Ärzte Zeitung online, 11.09.2013

Bei Kindern

Sitzt die Depression im Bauch?

Wer als Kind häufig ungeklärte Bauschmerzen hat, ist gefährdeter für eine psychische Erkrankung im späteren Leben. Das zeigt eine US-Studie.

Von Christine Starostzik

Sitzt die Angst schon im Kinderbauch?

Funktionelle Bauchbeschwerden sind im späteren Leben mit einer erhöhten Rate an Angststörungen assoziiert.

© somenski / fotolia.com

NASHVILLE. Schon in früheren Querschnittstudien hatte sich bei Kindern mit funktionellen Bauchbeschwerden eine besondere emotionale Auffälligkeit gezeigt.

In einer prospektiven Studie haben Grace D. Shelby und Kollegen von der Vanderbilt University in Nashville die Symptome junger Bauchweh-Patienten nun bis ins Erwachsenenalter hinein verfolgt (Pediatrics 2013; online 12. August).

Sie schlossen 332 Kinder zwischen 8 und 17 Jahren mit funktionellen Bauchschmerzen über mindestens drei Monate und 147 Kontrollprobanden ohne derartige Beschwerden in die Studie ein. Patienten mit organischen Erkrankungen wurden nicht berücksichtigt.

Nach einem Follow-up von 4 bis 16 Jahren wurden bei den Probanden in einem Durchschnittsalter von 20 Jahren erneut die gastrointestinale und die psychische Gesundheit überprüft.

Sozialphobie häufigste Angststörung

Im Vergleich zu den Kontrollen errechneten die Autoren für die Bauchschmerz-Gruppe ein 4,6-fach höheres allgemeines Lebenszeitrisiko für eine psychische Erkrankung. Zum Evaluationszeitpunkt im Follow-up litten 3,6-mal mehr junge Erwachsene als in der Kontrollgruppe an einer seelischen Störung.

Bei 30 Prozent der Probanden, die in Kindertagen von funktionellen Bauchschmerzen geplagt waren, wurde im jungen Erwachsenenalter eine Angststörung diagnostiziert (vs. 12 Prozent in der Kontrollgruppe). Das kalkulierte Lebenszeitrisiko für eine Angsterkrankung lag bei 51 Prozent (vs. 20 Prozent bei den Kontrollen).

Nach Berücksichtigung von Alter und Geschlecht ergab sich gegenüber den bauchwehfreien Kontrollen eine Odds Ratio (OR) von 3,6 für aktuelle Angststörungen und von 4,6 für das Lebenszeitrisiko für eine solche Erkrankung. Besonders häufig bestand eine Sozialphobie.

Ein signifikanter Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen kindlichem Bauchschmerz und Depression ergab sich nur für das Lebenszeitrisiko (40 vs. 16 Prozent in der Kontrollgruppe, OR 2,6).

Bauchweh überstanden - die Angst bleibt

In einer Subgruppenanalyse wurden die Probanden, die als Kinder unter funktionellen Bauchschmerzen gelitten hatten, in solche mit bestehenden gastrointestinalen Erkrankungen (FGID) wie Reizdarmsyndrom oder funktioneller Dyspepsie nach den Rom-III-Kriterien (FGID-positive) und solche ohne aktuelle Bauchbeschwerden (FGID-negative) im Erwachsenenalter eingeteilt.

Aktuelle Angststörungen zeigten sich bei 40 Prozent der FGID-positiven und bei 24 Prozent der FGID-negativen Probanden, im Vergleich zu 12 Prozent der Kontrollen.

Als Lebenszeitrisiko für mindestens eine Angsterkrankung errechneten die Autoren 63,9 bzw. 42,7 Prozent gegenüber 20,4 Prozent in der Kontrollgruppe. So waren im Erwachsenenalter zwar die Bauchschmerzen überwunden, die Angst jedoch blieb bei vielen Probanden bestehen.

In den meisten Fällen hatten die Angsterkrankungen bereits vor Einsetzen des Dauerbauchschmerzes oder etwa zur gleichen Zeit begonnen, Depressionen dagegen zeigten sich meist erst später. Entsprechend ergaben sich signifikant erhöhte Risiken für eine Depression auch nur beim Lebenszeitrisiko (FGID-pos. Probanden: OR 4,1 vs. Kontrollen; FGID-neg. 1,8 vs. Kontrollen).

Auch andere psychische Erkrankungen wie Manie, Essstörung, somatoforme Störung, Sucht und Verhaltensstörungen wurden untersucht. Hier ergaben sich allerdings keine signifikanten Hinweise auf einen Zusammenhang.

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen, wie wichtig es ist, bei Patienten mit funktionellen Bauchschmerzen auch auf Angststörungen und Despressionen zu achten. Möglicherweise löst deren Behandlung ja auch den Knoten im Bauch.

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