Ärzte Zeitung, 14.02.2012

Hintergrund

Ist ADHS real?

An der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) scheiden sich die Geister: Einige Experten verweisen auf immer mehr betroffene Kinder und schlagen Alarm. Andere halten ADHS für eine erfundene Krankheit. Eine ideologische und emotionale Diskussion ist entbrannt.

Von Lajos Schöne und Wolfgang Geissel

Ist ADHS real?

Ihr chaotisches Verhalten macht Kinder mit ADHS häufig einsam.

© Getty images

Die Entwicklung ist beunruhigend: Immer mehr Kinder sind bereits in den ersten Schulklassen psychisch auffällig, Jungen häufiger als Mädchen.

Nach einer aktuellen Untersuchung aus Bayern zeigen bereits bei der Einschulung 13 Prozent der Jungen und acht Prozent der Mädchen Symptome von Konzentrationsstörungen und motorische Hyperaktivität, berichtet die Stiftung Kindergesundheit.

In der vierten Klasse sind nach den Daten schon knapp 19 Prozent der Jungen und fast zehn Prozent der Mädchen betroffen.

Sind alle diese Kinder krank? Welche brauchen Hilfe und wie sieht die aus? Diesen Fragen hat kürzlich die Stiftung Kindergesundheit in München ein Symposium gewidmet.

"Erfundene Krankheit"

Das Thema ist brisant: Dass Kinder mit Medikamenten behandelt werden, um ihr Verhalten zu beeinflussen, stößt auf großes öffentliches Interesse. ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) gilt zwar als eine der am besten untersuchten Störungen in der Kinderpsychiatrie, die Diskussion darüber wird aber oft ideologisch und emotional geführt.

Selbst seriöse Medien wie die "Süddeutsche Zeitung" oder die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" sprechen von einer "erfundenen Krankheit".

Dass nicht das Kind das Problem sei, sondern die Industriegesellschaft, die keine unruhigen Kinder dulde und dass nur deshalb die Kinder auf eine von Erwachsenen vorgeschriebene Norm gedrillt werden sollen, wies Professor Martin H. Schmidt vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim auf dem Symposium zurück.

Kinder mit ADHS gebe es nicht nur in reichen Ländern, sondern auch in Uganda und China, in Süd afrika, Puerto Rico oder Mexiko.

Jungen von ADHS häufiger betroffen

In Deutschland wird der Anteil der Kinder mit diagnostizierter ADHS auf etwa 4,8 Prozent geschätzt. Jungen sind mit 7,9 Prozent wesentlich häufiger betroffen als Mädchen (1,8 Prozent).

Das größte Problem liegt in der gestörten Konzentrationsfähigkeit mit Beginn schon im Vorschulalter: Das Kind wechselt die Spiele schnell, weiß oft nicht, was es machen soll. Das Zusammenspiel mit anderen Kindern ist oft gestört, weil das Kind die Spielregeln nicht einhält, es wird schon bald von anderen Kindern gemieden.

"Es geht nicht darum, die Kinder brav zu machen, sondern darum, ihre Chancen zu ihrer persönlichen Entfaltung zu erhalten. Wird ihnen nicht geholfen, droht das Scheitern in der Schule oder die Entwicklung sozial unangepassten Verhaltens", so der Kinder- und Jugendpsychiater.

Es sei ungerecht, dass Kinder mit diagnostizierter ADHS zu 60 Prozent seltener aufs Gymnasium gehen als unbelastete Kinder, betont Schmidt: "Darf man ihnen eine Ausbildung zumuten, die ihren Fähigkeiten nicht angemessen ist, nur um eine Behandlung mit Stimulanzien zu vermeiden?"

Multimodale Therapie empfohlen

Die Leitlinie der Kinder- und Jugendärzte empfiehlt bei ADHS eine "multimodale" Therapie. Betroffene Kinder brauchen konsequente Erziehung und verständnisvolle Unterstützung von Erzieherinnen und Lehrern. Patienten und Familien brauchen eine wohnortnahe kontinuierliche, auch kurzfristig zugängliche Betreuung.

Nur so sind Maßnahmen möglich wie umfangreiche Diagnostik, bedarfsorientierte Gesprächstherapie, Kontaktaufnahme zu Lehrern, Arzneitherapie inklusive Verlaufskontrolle. Gegen ADHS stehen insbesondere Methylphenidat (MPH) und Ato moxetin (ATX) zur Verfügung.

Damit behandelte Kinder bekommen eine Chance, unter besseren Bedingungen zu leben und ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Unter der Therapie sind viele Betroffenen zum ersten Mal in der Lage, sich andauernd und konzentriert mit einem Gegenstand oder einem Thema zu beschäftigen.

Hartnäckig hält sich die Behauptung, ADHS-Arzneien würden der Entstehung einer Sucht Vorschub leisten. Dies sei nach gegenwärtigem Wissensstand unbegründet, hieß es auf dem Symposium.

Vielmehr belegen Studien das Gegenteil: ADHS-Patienten, die medikamentös behandelt wurden, missbrauchen später deutlich seltener Alkohol, Tabak oder Drogen als Patienten mit unbehandeltem ADHS, so die Experten der Stiftung Kindergesundheit. Sie sind sich aber auch einig, dass eine ausschließlich medikamentöse Therapie bei ADHS nicht ausreicht.

Nötig seien, je nach Situation des Kindes, auch psychoedukative und psychotherapeutische Maßnahmen. Dazu muss es auch die Rahmenbedingungen in Schulen, Kitas und anderen Betreuungseinrichtungen geben.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Schlechtes Image der ADHS-Therapie

[15.02.2012, 09:10:26]
PD Dr. Peter Kuhn 
Jäger und Krieger in der Bauerngesellschaft
„ADHS ist real, die Existenz der Störung unumstritten“ – vom Phänomen her kann ich beiden Aussagen zustimmen, dennoch halte ich sie für unangemessen und in Hinsicht auf das Wohlergehen und die Entwicklung der Betroffenen für problematisch. Deshalb spreche ich mangels anderer Möglichkeiten im Folgenden von Menschen, denen ADHS zugeschrieben wird.
ADHS ist real, aber keine Störung, sondern ein Kompetenzmodell. Es handelt sich um die Fähigkeit, Aufmerksamkeit maximal zu verteilen und auf feine Reize unmittelbar motorisch zu reagieren. Menschen, denen ADHS zugeschrieben wird, sind Jäger und Krieger in Bauerngesellschaften (Thom Hartmann). Für sie ungünstig ist, dass sie in Zeiten leben, die ihre Kompetenzen nicht mehr zu brauchen scheinen und aufgrund ihrer Seltenheit abwerten. Wir sehen sie auf den Pausenhöfen toben und raufen. Mit dem moralischen Zeigefinger werden sie ermahnt, sich ruhig zu verhalten. Dass sie darunter leiden, wissen wir aus zahlreichen Interviews mit Grundschulkindern (www.waskinderbewegt.de). Sie würden sich Gelegenheiten wünschen, in denen ihre Fähigkeiten zur Geltung kommen. Kluge Lehrkräfte eröffnen den kleinen Kriegern z.B. Wege in pädagogisch verantworteten Kampfsport.
Aus Gesprächen mit Kinder- und Jugendpsychiatern haben wir gelernt, dass Schulen heute eher für das Bauernkompetenzmodell konzipiert sind. Sesshaft sein ist eine Fähigkeit, die besonders positiv sanktioniert wird. Der Jäger ist dort fehl am Platz, denn nur wenige Schulen bieten ihm die handlungsorientierten Lernkonzepte, die er braucht. Er ist zwar in der Lage, den Bleistift seines Banknachbarn zu erwischen, bevor er versehentlich zu Boden fällt. Weil er dabei jedoch den Banknachbarn mit zu Boden reißt und dabei auch noch der Tisch umfällt, schreiben wir ihm eine Krankheit zu. Das ist zu grob geschnitten und einer modernen Medizin nicht würdig. Zurecht fragen sich deshalb kritische Geister: cui bono?
Kinder mit besonderen Kompetenzen krank zu schreiben, bewirkt unabsehbare Veränderungen ihres Selbstkonzepts. Da das Selbstkonzept als Konstrukt – vor allem in der Kindheit – wesentlich auf dem Körperkonzept basiert, wird v.a. durch die Zuschreibung eines Syndroms, das körperlich zum Ausdruck gebrachte Kompetenzen abwertet, ein negativ getöntes Selbstkonzept gefördert. Dadurch können Defizite und Störungen entstehen. Dies gilt es zu vermeiden. Deshalb plädiere ich für einen dritten Weg, der die Dichotomie Norm vs. Störung aufbricht.
Es wird möglich sein, Menschen, denen heute noch ADHS zugeschrieben wird, mit multimodalen Ansätzen zu helfen, ohne sie zu stigmatisieren. Medikamentöse Hilfe kann dabei die ultima ratio bleiben, solange es uns noch nicht gelungen ist, die Lebenswelt von Kindern – insbesondere ihre Lernsettings – so zu verändern, dass ihre Fähigkeiten dort zur Geltung kommen können. Wenn uns das gelingt, helfen wir nicht nur den Betroffenen, sondern auch ihrer Umgebung. Dieser dritte Weg führt auch in eine Auflösung gängiger Alltagstheorien von Eltern und Lehrkräften, die dazu neigen, das, was sie an Scheitern ihrer Kinder und an ihren Kindern erfahren, auf die „veränderte Kindheit“ im Allgemeinen und auf „ADHS“ im Besonderen zurückführen. Verantwortungsvolle Medizin kann hier differenzierter agieren und den Betroffenen und ihrem Umfeld eine Orientierung anbieten, die über die gängige Unterscheidung von Gesundheit und Krankheit hinausgeht. In einem salutogenetischen Zugriff könnte diese Orientierung mit einer Schatzsuche (Eckhard Schiffer) beginnen: Was können Menschen, denen heute noch ADHS zugeschrieben wird? Wie können wir sie nennen, ohne sie abzuwerten? Welche Unterstützung können wir ihnen für ihren Lebensweg anbieten? zum Beitrag »
[14.02.2012, 08:34:14]
Wolfgang Ebinger 
Ein anderer Blickwinkel
Möglicherweise wäre einmal darüber nachzudenken, ob der Hyperaktivität, mit der Kinder schon sehr früh um Aufmerksamkeit betteln, dadurch beizukommen wäre, dass die Eltern das Defizit an Aufmerksamkeit ihrem eigenen Kind gegenüber zu reduzieren versuchen. Dann würden vielleicht auch aus kleinen "Zappelphilippen" wertvolle und leistungsfähige Mitglieder unserer Gesellschaft werden - statt pillenschluckende Patienten.

Dabei muss jedoch vorausgesetzt werden, dass Konzentrationsfähigkeit im frühesten Kindesalter in häuslicher (!) Umgebung mit unbegrenzter Mutterliebe nachhaltig antrainiert wird. Dass Heinrich Hoffmann in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Familie des Philipp mit einem strengen und ernsten Vater und einer wortlosen Mutter beschreibt, wundert uns nicht. Heute sind es die geldbeschaffenden Eltern, die entweder überhaupt nicht gegenwärtig sind, oder die es an der notwendigen konzentrierten liebevollen Aufmerksamkeit ihren kleinen Kindern gegenüber fehlen lassen, die dasselbe Phänomen hervorrufen.

Nur die früheste visionäre Investition in die Eltern-Kind-Beziehung hat dauerhaft Zukunft und sichert nachhaltig den Fortbestand einer gesunden Gesellschaft! Gesunde Familien - gesunder Staat! zum Beitrag »

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