69 / 95 33 - 22 01, oder per E-Mail: med1.mk@fdk.info

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ZUR PERSON

Professor Axel Dignaß führt die Medizinische Klinik I - Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Stoffwechsel und Onkologie des Markus-Krankenhauses in Frankfurt am Main. Schwerpunkte seines Therapiespektrums sind CED, Autoimmunerkrankungen des Gastrointestinal-Traktes und der Leber, akute und chronische Pankreatitis, Ernährungsmedizin und gastrointestinale Onkologie. Dignaß leitet unter anderem eine kürzlich gestartete, europaweite Studie zur Wirkung der Granulozyten-Apherese bei Colitis ulcerosa.

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