Ärzte Zeitung, 27.04.2012

Hintergrund

ADHS - "Die Eltern sind nicht schuld"

Ist ADHS nur eine erfundene Krankheit? Von wegen, sagt die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt. Bei einer Veranstaltung mit ihr forderten Experten, Kinder mit ADHS nicht zu Außenseitern werden zu lassen.

Von Jürgen Stoschek

"Wer unter ADHS leidet, wünscht sich Normalität"

Hausaufgaben sind für Kinder mit ADHS häufig eine Qual.

© dpa

Obwohl dies häufig behauptet wird, ist ADHS keine "erfundene Krankheit", betont Renate Schmidt.

Die ehemalige Familienministerin ist Schirmherrin der Kampagne "ADHS und Zukunftsträume"*.

Bei einer Veranstaltung der Initiative in München haben Schmidt und andere Experten über "ADHS-Kinder in der Schule - wie kann das gut gehen?" informiert.

Es nicht immer einfach, die Grenze zwischen (noch) normalem kindlichen Verhalten und Anzeichen einer ADHS zu ziehen, sagte der Psychiater Professor Martin Holtmann bei der Veranstaltung.

Die Diagnose soll daher ausschließlich von einem erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater oder einem spezialisierten Kinder- und Jugendarzt gestellt werden. Dies ist im Übrigen auch die Voraussetzung für die Verordnung von Methylphenidat.

Nach einer aktuellen Studie der Ruhr-Universität Bochum bekommen etwa 16 Prozent der untersuchten Kindern eine falsch-positive Diagnose und etwa 20 Prozent eine falsch-negative Diagnose, berichtete der Ärztliche Direktor der LWL-Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Hamm.

Überwiegend durch die Gene bestimmt

Die drei Hauptmerkmale von ADHS sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und ein starker, unkontrollierter Bewegungsdrang. Die Störung liegt wahrscheinlich vor, wenn die Kinder stark ausgeprägte Symptome haben und es dadurch in verschiedenen Lebensbereichen wie Schule und Familie Probleme gibt.

Die Merkmale müssen bei ADHS bereits vor dem sechsten Lebensjahr aufgetreten sein und über mehr als sechs Monate anhalten. Andere körperliche oder psychiatrische Erkrankungen müssen für die Diagnose ADHS ausgeschlossen werden.

ADHS ist zu etwa 80 Prozent genetisch determiniert und nur zu einem geringen Teil durch Umweltfaktoren beeinflusst, hat Holtmann betont.

Die Tatsache, dass neurobiologische Ursachen im Vordergrund stehen, entlaste unter anderem auch die Eltern, die immer wieder Vorwürfe zu hören bekämen, mit einer "richtigen Erziehung" gäbe es das Problem gar nicht, erklärte der Psychiater.

"Die Eltern sind nicht schuld. Sie haben aber Einfluss darauf, wie sich das Kind weiter entwickelt", sagte er.

Die Störung beeinträchtigt Betroffene in allen Lebensbereichen, also nicht nur in der Schule, sondern auch später in der Ausbildung, im Beruf und in den sozialen Beziehungen, berichtete Holtmann.

Herausforderung für Lehrer

"Wer unter ADHS leidet, wünscht sich Normalität", so der Psychiater. Es gehe nicht darum, aus Hauptschülern Einser-Abiturienten zu machen.

Ziel einer Behandlung sei es vielmehr, die Betroffenen von Verhaltensweisen zu befreien, die sie zu Außenseitern machen.

Das betreffe auch den Schulunterricht, wo ADHS-Kinder durch impulsives, oppositionelles und störendes Verhalten auffallen, berichtete Vera Zippe, Schulleiterin einer Grundschule in Behringersdorf bei Nürnberg.

Mit den richtigen pädagogischen Methoden und einer engen Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern könnten ADHS-Kinder auch in der Schule erfolgreich sein.

So lasse sich beispielsweise durch einen Einzelplatz in der Klasse ohne ablenkende Gegenstände im Blickfeld und auf dem Tisch die Konzentration fördern, erläuterte Zippe.

Nach Ansicht von Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), weist der Umgang mit ADHS-Kindern auch auf grundsätzliche Probleme im Schulsystem hin.

Nicht heil- aber gut behandelbar

"Wir brauchen kleinere Klassen und mehr Unterstützung durch Schulpsychologen, Heiltherapeuten und Sozialarbeiter, um individuell auf jeden Schüler eingehen zu können", forderte Wenzel.

Verhaltensauffällige Kinder sollten so lange wie möglich in der Regelschule unterrichtet und gefördert werden.

"Bei jedem fünften Schulkind zwischen sieben und siebzehn liegen heute psychische Auffälligkeiten vor. Darauf darf die Schulpolitik nicht mit noch mehr Druck und Stress reagieren", sagte Wenzel.

Mit einer multimodalen Therapie können Kinder mit ADHS erfolgreich behandelt werden. "In Studien haben sich sowohl Medikamente als auch die Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen", so der Psychiater Holtmann: ADHS sei zwar nicht heilbar, aber gut behandelbar.

*Infokampagne von Shire Deutschland und den Partnern Selbsthilfeverband ADHS Deutschland, AG ADHS der Kinder- und Jugendärzte und Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband.

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