Ärzte Zeitung, 24.08.2006

Wehe denen, die am Airport zürnen!

Fluggäste in den USA werden von Terrorfahndern einer Gesichtskontrolle unterzogen

Von Hans Dahne

Fluggäste in den USA brauchen gewöhnlich viel Zeit für Sicherheitskontrollen und jetzt auch noch gute Nerven. Zornesfalten, zusammengepreßte Lippen, aber auch nervöses Reiben am Kinn oder Anflüge von Angst sollte man als Passagier möglichst unterdrücken. Denn auf zwölf großen US-Flughäfen unterziehen Mitarbeiter der Transportsicherheitsbehörde (TSA) derzeit Fluggäste einer "psychologischen Gesichtskontrolle".

Für Fluggäste wie hier am Dulles Airport in Virginia gilt es, cool zu bleiben. Foto: dpa

Die Beamten sollen aus einer anonymen Masse von gestreßten oder gelassenen Reisenden jene herausfiltern, die Böses im Schilde führen oder etwas zu verbergen haben - wie vor allem Terroristen. Das Programm ist umstritten. Kritiker wie die Bürgerrechtsunion ACLU befürchten, daß Fluggäste allein wegen ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit ins Fadenkreuz der Sicherheitskräfte geraten könnten.

Auch Raucher sehen sich schon im Visier von Terrorfahndern

Auch Raucher sehen sich wegen plötzlicher Entzugserscheinungen im Visier von Terrorfahndern. "Ich gebe zu, daß ich nach vier bis fünf Stunden mit grobem Flugpersonal, stinkenden Flugzeugen und ohne Zigaretten etwas verrückt bin", schreibt Frank Bradford in einem Diskussionsforum der Tageszeitung "USA Today".

Leser Bob schlägt vor, künftig zwei Schlangen vor den Sicherheitskontrollen einzuführen: Eine für ungeduldige Passagiere, die in 15 Minuten abgefertigt würden und dafür einen "unsicheren Flug" riskierten, und eine für "sichere Flüge" mit stundenlangen Kontrollen.

Die Transportsicherheitsbehörde versucht, die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen. Sie argumentiert, daß anhand des Gesichtsausdrucks und der Körpersprache der Unterschied zwischen Kriminellen sowie jenen Reisenden auszumachen ist, die unter Flugangst leiden oder auf lange Warteschlangen wütend und gestreßt reagieren.

Wer beispielsweise in Boston, Houston oder Washington Aufmerksamkeit erregt, wird zuerst von den Beamten in ein harmloses Gespräch verwickelt. Die Sicherheitskräfte studieren dabei das weitere Verhalten und entscheiden dann, ob die auffällige Person einer "Tiefeninspektion" unterzogen wird.

Ein vorgeschobenes Kinn deutet auf Zorn hin

Die "New York Times" veröffentlichte Fotos mit sechs verschiedenen Gesichtsausdrücken einer jungen Frau, die jeweils für eine Gefühlslage stehen. Danach symbolisieren hoch gezogene Augenlider Angst. Ein vorgeschobenes Kinn oder zusammengepreßte Lippen deuten auf Zorn hin. Heruntergezogene Mundwinkel drücken Traurigkeit aus.

Knapp fünf Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und wenige Wochen nach den angeblich geplanten Anschlägen auf Passagierflugzeuge in London wollen die USA ihre Sicherheitskontrollen auf Flughäfen weiter verstärken. Mutmaßliche Terroristen sind den Gesichtsfahndern nach US-Medienangaben zwar bislang nicht ins Netz gegangen, dafür aber Personen mit gefälschten Dokumenten oder fehlender Aufenthaltsgenehmigung.

Bei der israelischen Fluggesellschaft El Al sind psychologische Kontrollen längst gang und gäbe. Nur mußte diese 2005 gerade mal gut 3,5 Millionen Fluggäste pro Jahr kontrollieren. Die US-Behörden stehen vor einer unvergleichbar größeren Aufgabe. Laut Transportstatistik wickelten die Fluggesellschaften in den USA im vergangenen Jahr elf Millionen Flüge ab. Etwa 746 Millionen Passagiere flogen quer durch die Vereinigten Staaten oder ins Ausland.

Der Vorsitzende des Ausschusses für Heimatschutz im US-Abgeordnetenhaus, Pete King, räumt ein, daß es trotz der neuen Maßnahmen keine absolute Sicherheit bei Flügen gebe. Derzeit würden erst zehn bis 15 Prozent der Luftfracht in Passagierflugzeugen inspiziert, sagte King dem Fernsehsender Fox News. Eine weitere Gefahr drohe durch Angriffe mit Mörsergranaten oder Raketen. (dpa)

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