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Psychiatrie

ADHS ist nicht nur eine "Kinderkrankheit"

ADHS bei Erwachsenen wird häufig übersehen: Die Erkrankung manifestiert sich anders als bei Kindern. Oft suchen Betroffene ihren Arzt wegen Begleiterkrankungen wie Depression, Suchterkrankungen oder Angststörungen auf.

Von Sandra Trauner Veröffentlicht:
Impulsivität und innere Unruhe — das können ADHS-Symptome bei Erwachsenen sein.

Impulsivität und innere Unruhe — das können ADHS-Symptome bei Erwachsenen sein.

© Frank Emari / fotolia.com

FRANKFURT AM MAIN. Nicht nur Kinder können unter der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden.

Erwachsene sind ebenso betroffen, wenn auch seltener. Zudem sieht ADHS bei Erwachsenen anders aus, erklärt Professor Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie der Frankfurter Universitätsklinik.

Drei Hauptsymptome nennt Reif: innere Unruhe, Impulsivität und Schwierigkeiten, Aufmerksamkeit und Stimmung zu regulieren.

Dabei kann das Pendel auf beide Seiten ausschlagen: Patienten sind einerseits extrem leicht ablenkbar — oder sie "überfokussieren" ein Detail.

In manchen Bereichen kann das sogar hilfreich sein, zum Beispiel im Sport, wie beim Schwimmer Michael Phelps, der ADHS-Patient ist.

Zu Höchstleistungen fähig

"Viele suchen das Extreme, den Kick. Wer in der Lage ist, das positiv zu nutzen, ist zu Höchstleistungen fähig", erklärt Reif. "Man kann sagen: Diese Patienten bringen unsere Gesellschaft schon auch weiter."

Aber auch bei Strafgefangenen finde man überdurchschnittlich viele Menschen mit ADHS. "Den einen bringt die Krankheit ins Gefängnis, den anderen aufs Podest — je nachdem, was an Lebensgeschichte und Biologie noch hinzukommt", formuliert der Psychiater provokant.

Bei etwa der Hälfte der ADHS-Kinder verschwindet die Krankheit beim Heranwachsen. Der Großteil der anderen Hälfte behält einzelne Symptome, ohne dadurch krank zu sein. "Nur bei 15 Prozent haben die Symptome Krankheitswert.

Das entspricht etwa einem Prozent der Bevölkerung", rechnet Reif vor. Bei Erwachsenen verstecke sich ADHS oft hinter Begleiterkrankungen, erklärt Oberärztin Sarah Kittel-Schneider.

Viele erwachsene ADHS-Patienten hätten Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen und suchten aus diesem Grund Hilfe.

Der Zusammenhang: "Sie verbrauchen viel mehr Kraft, um ein normales Leben zu führen, und haben ein höheres Risiko, noch an weiteren psychischen Störungen zu erkranken."

Geringere Lebenserwartung

Menschen mit ADHS haben eine geringere Lebenserwartung und ein verdoppeltes Risiko, vorzeitig zu sterben, zeigt eine dänische Studie (Lancet 2015; online 25. Februar).

S¢ren Dalsgaard von der Universität Aarhus verglich in der Untersuchung die Lebensläufe von knapp zwei Millionen Dänen mit denen von 32.000 ADHS-Patienten. Resultat: Überdurchschnittlich viele von diesen starben, etwa nach Unfällen.

Für "absoluten Humbug" hält Reif die weit verbreitete Ansicht, ADHS sei eine erfundene Modediagnose oder eine Marketing-Idee der Pharmaindustrie.

"Das sind Vorurteile, die nicht durch Fakten gedeckt sind. Die Krankheit gibt es wirklich, darüber besteht in der wissenschaftlichen Medizin kein Zweifel. Sie führt zu erheblichen Leiden, kann aber auch gut behandelt werden."

Häufig nicht erkannt

Dem schließen sich nicht alle Mediziner an. Viele Kollegen würden ADHS bei Erwachsenen nicht erkennen, sagt Kittel-Schneider. "Ältere Kollegen erkennen nicht mal die Krankheit als solche an."

Auch Betroffene sind demnach nicht immer offen für die Diagnose. "Einige sehen das als Teil ihrer Persönlichkeit an — das ist natürlich in Ordnung", sagt Kittel-Schneider.

"Man muss das nicht Krankheit nennen, wenn die Menschen damit im Leben einigermaßen zurechtkommen."

Auch wegen der schwierigen Diagnose ist Grundlagenforschung wichtig. "Wir wollen die Neurobiologie hinter der Erkrankung verstehen", nennt Reif ein Ziel seiner Arbeitsgruppe.

ADHS habe "mit die höchste genetische Komponente von allen psychiatrischen Erkrankungen" — das gelte es zu nutzen, etwa für neue Medikamente.

Seine Arbeitsgruppe sucht auch nach Biomarkern, um die Diagnose schneller und sicherer zu stellen. In der Forschung sei "schon noch Luft nach oben". (dpa)

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