Ärzte Zeitung, 08.05.2012

TV-Kritik

Was ADHS-Kinder wirklich erleben

Großes Dokumentarkino im Fernsehen: Das war die ADHS-Doku "Pillen für den Störenfried" im Ersten. Wer die Sendung kurz vor Mitternacht gesehen hat, konnte in die Abgründe blicken, die sich vor manchen Betroffenen auftun.

Von Wolfgang Geissel

ADHS: Was die Schmuddelkinder und ihre Eltern wirklich erleben

Philipp: Kein Schulplatz für ein ADHS-Kind.

© Filmtank / SWR

Auf den späten Sendeplätzen nach 23 Uhr finden sich oft die Perlen des öffentlich rechtlichen Fernsehens. "Pillen für den Störenfried" war so ein herausragender Dokumentarfilm am Montagabend in der ARD.

Gezeigt wurden mehrere Monate im Leben von drei Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS). Behutsam hat sich die Autorin Sylvia Nagel dabei den Betroffenen, ihren Eltern, Lehrern, Therapeuten und Ärzten genähert und diese vom Alltag mit der Störung und ihren Erfahrungen berichten lassen.

Beeindruckend und traurig ist es, wenn man in der Reportage sieht, wie einsam der Stempel ADHS ein Kind machen kann. Der 14-jährige Philipp ist so einer, an dem sich die öffentlichen Betreuungseinrichtungen abgearbeitet haben.

Als aggressiv und lautstark wird er von einer ehemaligen Lehrerin beschrieben. Er hat unter Mitschülern ständig Herabsetzung gewittert und immer wieder Konflikte heraufbeschworen.

An der Außenseiterrolle leidet er so stark, dass er sich einmal sogar aus dem Fenster stürzen wollte. "Dann habt Ihr keine Probleme mehr", hatte er damals seiner Mutter gesagt. Seitdem bekommt er Medikamente.

Philipp ist zu Beginn des Films seit zwei Jahren zu Hause, weil keine Schule seiner Region ihn mehr aufnehmen will. Notdürftig versucht ihm seine nicht-berufstätige Mutter den Unterrichtsstoff zu vermitteln.

"Früher haben sich Jungs auch gekloppt"

Das Jugendamt ist keine Hilfe. Die Eltern führen einen Kampf, damit er wieder in einer Schule aufgenommen wird. Ein Hoffnungsschimmer ist ein sechswöchiger Aufenthalt in einer Spezialklinik, der aber wegen Konflikten abgebrochen werden muss.

Zum Schluss des Films wird er in ein spezialisiertes Internat aufgenommen, das 3500 Euro im Monat kostet.

Die im Film gezeigten beiden anderen Kinder mit ADHS sind jünger: Tim geht in die dritte Klasse. Seine Eltern lehnen eine Medikation ab. Sie haben eine Therapeutin gefunden, die über die Jahre eine persönliche Beziehung zu dem Kind aufgebaut hat.

Seine Lehrerin sieht Fortschritte, trotzdem sei er noch das auffälligste Kind in der Klasse. Eine Stütze ist ihm auch seine Oma: "Früher haben sich die Jungs auch gekloppt", sagt sie.

Und heute beschweren sich Eltern anderer Kinder schon bei einem Schubser. Einem Kind sei sogar der Umgang mit ihrem Enkel verboten worden.

Dass eine Verhaltenstherapie für Kinder mit ADHS nicht selbstverständlich ist, berichtet der Kinderarzt von Luis, des dritten gezeigten Kindes. Ein halbes bis ein Jahr müsse man auf einen Therapieplatz warten, und dann wirke die Behandlung auch nicht sofort.

Bei Luis setzen die Eltern auf eine medikamentöse Behandlung, die dem Kind einen relativ normalen Schulalltag ermöglicht. Ob er aber jemals ohne die Medikamente wird bestehen können?

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[09.05.2012, 01:15:50]
Dr. Niki Zuka 
ADHS
In diesem spannenden Buch: Die unerkannten Lerngenies von Ron Davis begriff ich erstmalig die wahrscheinliche Mitursache für ADHS - die gleiche wie für Legasthenie, Dyskalkulie, Dysgraphie und eben auch ADHS. Allen gemeinsam ist demnach die Art zu denken: diese Menschen denken in Bildern statt in Worten, und das mit weitreichenden Konsequenzen. Und das Gute daran, wenn das ersteinmal begriffen wird: es gibt eine spezielle Lernmethode, mit der diese Kinder/Erwachsenen trotzdem lernen können, zu lesen, zu rechnen .. und in ihrem Verhalten angemessen zu sein. Eine große Chance, die weit mehr publik sein sollte.
Und hier meine Kritik am Medikament: wer hat Interesse daran, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, wenn man Menschen in medikamentösen Abhängigkeiten halten kann? Jedenfalls nicht die Pharmaindustrie. Dazu folgende Buchempfehlung: Patient im Visier: die neue Strategie der Pharmakonzerne von Caroline Walter, Alexander Kobylinski.

Letztlich muss jeder Fall individuell betrachtet werden. Den betroffenen Kindern und ihren Eltern würde ich jedenfalls die Lektüre des erstgenannten Buches empfehlen und die Konsultation eines Davis-Beraters. zum Beitrag »
[08.05.2012, 23:30:03]
Dr. Hans-Jürgen Kühle 
Falsche Alternativen
Der Bericht zeigte eindrücklich die Schwierigkeiten dreier Kinder mit ADHS, jedoch in einer sehr tendenziösen Aufbereitung: Die Eltern des Kindes, das Medikament bekam, wurden nur in Situationen gezeigt, in denen es um Anforderungen ging, der Junge, der kein Medikament nahm, nur in schönen Spiel- und Trainingssituationen. Das Medikament wurde zum popanz aufgebaut, das gipfelt im letzten Satz Ihres Artikels "Ob er aber jemals ohne die Medikamente wird bestehen können?"
dessen wäre ich mir ganz sicher. Unkommentiert konnte man sehen, dass der Junge mit Medikation gut mit sich zurecht kam und sicher viele gute erfahrungen mit sich machen und sich damit zu einer Persönlichkeit mit Selbstvertrauen entwickeln kann - dazu braucht er später kein Medikament mehr, aber eine Erfahrung der Selbstwirksamkeit.
Der junge ohne Med. hatte es darin viel schwerer - die Apriori-Vorentscheidung gegen Medikation "weil Medikamente immer etwas schlechtes sind" ist immerhin auch ein Vorenthalten von Chancen!
Hätte man den kinderarzt mal länger zu Wort kommen lassen, dann hätte er solche Zusammenhänge wohl beleuchten können, das war aber wahrscheinlich mal wieder nicht gewollt - ob das von Nutzen für unsere Patienten ist?? zum Beitrag »

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